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Deutschland

Tod im Kinderzimmer

Die Zahlen des Wiesbadener Bundeskriminalamtes sind erschreckend: Drei Kinder werden im Durchschnitt jede Woche getötet. Kinderschützer kennen die Ursachen und sind dennoch oft hilflos.

Sie sind nur wenige Tage oder Wochen alt und werden so stark geschüttelt, dass ihr Genick bricht. Sie erhalten zu wenig oder gar nichts zu essen und verhungern. Sie werden geschlagen, gequält und vergewaltigt. Oft werden Kinder auch ermordet, weil ihre Peiniger ihre Taten vertuschen wollen. Es sind die hässlichsten und dunkelsten Seiten Deutschlands, die die Polizei registriert. Im vergangenen Jahr sind 146 Kinder unter Umständen gestorben, die strafrechtlich verfolgt werden mussten. Sie wurden Opfer von Gewalt und Verwahrlosung im engsten Familienkreis. Die meisten Kinder wurden nicht einmal sechs Jahre alt. Über dreißigtausend Jungen und Mädchen mussten 2011 von den Jugendämtern "in Obhut" genommen und von ihren Eltern getrennt werden. Die Kinder wurden schließlich in Heimen oder bei geprüften Pflegeeltern untergebracht.

Normalerweise sind es die Jugendämter, die über das Wohl der Kinder wachen sollen, also staatliche Behörden, die es in fast jeder deutschen Stadt oder Gemeinde gibt. Ihre Pflicht ist es, bei Fehlentwicklungen einzuschreiten. Aber von vielen Fällen wissen die Jugendämter gar nichts, weil sie überwiegend auf Hilfsersuchen der Eltern selbst oder auf fremde Hinweise angewiesen sind.

Hilfeschreie ignoriert

Eine leere Kinderschaukel (Foto: dpa)

Oft werden Hilferufe nicht richtig verstanden

Oft gibt es sogar eindeutige Hinweise von Nachbarn oder Kinderärzten an die Jugendämter. Doch  diese Aussagen wurden in etlichen Fällen nicht wirklich ernst genommen. Bei anderen Vorkommnissen gab es zwar Überprüfungsbesuche von Mitarbeitern der Jugendämter vor Ort bei den Eltern. Aber die Lage bei verdächtigten Familien wurde oft als "unauffällig" eingestuft und damit falsch gedeutet. "Viele Jugendämter sind so schlecht ausgestattet, dass sie ihre Aufgabe gar nicht mehr wahrnehmen können", erläutert Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks.

Martin Krummeich, Diplom-Pädagoge bei der Familienberatung der Stadt Köln, will nichts beschönigen. Er verweist aber auf die Situation, die auch viele seiner Kollegen in anderen Städten betrifft. Es werde seit Jahren am Budget staatlicher Kontroll- und Beratungsstellen gespart. Gleichzeitig hätten die Jugendämter mit dem neuen Kinderschutzgesetz 2012 immer mehr Aufgaben zugeteilt bekommen. Angeordnet werden von der Politik mehr Hilfen für Alleinerziehende, zusätzliche Hilfen bei Scheidungsfällen, mehr Hilfen speziell für Migranten. Die Jugendämter sollen ihre Zielgruppen erweitern und bei der Fallbearbeitung auch noch in "multiprofessionellen Teams" zusammen arbeiten. Das soll einzelne Fehlentscheidungen vermeiden helfen. Die Folge aber ist, dass sich manche Fallbearbeitung in die Länge zieht.

Überlastete Eltern

Eine zerbrochene Puppe liegt am Boden (Foto: dpa)

Die Folgen von Gewalt an Kindern sind kaum zu heilen

Das eigentliche Problem sind aber nicht bürokratische Kontrollen oder Fehlleistungen von Behörden.  Das eigentliche Drama ist eine gesellschaftliche Fehlentwicklung. Generell werden Kinder in Deutschland mehr als Belastung denn als Bereicherung des Lebens angesehen. "Wenn Kinder lautstark spielen, wird das als Lärm empfunden", bringt es Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk auf den Punkt. Die Politik musste sogar ein eigenes Gesetz schaffen, das es künftig unmöglich macht, gegen Geräusche von Kindergärten zu klagen. Das sage viel über die wahre Einstellung gegenüber Kindern aus, meint Hofmann.

"Immer mehr Eltern fühlen sich im Alltag schlicht überfordert", berichtet Helga Kuhn, Sprecherin von Unicef Deutschland. In vielen Familien seien beide Elternteile finanziell darauf angewiesen, einem Job nachzugehen. Besonders junge Mütter und Väter gerieten dabei in Stress. Nach Schätzungen des deutschen Kinderschutzbundes erziehen 13 Prozent der deutschen Eltern "gewaltbelastet". Weil Gewalt gegen Jungen und Mädchen meist von den Menschen ausgeübt wird, denen die Kinder am meisten vertrauen, schweigen viele Opfer. Selbst ältere Kinder wissen häufig nicht, wohin sie sich wenden sollen, wenn sie sich wehren wollen.

Gegenmaßnahmen

Ein Kinderarm mit medizinischen Schläuchen (Foto: Stephan Morrosch)

Netzwerke sollen Gewalt an Kindern eindämmen

"Wir vermissen Menschen an Schulen, an die wir uns für Themen wie Gewalt und Sexualität wenden können", hört Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk immer wieder bei Befragungen von Kindern. Mehr öffentliche Aufklärung und frühzeitige Hilfen fordert daher Helga Kuhn von Unicef Deutschland. "Die Zusammenarbeit von Schulen, Jugendämtern und Sozialarbeitern ist in Deutschland sicher noch verbesserungswürdig". Es dürfe nicht sein, dass bei der Unterstützung von Familien gespart wird. Viele Institutionen, darunter die "Bundeskonferenz für Erziehungsberatung", arbeiten an reaktionsschnellen Netzwerken. Die Bemühungen scheinen sich zu lohnen. Seit Jahren sind die Zahlen der durch Gewalt getöteten Kinder in deutschen Familien rückläufig. Im Jahr 2000 waren es noch rund 300 Kinder. Sechs Jahre später rund 200.

Aussagekräftige Vergleichsstatistiken zu anderen europäischen Ländern gibt es nicht. Aber die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat im Jahr 2009 eine vergleichende Untersuchung zu Gewalt an Kindern gefördert. In den Ländern Schweden, Österreich, Deutschland, Spanien und Frankreich wurden 5000 Eltern gefragt, ob sie Kinder auch schon einmal mit Gegenständen geschlagen hätten. Nach der Studie gab es die wenigste Gewalt in Schweden (1,8 Prozent). Das Land trat 1979 als erstes der UN-Kinderrechtskonvention bei. In Deutschland lag die Gewaltanwendung der Studie zufolge bei 5,6 Prozent und damit leicht höher als in Frankreich (4,5 Prozent). Spanien hatte mit 6,7 Prozent die höchste Quote. Spanien verankerte die gewaltfreie Erziehung im nationalen Recht erst im Jahr 2007. Nach Schätzungen von Unicef werden jedes Jahr 500 Millionen Kinder weltweit Opfer von Gewalt.