1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Tod durch Wasser und Wässerchen

Auch Russland schwitzt: Noch nie war es in den letzten 130 Jahren so lang so heiß und trocken. Die Russen behelfen sich mit einem Sprung ins Wasser und dem Griff zur Wodka-Flasche. Für viele endet das tödlich.

Logo Fernschreiber Moskau

Seit Beginn des Sommers sollen rund 1500 Menschen in Russlands Seen und Flüssen ertrunken sein. Das melden die Behörden. Und sie weisen jede Verantwortung gleich von sich: Die meisten der Ertrunkenen hätten sich nicht an beaufsichtigten Stränden und Ufern erfrischt. Sie seien wild baden gegangen. Und sie seien schwer betrunken gewesen.

Lieber ein Mittagsschläfchen

Russland hat ein Alkoholproblem, das ist lange bekannt. Staats- und Kremlchef Dmitri Medwedew versuchte, wie viele seiner Vorgänger, dagegen vorzugehen. Im vergangenen Winter ließ er per Dekret die Wodkapreise erhöhen. Nun zeigt der Sommer: es hat nichts gebracht. Drei Viertel aller tödlichen Badeunfälle gingen auf den Alkohol zurück, dreimal mehr Menschen als im Vorjahressommer seien deshalb während dieser Hundstage schon ertrunken, so Russlands Statistiker.

Die Gesundheitshüter des Landes warnen nun vor Hitze und Hochprozentigem. Zeitungen und Staatsfernsehen sind voll von Horrorgeschichten über das Bad im Vollrausch. Russlands Amtsärzte empfehlen, lieber ein Mittagsschläfchen zu halten.

Fehlende Vorsichts-Kultur

Doch das Problem liege tiefer, warnen einige Kommentatoren. Die Wasser- und Wodkaleichen zeigten ein völliges Fehlen einer nationalen Vorsichts-Kultur. Selbst an bewachten Stränden seien Rettungskräfte oft schlecht ausgebildet oder einfach machtlos. Brennt die Sonne vom Himmel, wollen viele Russen offenbar nur eins: Spaß im kühlen Nass. Mit Vollgas, dicker Badehose und einem ordentlichen Schuss im Blut geht es in die Fluten oder unerfahren und übermütig auf Wassermotorräder und Rennbote - Hauptsache, die heißen Badenixen sind schwer beeindruckt. Auch das scheinen die Zahlen der Statistiker zu belegen: 90 Prozent der Opfer sind Männer.

Dass Wasser und Wässerchen, also Wodka, nicht zusammen passen, das halten viele Russen für ein Gerücht. Es hat ihnen auch schon lange niemand mehr anders erzählt. Zwar haben einige Schulen eigene Schwimmbäder. Doch erschwingliche öffentliche Bäder sind Mangelware. Schwimmen gilt in Russland als Luxus. Ein tödlicher Irrtum, wie sich in diesen Tagen zeigt.

Markus Reher, Moskau

Redaktion: Dеnnis Stutе