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Kultur

Tod an der Grenze

Sie machten Urlaub in Bulgarien, um über Griechenland in den Westen zu fliehen. Nicht wenige DDR-Bürger wurden dabei erschossen. Ein deutscher Politologe hat sich vorgenommen, diese Mordfälle aufzuarbeiten.

Blick auf eine Grenzsperre an der Gedenkstätte Point Alpha bei Rasdorf in der hessischen Rhön (dpa)

Grenzsperre an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Hessen

Für viele Deutsche ist Bulgarien heute ein begehrtes Urlaubsland. Für DDR-Bürger war der Nachbar am Schwarzen Meer schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein Ferienparadies. Nicht wenige von ihnen sind aus ihrem Urlaub dort jedoch nie zurückgekehrt. Sie wollten ihn zur Flucht in den Westen nutzen - und wurden an bulgarischen Grenzen erschossen.

Aufarbeitung notwendig

Die Aufarbeitung der Geschichte und der totalitären Gewaltherrschaft ist in Bulgarien noch nicht abgeschlossen. Für ein Land, das 2007 der EU beitritt, sei das aber absolut notwendig und unverzichtbar, meint der Berliner Politologe Stefan Appelius. Der Privatdozent für Politikwissenschaft an der Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Universität hat ein Jahr an der Sofioter Universität unterrichtet.

Die Zeit in Bulgarien nutzte er für Recherchen. Sie ergaben unter anderem, dass es viel mehr DDR-Bürger waren als bisher angenommen, die beim Fluchtversuch in den Westen in Bulgarien erschossen wurden. "Am Anfang meiner Recherchen waren acht Personen deutscher Staatsbürgerschaft bekannt, die in Bulgarien getötet worden sind", sagt Appelius. Innerhalb relativ kurzer Zeit sei diese Zahl auf fünfzehn gestiegen.

Hohe Dunkelziffer

Seit einem Interview im deutschen Fernsehen liegen ihm Hinweise auf mindestens ein weiteres Dutzend toter DDR-Bürger vor, deren Fälle geprüft werden sollen. Für Appelius ist dies ein trauriges und düsteres Kapitel, das auch in Deutschland völlig unbekannt sei. Bei den bekannten Fällen gehe es nur um die Spitze eines Eisberges, sagt Appelius. Vor kurzem habe er die Information aus Bulgarien bekommen, dass es in den siebziger Jahren Fälle gegeben habe, in denen bereits festgenommene DDR-Bürger exekutiert und verscharrt worden seien. Dem sei eventuell eine Rücksprache mit zuständigen DDR-Stellen vorausgegangen.

Diese Menschen sind in Deutschland nicht als Opfer, sondern vermutlich als Vermisste gemeldet. Appelius will jetzt die bulgarische Bevölkerung über die Medien ansprechen – er hofft auf Zeugen, die Hinweise auf diese Ereignisse geben können.

Bei den Fällen, in denen die Erschossenen direkt im Grenzgebiet verscharrt wurden, haben die Angehörigen in Deutschland gar nicht erfahren, dass ihre Verwandten in Bulgarien getötet wurden. Es gab bis Mitte der siebziger Jahre Fälle, in denen ostdeutsche Staatsbürger getötet, anschließend in Krankenhäusern obduziert und dann auf verschiedenen Friedhöfen in Bulgarien zumeist anonym bestattet wurden.

Unklarheit über letzten Mauertoten

Der frühere DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz und Guenter Schabowski 1996 vor Gericht (AP Photo)

1996 angeklagt wegen Schießbefehlen an die Mauerschützen: Egon Krenz und Günter Schabowski

Appelius stieß in Bulgarien auf weitere verblüffende Fakten. Als letzter Mauer-Tote gilt offiziell ein 20-Jähriger, der am 3.Februar 1989 versuchte, die Mauer in Berlin zu überwinden und dann im Teltow-Kanal erschossen wurde. Die Täter wurden zu Haftstrafen verurteilt, die später auf Bewährung ausgesetzt wurden. Appelius behauptet nun, dass dies nicht der letzte Fluchtmord gewesen sei: Der letzte DDR-Flüchtling sei nicht in Deutschland, sondern in Bulgarien erschossen worden - am 7. Juli 1989 an der Grenze zu Griechenland.

Über seine Forschungen schreibt Appelius ein Buch. Darin will er auch beleuchten, welche Rolle die DDR-Behörden und die Botschaft in diesem ganzen System spielte. Der Politologe ist überzeugt, dass seine Nachforschungen ganz konkrete Folgen haben könnten. Dann etwa, wenn in Deutschland Leute zur Rechenschaft gezogen werden, die ihr Tun bisher nicht verantworten mussten. Appelius sagt, er habe bereits einige Personen im Visier.

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