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Sport

Toben macht schlau

Die Zahlen sind alarmierend: Vielen Kindern in Deutschland fehlt es an Bewegung. Sie sind nicht mehr so fit wie früher, und immer mehr haben Übergewicht. Sport kann helfen und sogar die Konzentration verbessern.

Trainerin Michaela Nellesen beim Kinderturnen des Pulheimer SC am 5.11.2012 ((Foto: Jens Krepela/DW))

Michaela Nellesen leitet seit 15 Jahren Gruppen im Kinderturnen

"Früher sind immer ein paar Kinder die Seile in der Turnhalle bis nach ganz oben geklettert", erzählt Kinderturn-Leiterin Michaela Nellesen, "Das schafft heute kein Kind mehr." Blickt sie zurück auf die mehr als 15 Jahre, in denen sie nun schon Kinderturnen für ihren Sportverein nahe Köln anbietet, fallen ihr viele solcher Beispiele ein: Kinder die nicht mehr balancieren können oder die nicht einmal mehr mit einem Ball etwas anzufangen wissen. "Das ist erschreckend", sagt Nellesen.

Ihre persönliche Beobachtung deckt sich mit Ergebnissen aus der Wissenschaft. Bei standardisierten Tests wie Weit- oder Hochsprung aus dem Stand schneiden Mädchen und Jungen heutzutage um etwa zwölf bis 20 Prozent schlechter ab als 1976. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Untersuchung der Universität Karlsruhe. Wenn Kinder nicht mehr so sportlich sind wie früher, ist das im Grunde noch kein Problem. Allerdings hat die Bewegungsarmut Folgen: Die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt, und mit ihr das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Haltungsschäden oder Herz-Kreislauferkrankungen.

Kampf dem Übergewicht

In Deutschland sind mittlerweile rund 15 Prozent der Kinder ab drei Jahren zu dick. Und die Tendenz steigt. Am Ende der Grundschulzeit hat nach Forschungen der Deutschen Sporthochschule in Köln schon jedes vierte Kind zu viel auf den Rippen. Falsche Ernährung, Schlafverhalten, soziale Herkunft - Ursachen gebe es viele, erklärt Mathias Bellinghausen von der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Der bedeutendste Faktor, den wir auch am ehesten beeinflussen können, ist aber der Bewegungsmangel." Dort setzt die Initiative "Klasse in Sport" (KiS) an, die Bellinghausen managt. Das Programm ermöglicht Grundschulkindern an über 120 Partnerschulen täglich eine Form von Bewegung. "Das können zusätzliche Sportstunden sein oder auch eine aktive Pause, in der die Kinder in Bewegung kommen", erklärt Bellinghausen. "Selbst im Unterricht lassen sich Bewegungselemente einbauen."

((Foto: KiS - Deutsche Sporthochschule Köln)) Sportfest der Aktion Klasse in Sport der DSHS ((Foto: KiS - Deutsche Sporthochschule Köln))

An der KiS-Studie der Sporthochschule nahmen rund 2800 Kinder teil

Bessere Noten durch mehr Bewegung

Wie notwendig solche Programme sind, zeigt die Erfahrung von Trainerin Michaela Nellesen: "Beim Turnen kommen immer wieder Kinder zu mir, die verwirrt sind, weil sie schwitzen. Die kennen das gar nicht." Ihrer Meinung nach tragen die Eltern einiges dazu bei. Oft würden die Kleinen zu sehr behütet. Eine Einschätzung, die Sozialpädagoge Bellinghausen teilt: "Manche Eltern fahren ihre Kinder zum Beispiel immer mit dem Auto zur Schule, auch wenn es nur ein paar hundert Meter sind."

Dabei tut den Kindern jede Form von Bewegung gut. Dieses einfache Rezept belegen die Studienergebnisse der Initiative "Klasse in Sport" eindeutig. Der Anteil der übergewichtigen Kinder unter den Teilnehmern wurde um 30 Prozent gesenkt. Die Kinder haben mehr Kraft, können länger toben und haben sich auch koordinativ deutlich verbessert. Was für Eltern aber noch viel wichtiger sein dürfte, ist die Tatsache, dass die Kinder sich auch besser konzentrieren können. Diese Erkenntnis haben die Forscher der Sporthochschule in einer griffige Formel zusammengefasst: "Toben macht schlau!"

Bilder zum Thema: Kindersport - bewegung macht schlau Quelle: Deutschen Sporthochschule Köln. Sportfest der Aktion Klasse in Sport der DSHS zugeliefert von: JENS KREPELA 11/2012

Mathias Bellinghausen (hinten) koordiniert das Projekt "Klasse in Sport"

Appell an die Politik

Aufgrund dieser Ergebnisse fordern die Macher von "Klasse in Sport" eine Reaktion aus der Bildungspolitik in Deutschland. Nur so könne das Problem flächendeckend angegangen werden. Sport und Bewegung, oft als Nebensache abgetan, müssten in der Schule einen höheren Stellenwert genießen. "Nach Angaben der Lehrergewerkschaft GEW fallen allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen pro Woche 40.000 Stunden Sport aus oder werden fachfremd unterrichtet", verdeutlicht Bellinghausen. "In Deutsch oder Mathematik wäre diese Größenordnung undenkbar."

Die Bundesregierung hat reagiert. Bei näherem Hinsehen wirkt die Maßnahme jedoch halbherzig. "IN FORM" heißt der nationale Aktionsplan, der die rund 80 Millionen Erwachsenen und Kinder in Deutschland in Sachen Bewegung und Ernährung auf den richtigen Weg bringen soll. Dafür stehen gerade einmal fünf Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.   

Eltern in der Pflicht

Die Situation schnell und nachhaltig verbessern können nur die Eltern. Als Vorbilder werden sie von den Kindern genauestens studiert. "Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass das Bewegungsverhalten der Eltern zu 80 Prozent von den Kindern übernommen wird", erklärt Bellinghausen. Es sind also auch die Erwachsenen, die in Schwung kommen müssen. "Und sie sollten dem Nachwuchs mehr zutrauen", wünscht sich Turntrainerin Nellesen. Sie versucht, ihr Angebot anzupassen und beispielsweise mit Abenteuerparcours die Bewegungslust der Kleinen zu wecken. Das funktioniere ganz gut, sagt Nellesen und fügt hinzu, dass nicht alles schlechter geworden sei in den vergangenen Jahren: "Die Kinder sind heute viel selbstbewusster. Das finde ich eigentlich richtig gut."

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