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Fokus Osteuropa

Tito: Vom Märchenhelden zum Verräter und zurück

Die Erinnerung an den jugoslawischen Präsidenten Tito lebt vor allem von Mythen. Er war ein umstrittener Staatsmann, aber bis heute hat er in den Nachfolgestaaten Sympathisanten.

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Josip Broz Tito starb am 4. Mai vor 25 Jahren

Er war Schlosser, Führer der kommunistischen Revolution, "der größte Sohn aller Völker und Volksgruppen" und lebenslanger Präsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien: Josip Broz Tito. Auf seiner Beerdigung im Mai 1980 standen, inmitten des kalten Krieges, die Präsidenten der UdSSR und der USA, Leonid Breschnew und Jimmy Carter, nebeneinander, genauso wie Palästinenserführer Jassir Arafat, der irakische Diktator Saddam Hussein und die britische Premierministerin Margaret Thatcher. Heute, 25 Jahre nach seinem Tod, sind die Verbrechen des Tito-Regimes bekannt, aber Tito gilt in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wieder als Persönlichkeit, von der viele nur das Beste denken.

Tito wieder salonfähig?

"Tito, kehre zurück, Dir ist alles verziehen!" - Graffiti wie diese findet man mancherorts in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Ob die Menschen sich noch an den "Serbenfresser" oder an den "Kroatenhasser" erinnern, oder wie er auch immer in den Kriegsjahren bezeichnet wurde? Natürlich erinnern sie sich, und viele sagen jetzt öffentlich: "So schlimm war es doch gar nicht" oder: "Tito war im Vergleich zu den heutigen Politikern ein Demokrat".

Kultfigur in Bosnien-Herzegowina

Josip Broz Tito ist zum Mythos geworden - aber auch zur Kultfigur. Am meisten sieht man das wohl heute in Bosnien-Herzegowina: In Sarajevo hat Tito ein eigenes Café bekommen. Seit langem bestehen Internetseiten, die nur "unserem Marschall" gewidmet sind. 22 Vereine sind nach Tito benannt worden - und das in allen Teilen des ethnisch geteilten Landes.

Zlatko Dukic ist Vorsitzender einer dieser Vereine. Die Idee, die die Vereinsmitglieder verbinde, sei Titos antifaschistische Tradition, sagt er, obwohl sie sich schon bewusst seien, dass das politische System in Jugoslawien nicht ideal war. "Wer sagt, dass alles bestens war? Wenn alles so gut gewesen wäre, hätte Jugoslawien ja überlebt. Die Frage bleibt, ob Tito Demokrat war oder nicht. War es überhaupt möglich, dieses System in Zeiten der Block-Konfrontation ohne Repression aufrechtzuerhalten? Aber die Frage ist auch, ob das, was wir damals im Vergleich zu heute hatten, wirklich schlimmer war. Ich bin nicht so sicher, dass es uns heute besser geht."

"Protest gegen den heutigen Zustand"

Mit Tito verbindet Dukic auch die Erinnerung an eine Lebenskultur und einen Lebensstandard, den der Staat mit Auslandskrediten finanzierte - und mit dem er sich gleichzeitig auch den Frieden der Völker erkaufte. Muhamed Filipovic, der selbst mit 14 Jahren bereits unter Tito als Partisan kämpfte und heute Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist, meint deshalb, "das ist heute keine wirkliche Tito-Verehrung. Es ist ein Protest gegen den heutigen Zustand."

Umfrage: Wichtigster Kroate der Geschichte

In Kroatien hat jahrelang niemand gewagt, die Frage zu stellen, welchen Platz Tito in den Geschichtsbüchern einnehmen soll: Ist er der "größte Sohn Kroatiens" - denn sein Vater war Kroate - oder ist er doch ein Schurke - weil er den Vater des modernen Kroatien, Franjo Tudjman, ins Gefängnis warf? Diese Frage kam vor einigen Jahren auf, als die Fernsehzuschauer "den wichtigsten Kroaten der Geschichte" wählen sollten. Zwei Kandidaten standen zur Wahl: der damals noch amtierende Franjo Tudjman und Josip Broz Tito. Die Mehrheit sagte überraschenderweise: Tito.

Der Marschall als Pop-Ikone

Auch der umwerfende Erfolg des Filmes "Marschall" zeigte, dass Tito noch lange nicht seinen Platz in den Geschichtsbüchern Kroatiens räumen muss. Regisseur Vinko Bresan lässt darin Tito in Form eines Geistes in der heutigen Zeit wieder auferstehen. "Was mich nervt, ist, dass die Menschen es vermieden haben, über Tito zu sprechen, obwohl er so lange Teil unseres Lebens war." Im Film wird Titos Geist auf einer Adria-Insel gesichtet. Die alten Partisanen glauben, dass die Zeit gekommen sei, die Macht wieder zu übernehmen - die Stadtväter sehen darin hingegen eine Touristenattraktion. Für Regisseur Bresan ist das auch ein historische Einordnung: "Ich habe Tito in dem Film als Pop-Ikone dargestellt - so sehe ich ihn."

Enkel fürchtet um Andenken

In Serbien ist er zwar keine Pop-Ikone, aber auch dort meinen in einer Umfrage 80 Prozent der Befragten: "Tito war ein besserer Politiker als jene, die heute an der Regierung sind." Titos Enkel, der ebenfalls Josip Broz heißt und in Serbien lebt, findet, dass auch heute noch zu viele versuchten, den Ruhm seines Großvaters zu schädigen. "Viele Dinge werden vergessen. Wie war das Leben in unserer Nachbarschaft. Für die anderen Osteuropäer waren wir doch Amerika. Jetzt versuchen einige, dieses Andenken zu vernichten, weil sie dem Volk nicht mal ein Stück Brot zum Leben geben können."

"Wir mussten Blut vergießen für die Brüderlichkeit und Einheit unseres Volkes, und wir werden es nicht zulassen, dass jemand uns von innen untergräbt und unsere Brüderlichkeit und Einheit zerstört." So sprach Genosse Tito zu Lebenszeiten. Zerstört wurde die Brüderlichkeit und Einheit trotzdem. Die Menschen leben jedoch weiter in der Erinnerung. Tito wird sicher nicht zurückkehren - auch wenn ihm mancher alles verzeihen mag.

Azer Slanjankic
DW-RADIO/Bosnisch, 4.5.2005, Fokus Ost-Südost