Titelreif wie Boblegende Nehmer | Mehr Sport | DW | 17.02.2018
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Olympische Winterspiele

Titelreif wie Boblegende Nehmer

Nach der Pleite von Sotschi 2014 stehen die deutschen Bobsportler unter Druck. In Pyeongchang müssen sie Medaillen holen. Das Material dazu haben sie. Das allein reicht aber nicht, weiß Olympiasieger Nehmer.

Lake Placid 1980: Gold für Vierer-Bob DDR I (picture-alliance/dpa/Riethausen)

Meinhard Nehmer auf seiner Goldfahrt im DDR-Viererbob in Lake Placid 1980.

Eine kleine eingestaubte Schatulle hält Meinhard Nehmer in seinen Händen. Der 77-Jährige hat sie in seinem Haus auf Rügen erst hervorkramen müssen, solange hat er nicht mehr hineingeschaut. In dieser kleinen Schatulle stecken seine größten sportlichen Erfolge: drei olympische Goldmedaillen und vier WM-Titel - sein ganzer Stolz als Bobsportler, auch wenn er das nicht zur Schau stellt.

Dabei war Nehmer 1973 eher zufällig zum Bob gekommen. "Ich hatte davon gehört, ja.", sagt er im DW-Interview schmunzelnd. Sein Herz aber gehörte dem Speerwurf, den der Leichtathlet nach einer Schulter-Operation jedoch aufgeben musste. Ohnehin waren die Erfolge ausgeblieben. "Mit 32 wurde ich dann gefragt und fast überredet, ob ich nicht bei den Bobfahrern einsteigen möchte. Die DDR hatte diesen Sport für sich entdeckt, weil man hoffte, dort Medaillen zu holen. Und ich dachte, ich bin doch viel zu alt für eine neue Sportart!"

Tatsächlich erwies sich Meinhard Nehmer als absolutes Ausnahmetalent. Drei Jahre, nachdem er das erste Mal in einen Bob gestiegen war, gewann der Fahnenträger in Innsbruck 1976 gleich zwei Mal olympisches Gold - im Zweier und im Vierer. Bei den Winterspielen in Lake Placid vier Jahre später folgte der nächste Olympiatitel. Damit war der DDR-Sportler der bis dahin erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten.

Lake Placid 1980 - Bob gewinnt Gold (picture-alliance/dpa/H. Reeh)

Meinhard Nehmer (r.) feiert mit seiner DDR-Besatzung Olympiagold 1980 in Lake Placid

Wer gewinnen will, muss tüfteln

Dem Zufall überließ er nichts, erzählt der Hobbyjäger heute. "Nächtelang habe ich manchmal vor dem Bob gesessen. Wenn ich im Bett lag, kamen mir oft die besten Ideen, wie ich den Bob schneller machen könnte. Und dann bin ich nachts runter in den Keller und habe so lange getüftelt, bis es klappte." So leuchtete er mit einer Kerze oder einer Taschenlampe zum Beispiel die Kufen ab, die er fest auf eine glatte Platte drückte: Scheint auch wirklich kein Licht durch? Nicht einmal ein Staubkörnchen sollte hindurchpassen, die Auflage des Bobs auf dem Eis musste perfekt sein. Im Zweifel feilte Nehmer vorsichtig ein paar kleinste Millimeter von den Kufen ab.

Diese enge Verbindung zum Sportgerät haben die Piloten und Anschieber heute nicht mehr in dem Maße, sagt Meinhard Nehmer. Viele würden sich auf die hochmoderne Technik verlassen, glaubt der ehemalige Bundestrainer und Nationaltrainer der USA und Italiens.

Mit Hightech zu Höchstgeschwindigkeiten

Den Bob aber zu kennen macht den Unterschied: Podest oder abgeschlagen. Das weiß auch der Weltmeister Johannes Lochner, einer der olympischen Hoffnungsträger für die Winterspiele in Pyeongchang. Er gehört eben zu jenen Tüftlern, die fast alles selber machen. "Man findet die Fehler einfach besser", sagt der 27-Jährige. "Dabei ist es oft ein Glückstreffer, was den Bob am Ende schneller werden lässt." Wenn das Gerät geliefert wird, stellt Lochner die Sitzposition ein, verändert die Fußrasten, wenn nötig, baut er ein Polster für mehr Fahrkomfort ein und arbeitet an der Lenkübersetzung. Den Bob dann auf die Bahn und das Eis abzustimmen und die Spur einzustellen - das gehört zu seinem Finetuning. Ebenso die Tests im Windkanal mit dem gesamten Team, die es zu Nehmers Zeiten nicht gab.

"Die Bobbauer arbeiten heutzutage mit 3D-Modellen", erklärt der Pilot Lochner. "Das ist wie bei den Autos, da wird die Form auch immer weiter optimiert." Hinzu kommen Hightech-Materialien, die dafür sorgen, dass die Bobs auf der Bahn heute bis zu 150 km/h schnell werden.

Materialhochrüstung für Olympiagold

Der Bob- und Schlittenverband Deutschland (BSV) hat nach der historischen Pleite in Sotschi vor vier Jahren ordentlich investiert und für 330.000 Euro neue Bobs eingekauft. Und nicht nur das: Erstmals finanziert der BSD zwei Hersteller, nämlich die Marke des Österreichers Johannes Wallner und Material vom Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin, die sich in ihrer äußeren Form, in der Aerodynamik und in der Steuerung unterscheiden. Damit gehen die deutschen Bobteams mit zwei konkurrierenden Herstellern an den Start, ein Novum.

Dieses Aufrüsten ist offenbar von Nöten, wenn Deutschland wieder olympische Medaillen feiern möchte. Auch die Konkurrenz aus den USA, der Schweiz und Lettland beispielsweise hat viel Geld in neue Bobs investiert. Dahinter stecken öffentliche Forschungsstellen und Technik-Unternehmen. Gewinnt demnach nur das Team bzw. die Nation, die am meisten Geld hingeblättert hat?

Zumindest sind die deutschen Bobs schneller geworden. Bei der Weltmeisterschaft in Königssee 2017 hat das Team Lochner im Wallner-Bob mit 48,15 Sekunden bereits einen neuen Bahnrekord aufgestellt. "Das Material allein aber entscheidet nicht über Olympiagold", sagt Christian Rasp, Anschieber beim Team Lochner. "Es geht auch um einen schnellen Start, weil sich Zeitrückstände auf der Strecke schwer aufholen lassen. Und es geht um Teamwork der etablierten Fahrer. Olympiasieger wird das Team, bei dem alles drei stimmt: Material, Team, Start."

Gold ist der Plan, der Druck enorm

Bob - Nico Walther, Johannes Lochner und Francesco Friedrich (picture-alliance/dpa/A. Warmuth)

Goldkandidaten für Pyeongchang: Nico Walther, Johannes Lochner und Francesco Friedrich (v.l.n.r.)

Der BSD ist mit seiner Investition ein Risiko eingegangen. Dieses Risiko jedoch war notwendig, um im Weltcup und bei den Olympischen Winterspielen konkurrenzfähig zu sein. Jetzt müssen die deutschen Teams Johannes Lochner und Francesco Friedrich jeweils im Wallner-Bob sowie Nico Walther im FES-Bob liefern.

"Ich denke, dass die Leistungsdichte im Bobsport qualitativ und quantitativ noch nie so hoch war wie jetzt bei den Spielen in Südkorea.", sagt der ehemalige Nehmer-Schützling und heutige Bundestrainer Rene Spies. "Das wird das härteste Rennen, das es jemals bei Olympia gegeben hat. Ich glaube aber ganz fest daran, dass wir mit Blick auf das Material besser aufgestellt sind als damals vor Sotschi."

Bob-Trainer Meinhard Nehmer (picture-alliance/dpa/T. Schulze)

Von 2000 bis 2006 war Meinhard Nehmer Bundestrainer.

Immerhin: Deutschland reist aufgerüstet mit Doppelweltmeistern im Vierer und dem Weltmeister im Zweier zu den Olympischen Winterspielen nach Pyeongchang. Und es gibt einen, der den Teams nicht nur gute Chancen ausrechnet, sondern kräftig die Daumen drückt: Meinhard Nehmer. Er wird die Rennen zu Hause auf Rügen vor dem Fernseher verfolgen und dabei auch ein bisschen mitfiebern, wie er sagt. Denn "Ja, manchmal kribbelt es noch."

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