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Timoschenko: Kaum Heilungschancen vor Ort

Die einstige Ikone der ukrainischen Reformbewegung vertraut den Ärzten ihrer Heimat nicht. Sie möchte in Deutschland behandelt werden. Mediziner aus Berlin haben sie untersucht, ihr Gutachten ist beunruhigend.

Der Orthopäde Norbert Haas (links) und der Vorstandschef der Charité, Karl Max Einhäupl Foto: Heiner Kiesel, 27.4.2012, Berlin

Besorgt: Charité-Ärzte Norbert Haas und Karl Max Einhäupl

Dreimal hat Julia Timoschenko bisher Besuch von Fachleuten aus der Berliner Charité erhalten. Zuletzt wurde die inhaftierte Oppositionspolitikerin vor zwei Wochen im Eisenbahnerkrankenhaus in Charkiw (russ. Charkow) von Medizinern der Berliner Universitätsklinik begutachtet. ”Sie hatte am 5. Oktober einen Bandscheibenvorfall”, sagte der Neurologe Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, ”und leidet seither unter heftigen Schmerzen.” Es sei der Lendenwirbel L3 betroffen und es ließe sich ausschließen, dass Timoschenko simuliere. ”Die Symptome, die sie vor den Aufnahmen im Kernspintomografen geschildert hatte, entsprechen genau den Erwartungen”, schilderte Einhäupl seinen Eindruck nach dem Krankenbesuch in der Ukraine, ”sie konnte das nicht wissen.”

ARCHIV - Die ehemalige ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko sitzt in einem Gerichtssaal in Kiew, Ukraine, am 04 Juli 2011. Die kranke, ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko hat angeblich eine Behandlung in einer Klinik verweigert und ist zurück ins Straflager gebracht worden. «Es war unmöglich, sie im Krankenhaus zu behalten. Das ist kein Hotel», sagte die stellvertretende Gesundheitsministerin der Ex-Sowjetrepublik am Sonntag (22.04.2012) nach Medienangaben. (Zu dpa Timoschenko zurück aus der Klinik ins Straflager) EPA/SERGEY DOLZHENKO pixel

Julia Timoschenko beim Prozess

Der Orthopäde Norbert Haas sieht steigenden Handlungsbedarf, weil Timoschenko vor über einer Woche in Hungerstreik getreten sei. ”Der Hungerstreik wird ihre Situation verschlechtern und das Gesamtrisiko erhöhen.” Haas bezeichnete das Krankenhaus, in dem die zu sieben Jahren Haft verurteilte Politikern behandelt wird als ”relativ gut ausgestattet”, äußerte aber Bedenken am Behandlungskonzept. Außerdem habe Timoschenko das Vertrauen in die ukrainischen Mediziner vollständig verloren. ”Sie macht einen verzweifelten Eindruck”, sagte Einhäupl. Seiner Einschätzung nach hätten die Kollegen ihr Krankheitsbild nicht ernst genommen.

Appell an Janukowitsch

Ein Gebäude der Charité am Standort Mitte in Berlin Foto: Heiner Kiesel, 27.4.2012, Berlin

Die Charité in Berlin würde Timoschenko gerne aufnehmen

Einhäupl geht davon aus, dass Timoschenko nur in Deutschland erfolgreich behandelt werden könne. Das sei eine aufwändige und personalintensive Therapie, betonte er, ”mit einem mehrtägigen Besuch ist das nicht zu schaffen. Die Charité prüft derzeit, in welcher Form Timoschenko behandelt werden kann. Einhäupl appellierte an den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch: ”Seien Sie ein humanitären Werten verpflichteter Präsident und lassen sie Frau Timoschenko in das europäische Ausland ausreisen!” Darüber würden derzeit Gespräche auf höchster politischer Ebene geführt. Einhäupl hält die Ausreise für ”nicht sehr wahrscheinlich”.

Indessen hält die politische Diskussion darüber an, wie Deutschland auf die gesundheitliche Situation Timoschenkos und den Umgang Kiews mit der Gefangenen reagieren soll und kann. Bundespräsident Joachim Gauck sagte in Abstimmung mit der Bundesregierung eine geplante Reise in die Ukraine ab. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel dieses Jahr – wie bei ihr sonst üblich – zu den Europameisterschaftsspielen der deutschen Nationalmannschaft reist, ist noch nicht entschieden. Es gebe keine offiziellen Reisepläne, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert bezüglich der anstehenden Turniere in Lwiw und Charkiw. Zur EM-Teilnahme sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich laut Nachrichtenagentur DAPD: ”Ich hätte ein Problem, in einem Stadion zu sitzen, dort ein Spiel zu sehen und vielleicht zu jubeln und zu wissen, wenige Kilometer entfernt wird jemand nicht gemäß der Regeln behandelt, die wir uns gegeben haben.” Zuvor hatte sich Friedrich aber bereits gegen einen Boykott der Meisterschaft ausgesprochen.

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