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Schauspieler im Gespräch

Tilla Durieux erzählt ihr Leben - Mai 1968

"Das habe ich also erreicht, nachdem ich mit 72 Jahren den Mut hatte, wieder von Neuem anzufangen" - Tilla Durieux zieht eine Bilanz ihrer Karriere

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Die Schauspielerin Tilla Durieux, hier in der Titelrolle in "Die Hellseherin" vom August 1965 im Berliner Hebbel-Theater

"Der Spiegel" vom 1.3.71 wusste in seiner Rubrik "Register" Folgendes zu berichten: „Als 'Hirschkuh, welche Paprika gefressen hat', begrüßte 1903 der strenge Alfred Kerr die schöne, temperamentvolle Debütantin im Berliner Deutschen Theater." Doch der Anlass für den Artikel, in dem sich dieses Zitat befand, war alles andere als erfreulich: am 21.2 des gleichen Jahres verstarb im Alter von 90 Jahren eine der größten Persönlichkeiten der deutschen Bühne - Tilla Durieux. Gleichwohl hatte die einstige Bühnenkönigin eine grandiose Karriere und ein bewegtes Leben hinter sich.

Über Olmütz und Breslau nach Berlin

Geboren wurde sie am 18.8.1880 in Wien und hieß mit bürgerlichem Namen Ottilie Godefroy. Ihr Weg auf die Bühne begann mit einer Ausbildung an der Theaterschule Arnau in Wien (später sollte sie schreiben: "Meine Ausbildung war primitiv"), wonach sie in Olmütz im "Vogelhändler" 1901 debütierte. Ihr weiterer Weg führte sie nach Breslau, wo sie ein Jahr lang auftrat, bis sie schließlich 1903 nach Berlin kam, wo sie ihre "große Chance" nutzte. Wie so oft in dieser Branche, schaffte Tilla Durieux den "Sprung nach oben" durch eine Vertretung für eine erkrankte Kollegin. Zu dieser Zeit war Gertrud Eysoldt die unangefochtene Königin im Berliner Deutschen Theater. Als Ersatzbesetzung in einer Inszenierung von Oscar Wildes "Salomé" von Max Reinhardt begeisterte Tilla Durieux als Salomé sowohl die Kritiker als auch das Publikum. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 6.10.99 zitiert aus dem "Berliner Tageblatt": "Ihr Äußeres geht ins Extreme und ist wie geschaffen für die von soviel Ekstasen Geschüttelte." Der Weg zu einer bemerkenswerten Karriere stand ihr von nun an offen.

Dame, Kaiserin, Luder

Schauspielerin Tilla Durieux

Die Schauspielerin Tilla Durieux in einer ihrer Rollen 1914

Tilla Durieux wurde bald bei Max Reinhardt zu einer der ersten Darstellerinnen, mit denen er seine Inszenierungen besetzte. Zugleich gehörte sie zu jener Sorte von Schauspielern, die sich nicht nur auf ein bestimmtes Rollenfach spezialisierten. "Dame, Kaiserin, Luder" – mit diesen Worten soll Heinrich Mann, einer der zahlreichen und prominenten Verehrer der Aktrice, die Vielseitigkeit von Tilla Durieux umschrieben haben. Vielfache Gastspiele führten sie auf die Bühnen aller europäischen Hauptstädte und auch nach New York. Ihr charakteristischer Gesichtsausdruck inspirierte auch Maler und Bildhauer. Solche namhafte Künstler wie Pierre Auguste Renoir, Lovis Corinth, Max Liebermann oder auch Oskar Kokoschka - alle haben sie gemalt. Der später vom Nationalsozialismus auf die schwarze Liste gesetzte Bildhauer Ernst Barlach schuf zahlreiche Portraitbüsten von ihr. Doch ihre Ausstrahlung stieß auch auf Ablehnung. Tilla Durieux beschrieb das auf folgende Weise: "Auch war man noch immer nicht mit meinem Äußeren versöhnt, und nach der Aufführung von Hebbels 'Gyges und sein Ring' schrieb der Kritiker einer Berliner Tageszeitung: 'Wenn man so häßlich ist, soll man nicht die Rhodope spielen.' Daß nicht alle seiner Meinung waren, bewiesen mir die Maler, die Bilder von mir machten…"

Jahre der Emigration

Im März 1933 emigrierte Tilla Durieux von Deutschland zunächst in die Schweiz und dann nach Jugoslawien. Doch der Zweite Weltkrieg holte sie auch dort ein. In einem Buch erinnerte sie sich an diese Zeit: "Das erste deutsche Bombardement in Belgrad überraschte mich, und mit einer Schar unbekannter Menschen irrte ich zuerst in der Stadt herum, floh dann aufs Land und landete nach Tagen in den dunklen Wäldern in einem Bauerhaus. Nach Wochen konnte ich wieder Zagreb erreichen… Da ich die Sprache nicht beherrschte, verdiente ich mir mein Leben nach Abzug der Deutschen als staatliche Schneiderin." Dieser Zustand sollte bis 1952 andauern – erst dann kam ein neues Engagement als Schauspielerin.

Wieder erfolgreich

Vor allem Berlin wurde für Tilla Durieux zum Ort der Wiederkehr auf die Bühne, doch zu sehen war sie auch in Bremen und in anderen Städten. Seit 1957 folgten auch Engagements in Hörfunk und Fernsehen. In einem Gespräch mit Karla Höcker sagte sie über ihre Arbeit im Fernsehen: "…es macht mir eine Art höllischen Spaß! Als Kind erledigte ich meine Schularbeiten noch bei Gaslicht – und heute arbeite ich mit den modernsten Wiedergabemitteln, die es gibt." Tilla Durieux trat auch im Film auf. Zu sehen war sie unter anderem in den Filmen "Die Stärkere", "Anastasia, die letzte Zarentochter" oder "Auferstehung". Sie nahm auch zahlreiche Ehrungen und Preise entgegen, und sie selbst hat auch einen Preis gestiftet: ein Collier für die beste deutsche Schauspielerin, das nach zehn Jahren weitergegeben wird. Tilla Durieux starb am 21.2.71 an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

Im Mai 1968 erzählte Tilla Durieux im Studio der Deutschen Welle über ihr Leben.

Autor: Andreas Zemke

Redaktion: Diana Redlich

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