1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Tiertafeln

In deutschen Städten haben Tierfreunde sogenannte Tiertafeln ins Leben gerufen. Das Ziel: Tierliebhabern, die kein Geld haben, kostenfrei Futter zur Verfügung zu stellen. Oft wird auch den Menschen noch Trost gespendet.

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Tiertafel in Berlin versorgen eine Hundesbesitzerin, links, mit Tierfutter.

Tiertafel

Sprecher:
Es ist ein kühler Samstagvormittag in der bayerischen Hauptstadt München. Leute drängen mit ihren Hunden in ein altes Gebäude neben den Eisenbahnschienen, in dem die sogenannte Tiertafel untergebracht ist. Drinnen ist es genauso kalt wie draußen. Eine Heizung gibt es nicht. Die Räume wirken dennoch einladend. An den Wänden sind orange und grüne Hundetatzen aufgemalt. Daneben hängen Fotos der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und der Spender. In den Regalen lagert Tierfutter, das man im ganzen Haus riechen kann. Normalerweise sitzt man bei einer Feier an einer Tafel, einem großen, langen Tisch, um zu essen. Zur Tiertafel kommen die Kunden, wie sie hier genannt werden, um sich Leckereien für ihre Vierbeiner zu holen. Zusätzlich bekommen sie aufmunternde Worte zu hören. Vor der Ausgabetheke stehen fünf Tierhalter und warten auf das Futter.

O-Töne:
"Ja hallo, da haben wir wieder. / [Sylvia] Du Narrische! / [Susanne] Die Narrische. Das haben sie jetzt aber selber gesagt."

Sprecher:
Die Tierfreunde haben ihre ganz eigene Sprache. Da bezeichnet die ehrenamtliche Helferin Sylvia zum Beispiel die Schäferhündin der Tiertafel-Kundin Susanne liebevoll als narrisch – was im Baiirischen für etwas verrückt sein steht –, weil sie versucht, auf die Theke zu springen, um eine der Hundeleckereien zu fressen. Susanne hat gerade ihre Karteikarte abgeholt. Darauf steht, seit wann sie arbeitslos ist, das Geburtsdatum ihrer Schäferhündin Lila, deren Krankheiten, Impfungen und die Menge des Futters, das sie wöchentlich bekommt. Ehrenamtlerin Sylvia geht offen und unbeschwert auf ihre Kunden und die Hunde zu, um ihnen gleich von Anfang an die Scheu zu nehmen. Die ausgelassene Stimmung zwischen den Mitarbeiterinnen und den Kunden lassen die Sorgen des Alltags für einen kurzen Moment in den Hintergrund treten. Die 50-jährige Susanne kommt seit ein paar Monaten zur Tiertafel. Sie erzählt warum:

Susanne:
"Mein Geschäft ist nicht mehr gegangen, und ich hatte 'n jungen Hund, und ich wusste dann nicht, wie es weitergeht. Ich finde es sehr gut, dass es solche Stationen gibt, weil sonst hätte ich meinen Hund weggeben müssen, und jetzt kann ich zumindest mich 'n bisschen überbrücken."

Sprecher:
Susanne hatte einen schweren Unfall und konnte nicht mehr in ihrem Geschäft arbeiten. Es kamen immer weniger Kunden, das Geschäft ging zuletzt gar nicht mehr. Reguläres Arbeitslosengeld wie angestellte Arbeitnehmer bekommt sie nicht, weil sie selbstständig war. Nun unterstützt sie der Staat mit dem sogenannten Arbeitslosengeld II. Diese Grundsicherung wird umgangssprachlich auch Hartz IV genannt – benannt nach dem Manager Peter Hartz. Er entwickelte 2002 im Auftrag der damaligen Bundesregierung ein Konzept zur Reform des deutschen Arbeitsmarkts. Die Maßnahmen wurden aufgeteilt in vier einzelne Gesetze – Hartz I bis IV –, die in den Folgejahren verändert wurden. Hartz IV reicht für Susanne gerade mal, um sich selbst zu versorgen, aber nicht ihre Hündin. Die Tiertafel hilft ihr deshalb, die Situation zu überbrücken. Susanne ist kein Einzelfall, erzählt Michaela, eine weitere Mitarbeiterin der Münchener Tiertafel. Es sei Wahnsinn, unglaublich. Jedes Jahr würden mehr bedürftige Menschen kommen:

Michaela:
"Die wirklich mit Mitte 50 'n Job verloren haben und nicht mehr reinkommen, die jetzt in Hartz IV sind. Das ist enorm. Also, das merken wir wahnsinnig. In dem Jahr, wo wir jetzt da waren, hat sich unsere Kundenanzahl vervierfacht und wo man sich denkt, das spricht Bände. Das ist nicht nur in München so, sondern das ist wirklich deutschlandweit so, dass wir diese Altersarmut immer mehr merken und dieses klassische 'Ach, wenn man älter ist und den Job verliert, kommt man nicht mehr rein'."

Sprecher:
Vor allen Dingen Menschen über 55 Jahre, die gekündigt werden oder keine Stelle mehr finden, die nicht mehr reinkommen, sind Kunden der Tiertafeln. Nicht nur in München, sondern in ganz Deutschland findet man diese Armut. Für Michaela spricht es Bände, es ist ein klarer Beweis, dass inzwischen in einem Jahr viermal mehr Kunden gekommen sind als das Jahr davor. Deutschlandweit gibt es 25 Tiertafeln. Pro Ausgabestelle arbeiten 12 bis 15 aktive Helfer. Bei der Münchener Tiertafel geht jedes Wochenende 500 Kilogramm Tierfutter über die Ausgabetheke, das von Privatleuten und Tierhandlungen gespendet wurde. Dazu kommen Sachspenden wie Hundeleinen, Käfige oder Katzenbäume sowie Geldspenden. Pro Monat kommen rund 600 Euro zusammen. Davon bezahlt die Tiertafel ihre monatliche Miete und die Tierarztkosten oder auch mal ein Hundetraining. Die Kunden holen sich jede Woche Futter für fünf Tage. Doch nicht nur das Futter, sondern auch die sozialen Kontakte ziehen die Menschen hierher, sagt Michaela:

Michaela:
"Man sieht es gerade bei älteren Leuten. Nehmen Sie irgendwie 'ner alten Damen ihren Hund weg, die kommt nicht mehr raus, die übernimmt keine Verantwortung mehr, die hat keine Struktur mehr im Tagesablauf. Das ist das Schlimmste, was man machen kann. Also jeder, der 'n Tier hat, weiß es, dass 'n Tier einfach Familie ist. Und wenn 's dann finanziell schon eng ist, und dann man nimmt diese Familie weg - das ist der Horror."

Sprecher:
Die Tiere sind vor allem für ältere Menschen, die alleine leben und nicht viel Geld haben, bei denen es finanziell eng ist, der Ersatz für die Familie. Würde man ihnen diese Tiere wegnehmen, würden sie Wohnung oder Haus nicht mehr verlassen, sie würden nicht mehr rauskommen. Und das wäre – so Michaela – das Schlimmste, was man sich vorstellen könne. Es wäre der Horror. "Tierschutz ist Menschenschutz" lautet das Motto der Tiertafel. Die Ehrenamtlichen geben nicht nur Futter aus, sondern beraten ihre Kunden auch bei Problemen mit ihren Tieren. Dazu gehört Erfahrung im Umgang mit Tieren. Die 48-jährige Helferin Sylvia ist mit Hunden groß geworden. Hauptberuflich ist sie Personalleiterin eines Medizintechnikkonzerns und hat eine eigene Familie. Der Tiertafel widmet sie rund acht Stunden pro Woche. Denn für sie steht die Tier- und Nächstenliebe im Vordergrund:

Sylvia:
"Ich könnt' mir fast nichts Schlimmeres vorstellen, als wenn man eh schon in 'ner Notlage ist, wenn man dann noch den besten Freund oft, den man hat, abgegeben müsste, weil 's einfach wegen 'n paar Euros nicht mehr reicht. Und drum wollen wir den Leuten helfen. Das heißt: Wir helfen nicht nur den Tieren. Wir helfen auch den Menschen."

Sprecher:
Sylvia stellt sich vor, dass es für jemanden, der sich in einer Notlage befindet, sehr schlimm ist, sein Haustier weggeben zu müssen – etwa in ein Tierheim. Und das nur, weil nicht genug Geld für den Unterhalt vorhanden ist, weil es wegen ein paar Euros nicht reicht. Bis zu 150 Bedürftige kommen jeden Samstag. Die meisten sind Hunde- und Katzenbesitzer. Sylvia hat mittlerweile Susanne die wöchentliche Futterration gegeben. Diese ist glücklich, weil sie durch die Tiertafel ihren Hund behalten kann. Der Schock sitzt noch tief. Vor ihrem Unfall hatte sie sich nicht vorstellen können, dass sie jemals hierher kommen muss. Sie hätte finanziell abgesichert in einer anderen Welt gelebt und selbst für bedürftige Tierbesitzer gespendet:

Susanne:
"Wenn ich jetzt nit selber jetzt hier wäre, würde ich das wahrscheinlich gar nicht kennenlernen, weil ich dann ganz in 'ner ganz anderen Welt leben würde. Also, ich gehör' eigentlich zu denjenigen, die lieber was spenden würden."




Fragen zum Text

Wenn man festlich essen möchte, setzt man sich …
1. auf einen Tisch.
2. an eine Tafel.
3. ans Täfelchen.

Die Redewendung Es spricht Bände könnte angewendet werden auf …
1. "Ich finde dieses Verhalten sehr aufschlussreich!"
2. "Das Kind redet ununterbrochen – wie ein Buch!
3. "Das kann doch nicht wahr sein!"

Folgender Ausruf wäre richtig: "Wie sind gestern überfallen worden!"
1. "Das war die reinste Freude!"
2. "Man waren die nett!"
3. "Das war der blanke Horror!"


Arbeitsauftrag
Setze die passenden Wörter und Ausdrücke ein. Achte dabei auf die korrekte Form und – wenn nötig – den Artikel.

tafeln – das Geschäft geht nicht mehr – Hartz IV – ein Überbrückungskredit – in einer Notlage sein

1. Susanne steht vor der Pleite. Sie braucht von der Bank Geld, um die schwierige Zeit zu überstehen. Sie braucht …
2. In Susannes Geschäft kommen keine Kunden mehr. …
3. Susanne braucht Hilfe von ihren Freunden, weil sie …
4. Susanne bekommt Arbeitslosengeld II. Sie erhält …
5. Alle Hundebesitzer feiern den Geburtstag von Susanne. Sie setzen sich an einen schön gedeckten Tisch und …


Autorinnen: Anja Seiler; Beatrice Warken
Redaktion: Ingo Pickel

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads