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Sprachbar

Tierisch wie die Tiere

Tiere und Menschen sprechen normalerweise nicht miteinander. Die Tiere bekommen also höchstwahrscheinlich nicht mit, was wir Menschen mit ihnen sprachlich so alles anstellen. Vermutlich ist das besser so.

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Tierisch wie die Tiere

Blicken wir zu Beginn erst einmal in die Sprachgeschichte: Die urgermanischen Begriffe „tier“ beziehungsweise „tior“ bedeuten in etwa dasselbe. Beide bezeichnen wilde Tiere im Gegensatz zu den Haustieren, dem Vieh. Sprachwissenschaftler vermuten, dass das germanische Wort zurückzuführen ist auf „dheu“, die Bezeichnung für ein atmendes Wesen. Ein Tier wäre also ein Wesen, das atmet.

Sprachliche Erklärungsbemühungen und ihr Ergebnis

Schimpanse öffnet Conopharyngia-Frucht mit einem Stein (picture alliance/Mary Evans Picture Library/A. Warren)

Ganz schön clever: Dieser Schimpanse öffnet die Nuss mit einem Stein

Nicht schlecht für eine 1500 Jahre alte Definition. Der Duden nimmt es allerdings noch etwas genauer. Ein Tier atmet nicht nur, es ist auch im Normalfall beweglich, ernährt sich von Pflanzen und Tieren und hat Sinnesorgane. Außerdem, erfahren wir im Duden, ist ein Tier weder zum Sprechen noch zum logischen Denken befähigt.

Spätestens dieser Teil der Definition gerät gerade ins Wanken. Denn Affen sind in der Lage, Werkzeuge zu bauen, und Vögel können wirklich sprechen, wenn man es ihnen beibringt.

Wie die Tiere

Die deutsche Sprache weiß allerdings noch nicht so viel von den neuesten Forschungsergebnissen. Sie braucht das Tier vor allem, um den Menschen ins rechte beziehungsweise bessere Licht zu setzen.

Das sprachliche Tier ist demnach oft primitiv, unzivilisiert, aggressiv, ungezügelt und  dumm. Wer sich „wie ein Tier benimmt“, der ist zu gierig und denkt nicht nach – und er ist natürlich über die Maßen sexbesessen.

Von Hunden und Schweinen

Tiere müssen auch immer wieder für Schimpfworte herhalten. Als Schwein wird bezeichnet, wer hinterhältig und gemein ist, oder wer die Grenzen von Anstand und Moral ständig verletzt. Zwar gibt es auch „Glücksschweine“, doch Wörter wie „Dreckschwein“ und „Schweinerei“ oder „Sauerei“ deuten vor allem auf den Dreck hin, in dem sich Schweine wälzen.

Schweine auf einer Wiese (picture-alliance/Bildagentur-online/Yay)

Wenn Schweine wüssten, was man ihnen alles nachsagt ...

Der Hund gilt als des Deutschen liebstes Haustier. Doch wenn ein Mensch mit Hundeschimpfworten belegt wird, sind die alles andere als positiv. „Du Hund!“ kann wahlweise bedeuten, dass der so Bezeichnete jemandem Böses will, dass er besonders durchtrieben ist, oder einfach, dass er weniger wert ist als ein Mensch. Er kommt auch vor in den Kombinationen „mieser“, also schlechter „Hund“, „geiler Hund“ oder einfach „alter Hund“. Wenn allerdings in Bayern jemand als „Hund“ bezeichnet wird, ist das eher ein Begriff von Respekt und Bewunderung. Wenn man dort jemanden eigentlich nicht mag, aber seine Klugheit und Gewitztheit anerkennt, kann man sagen: „Er ist schon ein ziemlicher Hund!“

Von Schafen und Ziegen

Und so geht es weiter. Ein Esel ist einfältig und dumm, eine „Ziege“ oder „Zicke“ ist eine Frau, die viel meckert, kompliziert und störrisch ist. Ein Affe ist albern und eitel – und wer „sich zum Affen macht“ beziehungsweise „den Affen macht“, benimmt sich lächerlich.

junge Katze balanciert über einen Ast (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Katzen kommen beim tierischen Vokabular meist gut weg

Es gibt dumme Kühe und dumme Hühner, schmarotzerische Läuse, einfältige Schafe und geile Böcke. Natürlich gibt es den gemütlichen Bären oder die geschmeidige und attraktive Katze – doch das sind Ausnahmen.

Das geht tierisch ab

Das Adjektiv „tierisch“ hat sich in den letzten Jahrzehnten aus der Jugendsprache heraus zu einem vielseitig verwendbaren Eigenschaftswort entwickelt. Erst einmal bedeutet „tierisch“ so viel wie „von Tieren stammend“. Es gibt tierische Fette, tierische Eigenschaften und tierische Exkremente.

Doch dann geht es schon los mit den übertragenen Bedeutungen. Hier ist „tierisch“ alles, was nicht menschlich ist. Jemand kann „tierisches Benehmen“ an den Tag legen, seinen „tierischen Trieben“ freien Lauf lassen oder seinen „tierischen Instinkten“ folgen, also aufhören zu denken. Statt „tierisch“ wird hier auch gerne das aus dem Lateinischen stammende Wort „animalisch“ benutzt.

Tierisch – die dritte Bedeutungsebene

Tanzende Mädchen (Fotolia/Yuri Arcurs)

Bei dieser Party geht’s tierisch ab

Die dritte Bedeutungsebene ist allerdings die mit den meisten sprachlichen Möglichkeiten. Jemand kann „tierisch“, besonders, „gut“ sein, ein Turm kann „tierisch“, sehr, „hoch“ sein, eine Party „geht tierisch ab“, ist vielleicht besonders ausschweifend.

Es kann draußen „tierisch kalt“ sein, eine Aufgabe ist „tierisch kompliziert“ und das Essen schmeckt „tierisch lecker“.

Tierische Imagekampagne

Endlich einmal gibt es also Positives zu vermelden aus dem sprachlichen Tierreich. Vielleicht wird das Wort „tierisch“ langfristig den Ruf aller Tiere in der deutschen Sprache retten. Möglicherweise wäre das sogar ganz sinnvoll. Denn unbestritten ist, dass die Tiere uns Menschen zahlenmäßig weit überlegen sind. Falls sie also wider Erwarten doch unsere Sprache verstehen, könnten wir irgendwann tierische Probleme kriegen.

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