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Europa

Tiefer Graben zwischen Russen und Ukrainern

Russland sendet versöhnliche Signale in Richtung Kiew, doch viele Ukrainer sind skeptisch. Eine Rückkehr zur alten Freundschaft scheint schwierig.

Beschädigte Häuser nach Kämpfen in Donezk im Sommer 2015 (Foto: Ria Novosti)

Beschädigte Häuser nach Kämpfen in Donezk im Sommer 2015

Noch steht der gigantische Regenbogen aus Metall auf dem hügeligen rechten Ufer des Dnipro-Flusses in Kiew. Das zu Sowjetzeiten errichtete Denkmal erinnert an die "Vereinigung der Ukraine mit Russland" im Jahr 1654, als ukrainische Kosaken Schutz beim Moskauer Zaren suchten. Seit der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und dem Krieg in der Ostukraine erinnert das Denkmal an etwas, was es so nicht mehr gibt: Freundschaft.

Heute zieren obszöne Schimpfwörter - gerichtet an den russischen Präsidenten Wladimir Putin - den Sockel einer Skulptur, die einen Schulterschluss zwischen einem Russen und einem Ukrainer zeigt. Serhij Zelowalnik würde den Bogen gerne abreißen lassen. "Was ist das für eine Freundschaft, wenn russische Truppen mit Panzern zu uns gekommen sind?", empörte sich der damalige Chefarchitekt der ukrainischen Hauptstadt in einem Interview im September 2015. Doch die Kiewer Behörden haben wohl entschieden, das Denkmal - im Volksmund spöttisch als "das Joch" bezeichnet - zunächst stehenzulassen. Im ostukrainischen Charkiw dagegen wurde im November eine Säule demontiert, die die russisch-ukrainische Freundschaft symbolisieren sollte.

Das Denkmal der Völkerfreundschaft in Kiew (Foto: pa)

Das Denkmal der Völkerfreundschaft in Kiew

Versöhnliche Botschaften aus Moskau

Dabei sendet die russische Seite seit Wochen verstärkt Signale der Versöhnung in Richtung Kiew. "Am Ende werden die normalen Beziehungen zwischen unseren Staaten sicherlich wiederhergestellt", sagte etwa Nikolaj Patruschew, Chef des russischen Sicherheitsrats und enger Putin-Vertrauter, diese Woche in einem Zeitungsinterview. Ähnliche Botschaften waren auch aus dem Kreml und aus dem russischen Außenministerium zu hören: "Moskau ist zu einem konstruktiven Dialog mit Kiew bereit." In den Kernfragen blieb Russland jedoch hart: Der Status der Krim sei nicht verhandelbar.

Ende Dezember ging in Russland eine "Seite der Freundschaft" online. Bereits die URL suggeriert, Russen und Ukrainer seien ein Volk (www.we-are-one.ru) und sollten Konflikte vergessen. Die Seite will sich als eine Plattform "ohne Politik und Propaganda" verstehen und für einen direkten Bürgerdialog werben. Wer hinter dem Projekt steckt, ist unklar - ein Impressum gibt es nicht.

Screenshot we-are-one.ru

Screenshot von we-are-one.ru

Kriegserfahrungen prägen die Ukraine

In der Ukraine stoßen russische Botschaften bisher auf großes Misstrauen. "Was für eine Freundschaft mit Russland?", empörte sich Anfang Januar eine beliebte ukrainische Bloggerin. "Schaut euch unsere Jungs an, die Arme und Beine in diesem Krieg verloren haben! Hört auf, auf Russland zu schauen und von einem 'Brudervolk' zu sprechen."

Nicht wenige in der Ukraine teilen offenbar auch die Meinung der jungen Kiewer Dichterin Anastassia Dmytruk. Ihr nach der Krim-Annexion geschriebenes und an die Russen gerichtetes Gedicht "Wir werden nie Brüder sein" ist bis heute sehr beliebt im Land. Das Video mit ihrem Vortrag des Gedichts wurde auf YouTube mehr als sechs Millionen Mal angesehen.

Wolodymyr Paniotto glaubt nicht, dass die Ukrainer bald die Russen wieder mögen werden. "Das ist ein sehr schwieriger Prozess", sagte der Direktor des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KMIS). Zu viel Porzellan sei zerschlagen worden. Die positive Einstellung der Ukrainer zu Russland ist nach Umfragen seines Instituts seit der Annexion der Krim dramatisch abgestürzt: von 78 Prozent im Februar 2014 auf 30 Prozent im Mai 2015. Anfang Herbst ist diese Zahl leicht gewachsen - auf rund ein Drittel der Befragten. "Das war nach dem Waffenstillstandsabkommen von Minsk", sagt der Experte. Doch etwas mehr als die Hälfte der Ukrainer (53 Prozent) beschreiben ihr Verhältnis zu Russland weiterhin als "schlecht" oder "sehr schlecht".

Paniotto erklärt das damit, dass viele Ukrainer eine unmittelbare Erfahrung mit dem Krieg gegen prorussische Separatisten im Osten gemacht haben. "Es gibt mehr als eine Million Binnenflüchtlinge, die Mobilmachung der Armee hat viele betroffen", sagt der Soziologe aus Kiew. "Für die Ukraine ist es ein ernster Krieg, während die meisten Russen ihn nur im Fernsehen verfolgt haben."

Feindschaft und Abneigung in Russland

Umso erstaunlicher mag es auf den ersten Blick erscheinen, dass die negative Einstellung gegenüber der anderen Seite in Russland noch stärker ausgeprägt ist als in der Ukraine. In einer aktuellen Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums gaben 59 Prozent der Russen an, dass sie die Ukraine negativ wahrnehmen. Nur 27 Prozent waren anderer Meinung. Diese Zahl sei stabil, sagte Lew Gudkow, Leiter des Lewada-Zentrums. Der Grund dafür sei die russische Propaganda gegen die Ukraine und die Menschen, die dort leben. Der Ton dieser Propaganda sei seit dem Sommer 2015 zwar leiser geworden, aber sie sei nicht verschwunden.

"Wir haben noch nie so viel Feindschaft und Abneigung gegenüber den Ukrainern festgestellt", sagt Gudkow. "Das ist sogar auf der Alltagsebene spürbar geworden." Es gebe in Russland inzwischen Vorurteile gegenüber Ukrainern als Ehepartner, Arbeitskollegen oder Nachbarn.

Die jüngsten russischen Annäherungsversuche an die Ukraine hält der Moskauer Soziologe für ein taktisches Manöver: "Ich glaube, diese Signale sind ein Spiel, ein Versuch, westliche Sanktionen und den Druck auf Russland zu mildern", sagt Gudkow. Eine echte Hilfe für die Ukraine bei der Lösung des Konflikts sei das nicht.

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