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Ostmitteleuropa

Tiefe Verunsicherung nach Reaktor-Störfall

- Diskussion um Atomkraftwerk in Ungarn

Bonn, DW-RADIO, 5.2.2004, Csaba Banky, Heike Schmidt

Beim Probelauf des ersten Kernreaktors der Welt - Chicago, 1942 - waren ein halbes Dutzend Ungarn dabei. Die Ungarn sind auf ihre Kernphysiker stolz und vielleicht auch gerade deshalb so atomfreundlich eingestellt. Eine Debatte über Für und Wider der Nuklearenergie hat es nie gegeben. Aber nun hat der Glaube an die Kernkraft einen Knacks bekommen: Ein Störfall hat für Unruhe im Land gesorgt. Die Bürger sind verunsichert - Politikern und Atomlobby kommt das, so kurz vor dem EU-Beitritt Ungarns, äußerst ungelegen. Sie bangen um die geplante Verlängerung der Laufzeit um weitere 20 Jahre. Csaba Banky und Heike Schmidt haben das einzige Atomkraftwerk Ungarns besucht, das das gesamte Land mit Strom versorgt:

Jedes Jahr öffnet sich das hermetisch abgeriegelte Tor des Atomkraftwerks PAKS für 30.000 Besucher - die Kraftwerks-Führer strahlen vor Stolz, wenn sie ihren Landsleuten die größte Fabrikhalle Ungarns vorführen - PAKS, 1982 mit dem ersten Reaktor aus russischer Produktion ans Netz gegangen - galt schon zu Zeiten des Warschauer Pakts als Vitrine osteuropäischen Technologie-Erfolgs und als Modell-Meiler.

Und daran hat sich auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nichts geändert. - Jedenfalls fast nichts....

Die Stromgeneratoren brummen 24 Stunden am Tag, um Ungarns Fabriken und Haushalte mit Elektrizität zu versorgen - das Kraftwerk an der Donau gehört mit einer Kapazität von 2000 Megawatt zu den leistungsstärksten AKWs in Europa. 40 Prozent der ungarischen Stromproduktion kommen aus dem einzigen Atomkraftwerk des Landes: aus PAKS.

Besser gesagt: kamen. Denn seit einem Störfall am 10. April 2003 steht Block Zwei still. Die Panne passierte, als die deutsch-französische Wartungsfirma Framatome ANP 30 Brennstäbe reinigen wollte - dabei versagte die Kühlpumpe, was erst zu einer Überhitzung und dann zum Bruch der hochradioaktiven Brennelemente führte. Die Folgen des Zwischenfalls waren bis ins 130 Kilometer entfernte Budapest zu spüren: Im Forschungsreaktor der Technischen Universität maß Professor Zoltan Szatmary keine besorgniserregenden, aber doch erhöhte Strahlenwerte.

"Der Wind kam nach Budapest. Unsere Geräte haben zehn Prozent mehr als normal gezeigt an diesem Tag - Greenpeace war sehr laut - und dann haben wir das analysiert. Das war nur die natürliche Radioaktivität. Von diesen zehn Prozent sind vielleicht ein oder zwei Prozent dem Störfall zuzuschreiben. Niemand wurde verletzt, kein Grenzwert überschritten."

Verletzt wurden aber mehrere Greenpeace-Aktivisten, die sich aus Protest gegen den Pannenreaktor an die Fabriktore ketteten - und die harte Hand der sonst so besucherfreundlichen Kraftwerksleitung zu spüren bekamen: Die Folge waren Prellungen, Blutergüsse, ein gebrochener Mittelfinger und ein ausgekugelter Arm.

"Die Polizei ist schnell gekommen und die haben alle Greenpeace-Aktivisten festgenommen. Die waren ziemlich gewalttätig, nicht wie die Polizei in einem demokratischen Land bei einer Demonstration auftreten sollte. Da war zu viel Brutalität von der Polizei zu sehen", sagt der ungarische Greenpeace-Aktivist Roland Csaki. Er kreidet der Kraftwerksleitung vor allem die Informationssperre an, die bei ihm böse Erinnerungen an Sowjetzeiten weckte:

"Die Bevölkerung hat die ersten Berichte etwa sieben Tage später bekommen. Es ist schon wieder die alte Methode. Ein bisschen ähnlich wie die Autoritäten in Ungarn und auch in Russland über Tschernobyl gesprochen haben. Je weniger die Bevölkerung weiß, desto mehr Ruhe gibt es. Es ist eine Methode - es ist aber sehr gefährlich."

Erst nachträglich stuften die Behörden den Störfall auf Niveau Drei der sieben-stufigen internationalen INES-Skala hoch - der Zwischenfall in Block Zwei des Kraftwerks PAKS gilt damit als "ernster Störfall". Ein Störfall, der den Glauben der traditionell atomenergie-freundlichen Ungarn in die Nuklearpolitik des Landes erschüttert hat. So mancher Bürger, der bislang unbekümmert den Billigstrom aus seiner heimischen Steckdose abzapfte, ist plötzlich verunsichert. (...)

Atombefürworter wie Istvan Vidovsky, stellvertretender Direktor des ungarischen Kernforschungszentrums, vertrauen ganz ihren Geigerzählern. Weder heute noch in Zukunft hätten die Bürger Ungarns oder der Europäischen Union Grund zur Sorge:

"Nein, Angst brauchen Sie nicht zu haben. Unsere Kernkraftwerke sind genauso sicher wie die Kernkraftwerke von Westeuropa oder Nordamerika. Da gibt es keine Unterschiede. Es gab auch viele internationale Arbeiten, wo auch festgestellt wurde, dass die Sicherheitsstandards erreicht wurden und bei dem EU-Beitritt hatten wir auch keine Probleme gehabt. In diesem Kapitel waren wir viel schneller beim Schließen als bei anderen Kapiteln. Der Grund ist, dass wir uns darauf vorbereitet haben. Von 1990 an haben wir uns ziemlich bemüht, die Sicherheit von Kernkraftwerken zu ertüchtigen und so hatten wir schon in dieser Periode keine Probleme gehabt."

Gerade deshalb ist der Störfall ein herber Schlag für die ungarische Nuklearindustrie - ausgerechnet PAKS! Im Gegensatz zum Beispiel zu den litauischen Reaktoren vom Typ Tschernobyl hatten Experten der EU den vier ungarischen Druckwasser-Reaktoren im Rahmen der Beitrittsverhandlungen sicherheitstechnische Unbedenklichkeit bescheinigt. Aber das war vor dem Störfall.

Nun kratzt die Kraftwerks-Panne am Image des Vorzeige-Meilers und ist Wasser auf die Mühlen der Atomkraftgegner. Sie halten PAKS für einen Risikoreaktor mit schwerwiegenden Konstruktionsmängeln: die Zentrale habe weder eine Schutzhülle gegen den Austritt von Radioaktivität noch ein zuverlässiges Kühlsystem:

"Das Atomkraftwerk in PAKS ist ein altes russisches Kraftwerk. Wo wir schon sehen können, dass immer mehr und mehr Störfälle technische Probleme sind. Deswegen gibt es eine große Sorge, ob das Kernkraftwerk noch immer fähig ist zu arbeiten oder nicht."

Der ungarische Energie-Klub, der sich die Förderung alternativer Energien auf seine Fahnen geschrieben hat, forderte nach dem Reaktor-Ausfall eine Stellungnahme der EU-Kommission - und bekam, Monate später, eine recht nichtssagende Antwort - enttäuschend, aber nicht überraschend für Ada Amon: Immerhin hat sich Brüssel dafür stark gemacht, die Atomkraft dauerhaft in der europäischen Verfassung zu verankern. Noch will Umweltschützerin Ada Amon die Hoffnung aber nicht aufgeben, dass der Beitritt Ungarns ein Plus an nuklearer Sicherheit mit sich bringen wird:

"Ich hoffe, dass die EU - das Parlament oder auch die Kommission - der Frage der nuklearen Sicherheit sehr viel höhere Priorität einräumen wird als die ungarische Regierung - und dass sie Druck auf die Regierung ausübt, damit sie der Sicherheit mehr Bedeutung beimisst."

Ada Amons Misstrauen in die ungarischen Aufsichtsbehörden sitzt tief:

"Wir haben ernste Zweifel an der Nuklearsicherheit in Ungarn. Unsere größte Sorge sind die Kraftwerksarbeiter. Studien belegen, dass die Sicherheitskultur dort sehr niedrig ist. Das zweite Problem betrifft das Topmanagement des Atomkraftwerks. Wir haben den Eindruck, dass die Sicherheit nur zweitrangig ist. Höchste Priorität in PAKS - so war es zumindest lange - hat der finanzielle Profit. Das war auch

der Hauptgrund für den Zwischenfall - das ist eine sehr schlechter.

Am 10. April 2003 ist der Unfall passiert. Und noch kann niemand sagen, wann die defekten Brennelemente aus Block Zwei des ungarischen Kraftwerks PAKS geborgen werden können. Eine teure Panne - jeden Tag schlägt der Stromausfall mit 200.000 Euro zu Buche. Bis der Reaktor wieder ans Netz gehen kann, wird Ungarn längst Mitglied der Europäischen Union sein. (fp)

  • Datum 06.02.2004
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