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Welt

Tiedemann: "Wütend, traurig und trotzig"

Wie reagieren die Teilnehmer des Boston-Marathon auf die Bombenanschläge? Mit einem "jetzt erst recht" sagt Thomas Tiedemann, einer von rund 250 Deutschen, die in diesem Jahr in Boston mitgelaufen sind.

Deutsche Welle: Herr Tiedemann, Sie sind gerade erst aus Boston zurückgekehrt. Sind sie erleichtert, wieder in Deutschland zu sein?

Thomas Tiedemann: Ich bin erleichtert, dass mir nichts passiert ist, aber ich hatte keine Eile, aus Boston abzureisen. Es gab am Tag nach dem Lauf, also am Dienstag, ein schönes Gefühl der Solidarität mit den anderen Läufern und auch mit den Bostonians, also den Gastgebern. Und da wäre ich eigentlich noch gerne geblieben und hätte durch meine Anwesenheit meine Solidarität gezeigt.

Stehen Sie noch unter dem Schock der Bombenanschläge?

Schock wäre zuviel gesagt. Ich gehörte zu den Läufern, die mehr als eine Stunde vor den Anschlägen die Ziellinie überquert hatten. Ich war dann in der so genannten "Family Meeting Area", wo man darauf wartet, seine Freunde oder Familie wieder zu treffen. Dort habe ich die Explosion gehört, die ungefähr 300 Meter weit entfernt war. Die schrecklichen Bilder habe ich erst im Fernsehen gesehen, sodass ich sicherlich weniger traumatisiert bin als viele andere. In erster Linie bin ich traurig und wütend, dass so ein Anschlag ein solch schönes Sportfest zum Alptraum macht.

Infografik: Anschlag beim Boston-Marathon (DW/Olof Pock)

Die zwei Bomben explodierten in der Nähe der Ziellinie

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Explosion hörten?

Ich habe einige Sekunden lang gedacht, dass es vielleicht Salutschüsse sind. Das Rennen findet ja immer am "Patriot's Day" statt - einem lokalen Feiertag, der jedes Jahr am dritten Montag im April gefeiert wird. Dann gab es die zweite Explosion und als dann nichts mehr kam, war klar, dass es keine Böllerschüsse oder so etwas waren. Und da man in den USA ist, hat man auch gleich das Bild im Kopf, dass das ein Anschlag ist. Und dann dauerte es auch nur ein oder zwei Minuten, bis Ordner, Polizisten auf Motorrädern und später Rettungswagen durch die Straße fuhren. Unsere Straße wurde frei geräumt, wir mussten uns an die Wand drücken. Dann kamen auch schon Feuerwehrwagen durch und wir wurden dazu aufgerufen, das Areal zur anderen Seite hin zu verlassen. Das war natürlich chaotisch, aber es gelang uns relativ schnell, die Gegend zu verlassen.

Wie haben Sie denn die Stimmung in Boston vor dem Anschlag erlebt? War das ein internationales Fest, eine friedliche Party?

Ja, und das ist auch der Grund, warum es mich wütend macht, traurig und ein wenig trotzig. Wenn es mir gelingt, dann möchte ich mich gerne noch einmal für Boston qualifizieren und im nächsten Jahr wieder hinfahren. Das war ein unglaublich schöner Lauf. Ich bin nicht an meiner Grenze gelaufen, weil ich ohnehin nicht fit genug war für eine persönliche Bestzeit. So hatte ich genug Energie, das alles aufzunehmen und mit den Zuschauern zu interagieren. Das war fantastisch. Vom Start bis zur Ziellinie standen Hunderttausende begeisterte Menschen. Viele Familien. Ich habe bisher in keinem Lauf so viele Menschen abgeklatscht und so von der Energie profitiert. Das war einfach ein ganz tolles Fest, eine große Gemeinschaft von Läufern und Zuschauern. Als ich über die Ziellinie kam, hatte ich Freudentränen in den Augen, weil es etwas ganz besonderes ist, in Boston zu laufen. Und dass das eine Stunde später so kippt, das ist ganz tragisch. Es gibt diese typisch amerikanische Reaktion des "jetzt erst recht": Wir lassen uns das nicht kaputtmachen und sehen uns im nächsten Jahr wieder. Und ich muss sagen, ich bin jetzt auch schon fast einer davon, der sagt: Ich komme im nächsten Jahr wieder, um meine Solidarität zu zeigen.

Das heißt, trotz der Anschläge war das nicht der letzte Marathon, den Sie gelaufen sind?

Definitiv nicht. Und gerne auch wieder in Boston.

Thomas Tiedemann nimmt in seiner Freizeit an Straßenrennen über verschiedene Distanzen teil. Der Lauf in Boston war sein zehnter Marathon.

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