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Wissen & Umwelt

Thomas Reiter zum Ende der Shuttle-Ära

Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter ist seit April Direktor der neuen Direktion für Bemannte Raumfahrt und Betrieb der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Im DW-Interview spricht er über die Zukunft der Raumfahrt.

Thomas Reiter in der Internationalen Raumstation ISS im Jahr 2006

Thomas Reiter in der ISS

Thomas Reiter ist der europäische Astronaut mit der meisten Erfahrung im All. In den 90ern verbrachte er fast ein halbes Jahr auf der russischen Raumstation MIR, dann, 2006 nochmal fast ein halbes Jahr auf der internationalen Raumstation ISS. Seit April ist Thomas Reiter Direktor der neuen Direktion für Bemannte Raumfahrt und Betrieb der ESA, also der Europäischen Weltraumorganisation.

DW-WORLD.DE: Herr Reiter, das Space Shuttle Discovey hat sie vor fünf Jahren zur ISS gebracht und auch wieder sicher zurück zur Erde. Welche Erinnerungen an diesen Transfer sind geblieben?

Thomas Reiter: Nur die besten. Es liegt nahe, den Vergleich mit der russischen Sojus zu ziehen, mit der ich 14 Jahre zuvor zur MIR-Station geflogen war, und da fällt natürlich als allererstes auf, dass der Transport im Shuttle etwas komfortabler ist. Man hat etwas mehr Platz - sowohl bei dem Weg zur Raumstation als auch auf dem Weg zurück. Die Rückkehr selbst ist deshalb auch komfortabler, weil die Belastung beim Wiedereintritt nicht ganz so hoch ist. Sie liegt ungefähr beim anderhalbfachen der Erdbeschleunigung, während man in der Sojus-Kapsel mit dem vierfachen seines Gewichtes in die Sitze gepresst wird. Und das ist nach einem halben Jahr in der Schwerelosigkeit ein ganz schöner Unterschied.

Nun wird das Space-Shuttle-Programm eingestellt - und damit die einzige Möglichkeit der NASA, Menschen ins All zu befördern. Die russischen Sojus-Kapseln sind also kein gleichwertiger Ersatz?

Thomas Reiter, neuer ESA-Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, sitzt im Satelliten- und Kontrollzentrum ESOC der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Darmstadt auf einem Bodenbild mit den ESA-Missionen. (Foto: dpa/Arne Dedert)

Seit April ist Reiter Direktor bei der ESA

Sie erfüllen ihren Zweck als Transportmittel. Es geht nicht darum, besonders komfortabel rauf oder runter zu kommen. Es geht darum, den Betrieb der internationalen Raumstation sicher zu stellen. Und das kann durch die russischen Sojus-Kapseln auch geleistet werden.

Aber man kriegt weniger Material rein!

Das ist genau der entscheidende Punkt, denn das Shuttle konnte neben sieben Menschen in der Ladebucht etwa 20 Tonnen an Nutzlast ins Weltall und wieder zurück bringen. Für die Rückführung - insbesondere wissenschaftlicher Proben, die an Bord der ISS prozessiert werden, ist das natürlich ein kleiner Verlust. Allerdings hat man sich inzwischen darauf eingestellt und wird für den begrenzten Zeitraum von voraussichtlich drei bis vier Jahren mit diesem Engpass auskommen.

Danach sollen die Shuttles durch private Dienstleister ersetzt werden. Macht man sich da nicht zu abhängig?

Es ist ein wichtiger Schritt in ein neues Terrain, kommerzielle Dienstleister für solche Aufgaben heranzuziehen. Und ich denke, die gesamte Raumfahrtgemeinschaft weltweit schaut mit großem Interesse auf dieses Experiment. Ich habe keinen Zweifel, dass es für diese begrenzte Aufgabenstellung möglich ist, allerdings kann man sich nicht ausschließlich von solchen Dienstleistern abhängig machen. Vielleicht wird das in zehn, fünfzehn Jahren möglich sein. Im Moment ist es wichtig, eine Kombination zu haben aus solchen neuen Firmen wie SpaceX, die noch nachweisen müssen, dass sie diese Leistung erbringen können und institutionellen Möglichkeiten wie dem Shuttle bzw. auf russischer Seite der Sojus.

Die ISS wird es noch mindestens bis 2020 geben

Bedeutet die Einstellung der Space-Shuttles mittelfristig auch die Aufgabe der ISS?

Nein, keinesfalls! Die Versorgung der ISS wird weiter mit den verfügbaren Vehikeln, nicht nur mit der russischen Sojus - sondern auch mit dem russischen Raumtransporter Progress, dem europäischen Raumtransporter ATV und einem japanischen System, HTV sichergestellt, zumindest bis zum Ende dieses Jahrzehnts.

Allerdings wird der Transport von Menschen mit der Verfügbarkeit eines neuen Transportsystems wie der Falcon 9 von SpaceX und einer entsprechenden Kapsel wieder etwas besser verteilt. Außerdem wird eine zusätzliche Download-Kapazität zur Verfügung stehen und man hat eine gewisse Redundanz im Falle eines technischen Problems mit den Sojus-Kapseln, wie es bei den Shuttles leider auch zweimal der Fall war.

Das Space Shuttle Discovery startet vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral,zu seiner letzten Mission. (Bild: AP/John Raoux)

Letzter Discovery-Start im Februar 2011

Nun sind Sie, Herr Reiter, innerhalb der ESA auch für die ISS zuständig. Welche Bedeutung hat die Raumstation noch?

Im Prinzip stehen wir noch fast am Anfang der Nutzung der ISS. Das soll nicht heißen, dass wir die letzten Jahre nicht schon intensivst für wissenschaftliche Experimente genutzt hätten. Die ESA hat an Bord der ISS bereits mehrere hundert Experimente in verschiedenen Disziplinen durchgeführt, von Humanphysiologie über Materialwissenschaften, Biologie oder Fundamentalphysik. Das wird für den Rest des Jahrzehnts weitergeführt. Natürlich geht es darum, die Investitionen aus dem vergangenen Jahrzehnt wieder zurückzubekommen. Genau darauf fokussiert sich auch die Aufgabe der ESA und meines Direktorats: Die Nutzung zu gewährleisten und möglichst viel an neuen Erkenntnissen durch die Forschung dort oben zu sammeln. Insbesondere für die Entwicklung neuer Technologien zum Nutzen der Menschen hier auf der Erde.

Europa ist gut aufgestellt

Herr Reiter, wie ist die europäische Raumfahrt im Moment aufgestellt im Vergleich zu den Amerikanern und zu den Russen?

Nun braucht man nur die Tageszeitungen aufzuschlagen, um zu erfahren, dass es in Europa und auf der ganzen Welt momentan wirtschaftlich nicht gerade einfach ist. Vor diesem Hintergrund sind wir dennoch gut aufgestellt. Die Expertise in Europa, sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch in der Industrie sowie in der Forschung und Entwicklung ist sehr gut im Vergleich mit der NASA, der russischen Raumfahrtagentur, aber auch im Vergleich mit den neuen Raumfahrtnationen China und Indien.

Wir haben im Vergleich mit der NASA nur einen Bruchteil des Jahresbugets: die NASA hat 20 Milliarden Dollar (ca.14 Milliarden Euro) zur Verfügung, die ESA etwa dreieinhalb Milliarden Euro. Davon geht wiederum nur ein Bruchteil in die bemannte Raumfahrt bzw. in die Nutzung der ISS. Wenn man das zu Grunde legt, muss man sagen, dass Europa trotz der vielen Mitgliedsstaaten, die Entscheidungsprozesse nicht einfach machen, sehr effizient ist.

China und Indien wichtig für Gemeinschaftsprojekte

Sie haben Inder und Chinesen schon angesprochen. Welche Rollen spielen die beiden neuen Nationen jetzt und in Zukunft?

China und Indien sind in einer Phase, in der sie die Fähigkeit zur bemannten Raumfahrt aufbauen möchten. China hat das bereits zweimal bewiesen. Das Land ist gegenwärtig in einer Phase, in der es bald auf Augenhöhe mit den großen Raumfahrnationen USA und Russland kommen wird. Wenn das geschehen ist, sehe ich große Möglichkeiten zur Kooperation. Denn sowohl die Forschungsaufgaben im nahen Erdorbit als auch weitere Explorationsaufgaben halte ich für internationale Aufgaben.

Indien ist dagegen noch nicht ganz so weit. Das Land plant, bis Mitte dieses Jahreszehnts seine erste bemannte Mission zu starten. Wir verfolgen das mit großem Interesse. Wir wissen, dass das ein schwieriger Weg ist. Es ist ein Unterschied, ob ich "nur" Satelliten ins Weltall schieße oder Menschen. Dazu brauche ich besonders zuverlässige, sichere Systeme. Deshalb kann man das durchaus als die Königsdisziplin der Raumfahrt bezeichen.

Beide Nationen werden im internationalen Szenario wichtige Rollen wahrnehmen. Für zukünftige Aufgaben der Erkundung des Weltraums durch den Menschen halte ich das für eine fantastische Entwicklung und hoffe natürlich auch, dass Europa hier eine entsprechende Rolle spielen wird.

Der Mensch auf dem Mars ist das Ziel

In den 60er, 70er und 80er-Jahren war die Raumfahrt auch Statussymbol, Prestigeobjekt der einzelnen Staaten. Hat sich das inzwischen geändert? Hat die Raumfahrt global an politischer Bedeutung verloren?

Thomas Reiter bei seinem sechsstündigen Außeneinsatz an der ISS im August 2006 (Bild: AP Photo/NASA TV)

Voller Einsatz im All: Reiter außerhalb der ISS

Nein, ich glaube nicht, dass sich viel verändert hat. Raumfahrt ist heute immer noch gewissermaßen ein Statussymbol. Viele Menschen in den an der Raumfahrt beteiligten Ländern identifizieren sich mit der Hochtechnologie. Das hat über die technisch-wissenschaftlichen Aspekte hinaus auch eine ganz entscheidende gesellschaftliche Wirkung. Es ist ein Anreiz für junge Menschen, sich für Naturwissenschaften zu interessieren.

Es gibt den Anstoß zur Vision, was in Zukunft passieren kann. Aber dieser Wettbewerb, wie er im Kalten Krieg bestanden hat, ist Gott sein Dank vorbei. Es gibt nach wie vor einen Wettbewerb, was die industrielle Seite angeht. Ich denke aber, das spielt sich auf einem gesunden Niveau ab und soll auch so sein. Denn wir wissen, dass Wettbewerb gut fürs Geschäft ist. Das gilt auch für die Raumfahrt.

Eines der nächsten großen Ziele der NASA ist der Mars. Auch für die ESA?

Natürlich ist es aus meiner Sicht das Fernziel, auch einmal Menschen auf die Oberfläche unseres Nachbarplaneten zu bringen. Wann das sein wird, ist schwer abzuschätzen. Ich rechne mit mindestens 20 Jahren. Insofern sind diese wissenschaftlichen, diese robotischen Missionen, eine sehr gute Vorbereitung, die uns gleichzeitig mehr Kenntnisse über unseren Nachbarplaneten bringt: gibt es dort Wasser, gibt es dort möglicherweise Spuren von Leben?

Aus meiner Sicht müssen, bevor eine bemannte Marsmission stattfinden kann, etliche Technologien weiterentwickelt werden. So liegt es nahe, zunächst zu einem etwas näheren Ziel zurückzukehren, nämlich zum Mond. Hier kann man in einer nicht ganz so großen Entfernung zur Erde wichtige Technologien wie Lebenserhaltungssysteme oder der Schutz gegen kosmische Strahlung so weit entwickeln und perfektionieren, dass man dann in vielleicht 20, 30 Jahren bereit ist, tatsächlich Menschen zu unserem Nachbarplaneten Mars zu schicken.

Vielen Dank fürs Gespräch!

Interview: Tobias Oelmaier
Redaktion: Judith Hartl