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Bücher

Thomas Brussig lässt die DDR weiterleben

Er gilt als satirischer Chronist der Wende: In seinem neuesten Roman "Das gibts in keinem Russenfilm" geht Thomas Russig noch einen Schritt weiter und fantasiert: Was wäre, wenn es die Mauer noch gäbe?

Das hat noch keiner gewagt: einen Roman zu schreiben, in dem die Berliner Mauer nicht gefallen ist und in dem die DDR weiterhin besteht, das Leben seinen Gang nimmt. Im Westen wie im Osten. Thomas Brussig macht aus dieser Idee einen ganzen Roman, eine Polit- und Geschichtssatire, eine tollkühne literarische Vision. Zudem ist das Buch eine Art fiktive Autobiografie: Als Hauptfigur dient Brussig niemand anderes als "der weltberühmte Schriftsteller Thomas Brussig" selbst.

Ein kurzer Rückblick auf das 'wahre' Leben des Autors: Um den Schriftsteller Thomas Brussig war es ein wenig still geworden in den letzten Jahren, vor allem, wenn man Romane als Gratmesser für literarische Bedeutung nimmt. Denn Brussig ist ja nicht irgendwer. Als der in Ost-Berlin geborene Schriftsteller 1995 seinen Roman "Helden wie wir" schrieb, war das Echo gewaltig. So witzig und humorvoll, so satirisch treffend und leichthändig, hatte bis dato niemand anderes in der deutschen Literatur über die DDR, über Mauerfall und Wiedervereinigung geschrieben.

Auch im Ausland viel gelesen

Es folgte das fürs Kino verfilmte Buch "Am kürzeren Ende der Sonnenalle". Brussig wurde zum literarischen Star im wiedervereinigten Leseland Deutschland, wurde herumgereicht, landauf und landab interviewt. Auch im Ausland wurde er zu einem Aushängeschild deutscher Literatur und seine Bücher in 28 Sprachen übersetzt. Doch als irgendwann das Interesse an deutsch-deutschen Themen ein wenig nachließ, geriet auch Brussig aus dem Fokus, ein paar kleinere Arbeiten folgten, ein einziger großer Roman, "Wie es leuchtet", auch der liegt schon über zehn Jahre zurück. Für Edgar Reitz schrieb er noch die Drehbücher für dessen dritte "Heimat"-Staffel, für Udo Lindenberg ein Musical.

Berliner Mauer am Brandenburger Tor Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Die Mauer steht noch in Brussigs "Das gibts in keinem Russenfilm"

So spiegelt der nun vorliegende neue Roman von Thomas Brussig "Das gibts in keinem Russenfilm" auch ein wenig den Werdegang des Schriftstellers Thomas Brussig wider. Der Leser nimmt das Buch zunächst als autobiografischen Roman wahr, denn das, was passiert, ist - mit Abweichungen - auch tatsächlich geschehen. Der Autor blickt auf seine ersten schriftstellerischen Versuche, erzählt über literarische Vorbilder wie J.D. Salingers "Fänger im Roggen": "Ich war von dem trotzigen Ton so angetan, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, es anders zu machen. Wozu mich in irgendeine gekünstelte Sprache hinein winden?" Dieser schnoddrige Ton durchzieht seine Bücher bis heute.

Nach Zwischenspielen bei der Nationalen Volksarmee NVA ("Ich wurde der Pablo Neruda der 3. Kompagnie, der Cyrano de Bergerac der Bereitschaftspolizei") und ersten Erfolgen als Autor in der DDR folgt dann die Überraschung. Brussig verlässt die mehr oder weniger streng autobiografische Schiene. Die dichterische Phantasie verdrängt, oft nur in Nuancen erkennbar, die Realität. Kapitelüberschriften weisen auf das Geschehen hin: "Wie ich zunächst kein Dissident wurde, obwohl ich es eigentlich wollte, dafür aber trotzdem mit interessanten Leuten in Kontakt kam, und das immerhin als pickeliger junger Mann, der unter den Achseln schwitzte, für einen Stasi-Spitzel gehalten wurde und obendrein weder Bier- noch Wein- sondern Teetrinker war."

Dann geschieht das Unglaubliche, 1989 fällt die Mauer nicht, zwei deutsche Staaten bleiben dem Leser erhalten: Egon Krenz wird Staatsratsvorsitzender und Lafontaine Bundeskanzler, die DDR richtet sich neu aus, erlaubt Auslandsreisen, nur mit der Meinungsfreiheit bleibt alles beim Alten, sprich, es gibt sie nicht. Was Brussig hier inszeniert, ist nichts weniger als die Vision eines (literarischen) deutschen Sonderwegs. Kontrafaktisches Erzählen nennt das der Literaturwissenschaftler, also: Was wäre, wenn…?

Spiel mit Fiktion und Phantasie

Brussig macht daraus eine über viele Seiten witzige literarische Versuchsanordnung, breitet eine Geschichte vor dem Leser aus, die so hätte passieren können, wenn sich Gorbatschow und Kohl, Mitterand und Buch nicht geeinigt hätten in den Jahren 1989/90. Das hat seinen Reiz, weil Brussig fortan nicht ausschließlich auf dichterische Phantasie setzt. Ob Angela Merkel oder Wolfgang Thierse, Günter Grass oder Daniel Kehlmann, Michael Ballack und Philipp Lahm, ob Politiker, Künstler oder andere Figuren des öffentlichen Lebens, sie alle trifft der Leser wieder. Das Personenarsenal wird freilich meist mit einer anderen Biografie ausgestattet, so läuft Ballack beispielsweise für die DDR-Nationalmannschaft auf, Thierse wird zum gewieften Verleger und Grass mutiert zum Olympia-Botschafter.

Ein Trabant vor der Berliner Mauer (foto: picture-alliance/dpa/Pisacreta)

Die Mauer steht, der Trabant fährt noch: In Brussigs Roman bleibt (fast) alles beim Alten

Brussig treibt seine Romanhandlung zwischen Fiktion und Realität voran, verwischt die Grenzen zwischen Dokumentation und literarischer Freiheit. Reizvoll ist das Spiel mit Fiktion und Phantasie immer dann, wenn Brussig darüber sinniert, was wohl aus ihm selbst geworden wäre, ein literarischer Dissident oder doch eher ein Angepasster. An manchen Stellen hingegen bekommt man allerdings auch den Eindruck, hier schreibe einer über ein Thema, dass langsam verblasst, das literarisch auserzählt ist. Doch Brussig wäre nicht Brussig, wenn er nicht auch das noch selbstironisch aufspießen würde und die eigene Rolle als Schriftsteller reflektiert: "Die Anfänge sind oft am interessantesten. Im Erstling steckt das Eigene, Echte. Spätere Werke sind rundgelutscht durch Reflexion." So ist "Das gibts in keinem Russenfilm" nicht ganz so gelungen wie das frühe Buch "Helden wie wir", doch vergnüglich zu lesen ist es allemal.

Thomas Brussig: Das gibts in keinem Russenfilm, Roman 382 Seiten, Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-002298-1.

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