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Wirtschaft

Thielemann: "Ausdruck von Gier und Verachtung"

Arroganz und Verachtung für den Staat - die Telefonmitschnitte von Gesprächen irischer Banker von 2008 sorgen für Empörung. Im DW-Interview fordert Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ein Umdenken in der Branche.

Ulrich Thielemann von der Denkfabrik für Wirtschaftsethik MeM (Foto: Katja Hoffmann)

Deutschland Wirtschaftsethik Ulrich Thielemann

Deutsche Welle: In dieser Woche veröffentlichte die irische Zeitung "Irish Independent" Telefonmitschnitte aus dem Jahr 2008. Darin spricht die Führungsrige der inzwischen liquidierten Anglo Irish Bank überheblich und gehässig über Finanzhilfen für ihr Institut. In einem Ausschnitt sagt der ehemalige Bankchef David Drumm: "ein neuer Tag, eine weitere Milliarde". Ein anderer Manager sang: "Deutschland, Deutschland über alles". Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte die Äußerungen und erklärte, sie habe nur Verachtung für diese Leute übrig. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie von den Äußerungen der Banker um David Drumm hörten?

Ulrich Thielemann: Ich habe mich gefragt, wo die ihre Ausbildung bekommen haben. Mit welchen Theorien sind sie ausgestattet, um so zu denken? Offenbar wurde den Leuten eine Überheblichkeit antrainiert. Sie tun alles für ihren Bonus und die Gewinne der Aktionäre. Die wissen, dass die Steuerzahler Milliarden in dieses schwarze Loch kippen und dass sie das letztendlich bekommen. Sie fühlen sich offenbar als 'Masters of the Universe' und sehen die übrige Bevölkerung als Deppen. Die freuen sich ja geradezu darüber, wie gut es ihnen gelingt, andere über den Tisch zu ziehen. Sie feiern ein persönliches Erfolgserlebnis.

Was sagen solche Äußerungen über die Haltung dieser Leute?

Das ist ja ein Ausdruck von Gier und Verachtung. Man muss fragen: Woher kommt dieser Wille zur Gier? Ich glaube, sie haben einfach das Selbstverständnis, ganz oben in der Nahrungskette zu stehen. Sie fühlen sich in der Lage, andere über den Tisch zu ziehen. Das ist das Denken einer Kaste von Leuten, die an den Business-Schools ausgebildet wird. Nach der herrschenden Lehrmeinung ist der Mensch ein Homo oeconomicus. In diesem wirtschaftswissenschaftlichen Modell ist das rational, was dem eigenen Vorteil dient. Er will sein Einkommen maximieren und geht - wenn es sein muss - buchstäblich über Leichen. Alles andere wäre in diesem Model irrational.

Wie verbreitet sind solche Denkweisen in der Bankenbranche auch heute noch?

Dazu gibt es keine Zahlen. Aber ich interpretiere das als Ausdruck einer Stimmung, die offenbar schon seit langem herrscht. Vor ein paar Jahren wurden Äußerungen von Goldman-Sachs-Bankern bekannt, die ihre eigene Kundschaft 'Muppets' - also Idioten - nannten. Solch ein Verhalten ist insofern symptomatisch, als dass es anerzogen wird an den Business-Schools. Da wird Gehirnwäsche betrieben. Die zukünftigen Banker werden darauf gedrillt, dass man alles daran setzen darf, so reich wie möglich zu werden. Wer einen höheren Kontostand hat, der gilt mehr. Und die anderen sind die Verlierer.

Die Anglo Irish Bank in Belfast: (Foto: epa/Paul McErlane)

Die Anglo Irish Bank in Belfast existiert heute nicht mehr, die Abwicklung kostete die Steuerzahler etwa 30 Milliarden Euro

Seit Beginn der Krise wird diskutiert, ob die Finanzindustrie einen Verhaltenskodex braucht. Wie stehen Sie dazu?

Wenn die Kultur so ist, kommt ein Verhaltenskodex eigentlich zu spät. Berufsgruppen sollten eigentlich einen Verhaltenskodex haben. Das gehört zum Berufsethos. Davon ist das Management vor allem der Finanzdienstleister meilenweit entfernt. Ich frage mich aber, wie wirksam so etwas sein kann. Um einen anderen Geist in die Unternehmen zu bekommen, brauchen wir eher andere Ausbildungen und Theorien - Theorien, die den Homo oeconomicus entthronen.

Was halten Sie von der Diskussion um ein verändertes Haftungsrecht, mit dem auch einzelne Banker zur Rechenschaft gezogen werden könnten?

Die Detailregulierung ist immer sehr schwierig. Wir brauchen beide Seiten. Einerseits andere Haftungsregeln und andererseits auch eine neue Unternehmens-, Führungs- und Wirtschaftskultur.

Sie fordern diese neue Wirtschaftskultur. Was muss sich ändern?

Wir brauchen eine neue Wirtschaftstheorie, die Distanz zur reinen Marktlogik wagt und nicht der reinen Erfolgslogik huldigt. Das eigene Einkommen darf nicht alles sein. Gewinnmaximierung ist nicht zu rechfertigen, Gewinnstreben schon. Das ist der entscheidende Unterschied. Es gibt die Bewegung der Sozialunternehmen. Und die sagen ganz klar: An erster Stelle stehen der Sinn und die Verantwortlichkeit von dem, was wir hier tun. Und dann erst kommt der Gewinn. Viele denken, es gäbe nur Gewinnmaximierung auf der einen Seite und Mutter Theresa auf der anderen. Das ist aber falsch. Man kann im Markt bestehen, ohne alles daran zu setzen, so erfolgreich wie möglich zu sein.

Das Gespräch führte Michael Hartlep.

Dr. Ulrich Thielemann (52) hat an der Universität St. Gallen Philosophie und Wirtschaftsethik gelehrt. Heute ist er Direktor der Denkfabrik Me'M, die sich für ein Umdenken in den Wirtschaftswissenschaften stark macht. Das Institut stellt sich gegen die herrschende Marktgläubigkeit und setzt sich ein für eine faire, soziale und ökologische Marktwirtschaft.

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