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Kultur

Theologie und Wissenschaft brauchen einander

"Naturwissenschaftler müssen sich eingestehen, dass sie einen Glauben benötigen, um Zusammenhänge jenseits der beobachtbaren Welt zu erkennen", schreibt Theologieprofessor Hans Schwarz in seinem Essay für DW-WORLD.

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Michelangelos "Schöpfung"


"Lange Zeit meinte die Theologie, sie hätte als die Königin

der Wissenschaften auf alle Fragen eine verbindliche Antwort. Sie dachte, sie sei allwissend.

Diese Arroganz irritierte jedoch die anderen Wissenschaften. Deshalb wurde die Theologie von ihrem Podest herabgestürzt.
Daraufhin schwangen sich die Naturwissenschaften auf dieses Podest.

Sie verkündeten nun an Stelle der Theologie, dass sie auf alle Menschheitsfragen die richtige Antwort wüssten. Auch dies wurde schließlich als Arroganz entlarvt

und es machte sich eine immer größere Skepsis in Bezug auf die Ansprüche der Naturwissenschaften breit."

Diese Zustandsbeschreibung des Wechselspiels von Theologie und Naturwissenschaften gab der 2005 verstorbene amerikanische Theologe Langdon Gilkey bei einer Tagung von Nobelpreisträgern und Theologen.

Die Naturwissenschaften sind nicht allwissend

Besonders Naturwissenschaftler, die sich mit Grundlagenforschung befassen, etwa in der Atomphysik oder bei der Erforschung des Kosmos, merken ständig, dass sich zwei neue Fragen auftun, sobald sie eine Frage gelöst haben. Wie der wissenschaftliche Fortschritt zeigt, ist das, was heute noch als endgültig erscheint, schon morgen überholt und wird durch neue Erkenntnisse relativiert.

Trotzdem benötigen wir die Naturwissenschaften tagtäglich zur Bewältigung unseres immer komplexer werdenden Lebens, besonders in ihrer angewandten Form: Wir sind ständig von technischen Resultaten der angewandten Naturwissenschaften umgeben, vom elektrischen Licht bis zum Laptop, vom Kühlschrank bis zum Automobil. Ohne die Ergebnisse der angewandten Naturwissenschaften wären wir weitgehend hilflos.

Zweischneidiges Schwert

Wozu braucht man also noch die Theologie oder, einfacher gesagt, den Glauben? Reicht es nicht, wenn wir unser durch die Naturwissenschaft gewonnenes Faktenwissen in Taten umsetzen? Wie zweischneidig solches Denken ist, wird uns schnell deutlich, wenn wir an die Erfindung des Dynamits denken: Zum einen ermöglichte sie, große Kanäle wie den Suezkanal und den Panamakanal zu bauen, da man mit dem Dynamit die im Wege stehenden Felsen wegsprengen konnte. Zum anderen erhielten Kriegs- und Terrorwaffen durch Dynamit und andere Sprengstoffe eine viel größere Vernichtungskraft als die vorher gebräuchlichen Handfeuerwaffen.

Unschuld verloren

Vor mehr als 200 Jahren warnte der Philosoph Immanuel Kant, dass wir nicht alle Probleme allein durch Sinneserfahrung, also durch die Empirie, zufriedenstellend lösen können. Anders als zum Beispiel die britischen Empiristen, unter ihnen David Hume, stellte er fest, dass die menschliche Vernunft und die ihr zugrunde liegende Sinneserfahrung nur die Welt der Phänomene ergründen kann.

Letztendliche Fragen nach Ursprung und Sinn, auch dem Sinn unseres Handelns, können aus der Welt der Phänomene nicht beantwortet werden. Sie sind deshalb dem numenalen Bereich oder - wie Kant es nannte - der Metaphysik zuzuordnen. Durch den ungeheuren Fortschritt der angewandten Naturwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert ist diese Einsicht weitgehend verloren gegangen. Wir nahmen an, dass das, was technisch machbar sei, auch richtig sei.

Aber der Philosoph Karl Jaspers bezeichnete den Glauben an die technische Beherrschung unserer Welt zu Recht als "Wissenschaftsaberglaube". Seit Hiroshima und Dresden, von Auschwitz gar nicht zu reden, haben die Naturwissenschaften ihre Unschuld verloren.

Grenz-Gänger

Zudem stoßen die Naturwissenschaftler im theoretischen wie auch im praktischen Bereich immer mehr an Grenzen, die eine ethische oder sogar metaphysische Bewertung erfordern. So werden Mediziner tagtäglich mit der Frage konfrontiert, ob und unter welchen Umständen Leben erhalten werden soll. Im kosmologischen Bereich wird von Naturwissenschaftlern wieder die Frage nach Anfang und Ende des Universums gestellt. Wenn es einen Urknall gegeben hat, so folgert man, kann das Universum nicht ewig sein, wie noch im 19. Jahrhundert angenommen wurde.

Auch bei den angeblich "blinden" Naturgesetzen sprechen manche Naturwissenschaftler zur Überraschung vieler Theologen von einem anthropischen Prinzip. Dieses anthropischen Prinzip geht davon aus, dass die Grundkonstanten in der Natur so fein aufeinander abgestimmt sind, dass es nach genügender Zeitdauer zur Entstehung des Menschen kommen musste. So erscheint die Geschichte des Universums doch nicht so richtungslos zu verlaufen, wie man oft annimmt. Zudem beschäftigt uns noch eine ganz existentielle Tatsache: Wir bemerken immer deutlicher, dass unsere natürlichen Ressourcen nicht unerschöpflich sind. Aber die Naturwissenschaften können uns keine schlüssige Antwort darauf geben, wie wir mit unseren Ressourcen verantwortlich umgehen sollen.

Jenseits der Empirie

Während lange Zeit die Ethik in der Philosophie oder in der Theologie angesiedelt war, gibt es zunehmend eine "Ethik der Technik", eine "Ethik der Medizin" und vor allem einen immer stärker werdenden Austausch zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern bezüglich metaphysischer Fragestellungen. Wenn dabei Naturwissenschaftler den Rat von Theologen einholen, dann nicht deswegen, weil letztere alles immer ganz genau wüssten, sondern weil bei vielen Fragen die Kompetenz der Naturwissenschaftler, die sich von ihrer wissenschaftlichen Vorgehensweise her auf die Empirie stützen müssen, das Empirische weit übersteigt.

Wo sich beide treffen

Theologen und Naturwissenschaftler kommen wieder miteinander ins Gespräch, um ausgehend von ihrem je eigenen Zuständigkeitsbereich - dem Empirischen oder dem Metaphysischen - gemeinsam Gegenwartsprobleme und "letzte Fragen" zu bedenken und, soweit es geht, zu beantworten. So muss sich der Theologe mit den naturwissenschaftlichen Fakten vertraut machen und der Naturwissenschaftler mit den Glaubensgrundsätzen. Letzteres sollte ihm nicht fremd sein: Jeder Naturwissenschaftler ist auch ein Mensch und somit in seiner eigenen Existenz stets mit Glaubensfragen konfrontiert.

Naturwissenschaftler müssen sich eingestehen, dass sie einen Glauben benötigen, um die tieferen Zusammenhänge jenseits der reinen Fakten und der beobachtbaren Welt erkennen zu können. Ebenso brauchen Theologen naturwissenschaftlich-faktisches Detailwissen, damit ihr Glaube nicht zu blinder Ideologie verkümmert.

So möchte ich mit einem Zitat des amerikanischen Astronomen und Agnostikers Robert Jastrow abschließen, der 1978 in seinem Buch "God and the Astronomers" schrieb:

"Für den Naturwissenschaftler, der durch seinen Glauben an die Macht der Vernunft lebte, endet die Geschichte

wie ein schlechter Traum. Er hat die Berge seiner Unwissenheit erklommen und ist gerade dabei,

den höchsten Gipfel zu erklimmen.

Als er sich über den letzten Felsen hinaufzieht,
wird er von einer Gruppe von Theologen begrüßt,
die dort droben schon seit Jahrhunderten gesessen sind."

Ein Essay von Hans Schwarz

Theologieprofessor Hans Schwarz bei der Arbeit

Professor Dr. Dr. h.c. Hans Schwarz

Hans Schwarz ist seit 1981 Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen am Institut für Evangelische Theologie der Universität Regensburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaft sowie Religionsgeschichte und -philosophie.

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