1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Theater in Deutschland

Vorhang auf! Das Schauspiel kann beginnen. Auf Theaterbühnen wird gelacht und geweint, geküsst und gemordet. Im Theater erlebt das Publikum eine glitzernde Welt. Hinter der Bühne geht es meist weniger glamourös zu.

Sprecherin:

Rund 160 öffentliche Bühnen gibt es in Deutschland, Stadt- und Staatstheater sowie Landesbühnen. Hinzu kommen 190 Privattheater, 50 Kulturorchester und mehr als 30 Festspiele. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl an freien Gruppen, die das Theaterleben in der Bundesrepublik bereichert. Die öffentlichen Theater und eine große Zahl der privaten sind im Deutschen Bühnenverein organisiert, der sich seit 1846 darum bemüht, das kulturelle Leben in Deutschland zu erhalten und zu fördern. Rolf Bolwin, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, zum jüngsten Kapitel der deutschen Theatergeschichte:

Rolf Bolwin:

"Sie müssen sich ja vorstellen, dass es in der DDR auf der einen Seite eine Theaterlandschaft gegeben hat, die sehr ähnlich war mit der der Bundesrepublik Deutschland. Ein Ensemble-, ein Repertoire-Betrieb war dort genauso üblich wie hier, aber natürlich hatte sich dort innerhalb von fast 50 Jahren eine andere Gesellschaftsordnung ausgeprägt, und als die Vereinigung kam, mussten diese Theater doch herangeführt werden an die Bundesrepublik Deutschland, an die Rechtsordnung hier, an das, was hier üblich ist, vor allem auch zu erreichen, dass diese Theaterlandschaft wirklich zusammenwächst."

Sprecher:

Wenn vom Theater die Rede ist, wird das Wort Theater häufig mit dem Begriff der "Landschaft" verbunden, um die große Zahl und die inhaltliche Vielgestalt der Bühnen in Deutschland in ein sprachliches Bild zu fassen. Die "Theaterlandschaft" ist dabei nicht die einzige gängige sprachliche Verbindung. So spricht man oft auch von der deutschen "Kulturlandschaft" oder der "Museumslandschaft". Der malerische Begriff der "Landschaft" wird vor allem für Einrichtungen und Ereignisse aus dem Bereich der Kultur verwendet, möglich sind aber auch Sprachschöpfungen wie die "Firmenlandschaft" oder die "Vereinslandschaft".

Sprecherin:

1990 trat der nach der politischen Wende in der früheren DDR gegründete Deutsche Bühnenbund dem Deutschen Bühnenverein bei. Inzwischen ist die vollständige Integration aller Theater und Orchester abgeschlossen. Die politische wie kulturelle Vereinigung hatte natürlich auch einen Wandel der Wahrnehmung zur Folge.

Rolf Bolwin:

"Der Blick der Zeit vor 1989 war in allen Bereichen in Deutschland auf die Bundesrepublik gerichtet, das heißt, wenn wir über deutsches Theater redeten, dann redeten wir natürlich in der Bundesrepublik über das Theater der Bundesrepublik; die Menschen in der DDR redeten natürlich dann auch über das Theater in der DDR. In der Zeit davor muss man natürlich sagen, was die Bundesrepublik angeht, waren das rosige Zeiten. Wirtschaftlich ging es dem Land relativ gut, das Steueraufkommen war hoch, und was, glaube ich, besonders wichtig war in den Jahren vor allem vor der Vereinigung: es gab nie eine grundsätzliche Debatte darüber, inwieweit eigentlich die öffentliche Hand Theater und Orchester finanzieren soll. Das geht ja in der Bundesrepublik Deutschland - genauso wenig wie in anderen Ländern - nicht ohne öffentliches Geld."

Sprecher:

In den Jahren nach der deutschen Vereinigung musste - wie in allen Bereichen öffentlicher Ausgaben - auch im kulturellen Sektor gespart werden. Für Rolf Bolwin stellen sich daher die Jahre vor 1989 als rosige Zeiten dar, weil die öffentliche Finanzierung der deutschen Theater außer Frage stand. Die Rose als Symbol von Schönheit, Frieden und Glück findet sich mehrfach in der deutschen Umgangssprache. Die rosigen Zeiten sind besonders glückliche und zufriedene, wobei in dem Begriff ein ironischer Unterton mitschwingt. Man kann Dinge auch in einem rosigen Licht, also einem besonders vorteilhaften Licht sehen oder gar alles durch eine rosarote Brille betrachten, was bedeutet, es in unrealistischer Weise den eigenen Wünschen gemäß schön zu färben.

Sprecherin:

In rosigem Licht oder gar mit einer rosaroten Brille hat Marianne Rogée das Theater nie betrachtet. Dennoch war es ihr sehnlichster Wunsch, Schauspielerin zu werden: Seit 40 Jahren spielt Marianne Rogée auf deutschen Bühnen. In den letzten Jahren ist sie einem breiteren Publikum auch durch ihre Filmrolle in einer erfolgreichen Fernsehserie bekannt geworden.

Marianne Rogée:

"Das Wichtigste ist für mich natürlich gewesen, das überhaupt zu schaffen. Wissen Sie, ich bin in einem sehr armen Pflege-Elternhaus aufgewachsen. Und für mich ist sehr wichtig gewesen, dass ich es geschafft habe, aus diesem, ich sag' mal, Milieu, natürlich unter Aufbietung aller meiner Kräfte, ich musste enorm viel arbeiten, weil es kostete sehr viel Schulgeld, ich musste das Geld verdienen, und das war sehr hart. Ich ging morgens um fünf schon in den Kohlenkeller, machte Stimmübungen und so. Und dass ich es geschafft habe, überhaupt die Abschlussprüfung zu machen und engagiert zu werden, auf einer Bühne zu stehen. Als ganz junges Mädchen bin ich einmal per Anhalter gefahren mit Willy Birgel. Der hat angehalten und mich ein Stück mitgenommen. Wenn man mir zu dem Zeitpunkt gesagt hätte, du wirst, ich weiß nicht, in so und soviel Jahren wirst du seine Schwiegertochter spielen und mit ihm gemeinsam auf einer Bühne stehen, ich wär' natürlich ausgeflippt."

Sprecher:

Die umgangssprachliche Bezeichnung "ausflippen" hat mehrere Bedeutungen. Marianne Rogée versucht damit auszudrücken, wie sehr sie sich gefreut hätte, mit Willy Birgel auf der Bühne zu stehen. Freudige Ausgelassenheit und Aufregung wären grenzenlos gewesen. Von jemand zu sagen, dass er ausflippt, kann aber auch eine kritische Bemerkung sein, um einen Menschen zu beschreiben, den man in seinem Verhalten für unmäßig oder unnormal hält. Mit etwas Eigenironie sprechen heute viele Menschen auch davon, dass sie ausgeflippt sind, wenn sie sich besonders geärgert und aufgeregt haben.

Sprecherin:

Die Begeisterung für ihren Beruf ist Marianne Rogée immer noch anzumerken. So gilt auch nach vier Jahrzehnten harter Schauspielarbeit noch ihr ursprünglicher Beweggrund.

Marianne Rogée:

"Also, ich bin ja ans Theater mit Feuer und Flamme natürlich. Das war also für mich die Möglichkeit, weil ich hab' gedacht, ich werde es schaffen können, eine Krankenschwester zu werden, eine Hure würde auch noch möglich sein, aber eine Königin wird schwerer, und das alles kann man am Theater machen. Ich liebe es nach wie vor, Theater zu spielen. Es ist wunderbar, ich finde den Beruf schön. Es gibt Situationen, es gibt Stunden auf einer Bühne oder beim Drehen oder wo, wo man sich wundert, man sagt: Das ist das, was ich am allerliebsten mache, und stell' dir vor, dafür kriegst du noch Geld. Das ist natürlich das Optimale."

Sprecher:

Marianne Rogée ist mit Feuer und Flamme ans Theater gegangen. Der Stabreim, "etwas mit Feuer und Flamme zu tun", drückt wie kein anderer Begriff Hingabe und Überzeugung aus, mit der man einer Neigung, einem Hobby oder einem Beruf nachgeht.

Sprecherin:

Marlies Petersen ist an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf angestellt. Die Opernsängerin, die auch häufig Gastspiele in Paris gibt, wollte schon als junges Mädchen gerne Sängerin werden. Weil ihre Eltern jedoch darin keine wirtschaftliche Zukunft sahen, studierte sie zunächst Schulmusik. Über Umwege erreichte sie dann doch ihr Traumziel. Eine immer noch bekannte, wenn auch inzwischen nicht mehr so oft gebrauchte Formulierung, bezeichnet Theater und Opernbühnen als "die Bretter, die die Welt bedeuten". Marlies Petersen hat trotz ihrer Begeisterung für Gesang und Schauspiel eine eher nüchterne Sicht ihrer Arbeit.

Marlies Petersen:

"Heute habe ich manchmal den Eindruck, dass das Theater oder auch die Oper so was ist wie 'ne Alltagsarbeit auch, wie wenn jetzt eine Dame ins Büro geht oder ein Mann in die Bank. Es ist 'nen bisschen schon, sagen wir mal so, wenn man fest engagiert isch an einem Haus, dann ist das so. Gut, wenn man natürlich reist und noch ein bisschen riecht vom Starrummel und so, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie das früher war. Aber ich glaube, die Generation, in der ich jetzt groß geworden bin, die Sängergeneration, die ist ganz was anderes, das ist so eher wirklich ein ganz normaler Beruf auch. Also, es gibt nicht mehr so diesen Starkult von früher, zumindest nicht an diesen kleinen Theatern in Deutschland."

Sprecher:

Marlies Petersen ist im schwäbischen Ludwigsburg aufgewachsen. Das meiste an Dialektfärbung ihrer Sprache hat sich inzwischen abgeschliffen. Doch manchmal ist noch zu hören, wie sie typisch schwäbisch davon spricht, dass sie fest engagiert "isch" und nicht ist. Die junge Opernsängerin hat manchmal den Eindruck, dass Theater und Oper ganz normale Alltagsarbeit bedeuten und nur noch auf Reisen etwas vom Starrummel zu spüren oder - wie sie sagt - zu riechen sei. Der "Rummel" als altertümliche Bezeichnung für den Jahrmarkt hat in der modernen Umgangssprache eine neue Bedeutung angenommen. Die übertriebene Aufmerksamkeit, der ungemäße Aufwand, die überspannte Darstellung in den Medien: All das wird in dem Wort "Starrummel" zusammengefasst.

Sprecherin:

Neben dem Theater gibt es heute zahlreiche andere Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen und sich zu unterhalten oder anregen zu lassen. Nicht nur Fernsehen, Kinos und ein breites Sportangebot stellen sich als Konkurrenten neben das Theater, auch das Internet hält mehr und mehr Menschen in den eigenen vier Wänden. Als Chance und Vorteil sieht Marlies Petersen die spezielle Atmosphäre des Theaters, die kein anderes Medium zu bieten hat.

Marlies Petersen:

"Und das ist vielleicht, sagen wir mal, die Chance, die auch lebendiges Theater hat, zu überleben, weil's einfach live ist. Ja, man möchte ja auch das Publikum erfüllen, man möchte die faszinieren, aber es gelingt natürlich nicht immer, weil man ist ja auch Stimmungen unterworfen. Man ist mal nicht so gut drauf an dem Tag und muss trotzdem abends versuchen, 100 Prozent rüberzubringen. Der Beruf ist nach wie vor sehr, sehr schwer, und manchmal hab' ich das Gefühl, dass das Publikum das gar nicht so weiß, was wir investieren."

Sprecher:

"Nicht gut drauf zu sein" stammt aus der Jugendsprache, hat sich aber inzwischen als gängige Formulierung weit verbreitet. Wer nicht gut drauf ist, der hat schlechte Laune, ist krank oder einfach traurig. Aber egal, ob Schauspieler gut drauf sind oder nicht, sie müssen immer versuchen, am Abend 100 Prozent rüberzubringen, also dem Publikum mit aller Energie ihre Kunst vermitteln.

Sprecherin:

Richard Hucke arbeitet wie viele Schauspieler als freier Künstler. Dass der Schauspielberuf oft, wie die Umgangssprache es sagt, eine brotlose Kunst ist, also eine Arbeit, mit der meist nur wenig Geld zu verdienen ist, war Richard Hucke klar. Um sich seine finanzielle Unabhängigkeit zu sichern, arbeitet er neben seinen Theaterengagements als Sprecher beim Rundfunk. Für ihn hat - genauso wie für Marlies Petersen - das Theater einen unnachahmlichen Charakter.

Richard Hucke:

"Das kann man eigentlich gar nicht so fassen, indem man es mit Wörtern benennt, aber es ist eine besondere Atmosphäre, man kann es nicht richtig auf den Punkt bringen. Es ist aber ein direkter Zusammenhalt da zwischen dem Publikum und den Schauspielern, also es übertragen sich Sachen, die auch nicht sagbar sind von der Bühne runter. Also für mich eins der prägnantesten Beispiele, ich war mal, als ich noch in Berlin war, in der Deutschen Oper, da lief ein Ballett, war ‚Der Idiot' nach Dostojewski mit Musik von Schostakowitsch. Da gab es eine Szene, wo der, der den Idioten gespielt hat, der zum Schluss dann verrückt wird, der Fürst Mischkin. Da kam so ein Glockenseil, und er schwang sich daran, und hinten war so ein Feuer, das so flackernd angestellt war, der schwang sich über die Bühne. Und in dem Moment war klar, also der hat nix weiter gemacht, der hat nix gesagt, also mir und allen anderen tausend Leuten, die da im Zuschauerraum saßen: Der ist verrückt. Und das gibt's nur im Theater."

Sprecher:

Die spezielle Atmosphäre des Theaters kann man nicht richtig auf den Punkt bringen. Die gängige Formulierung "etwas auf den Punkt bringen" steht für eine Beschreibung, die mit hoher Genauigkeit einen Sachverhalt erfasst und wiedergibt, so wie ein Finger imstande ist, genau auf einen Punkt eines beschriebenen Papiers zu zeigen.

Sprecherin:

Das, was sich am Theater nicht auf den Punkt bringen lässt, können die meisten Menschen zum Glück sehr wohl nachempfinden. Und diese besondere Qualität wird den deutschen Theatern und Opernhäusern sicher noch lange die Zuschauer erhalten.

Günther Birkenstock

Fragen zum Text:

Als die Bretter, die die Welt bedeuten werden … bezeichnet.

1. Holzspielzeuge

2. Theater- und Opernbühnen

3. Holzhäuser

Eine brotlose Kunst ist…

1. ein arbeitsloser Bäcker.

2. eine Arbeit, mit der sich nur wenig Geld verdienen lässt.

3. eine Tätigkeit, die nicht sehr anstrengend ist.

Wer nicht gut drauf ist,

1. der hat schlechte Laune.

2. der hat nicht gefrühstückt.

3. der hat sehr gute Laune.

Arbeitsauftrag

"Guten Abend, ich hätte gerne zwei Theaterkarten" - Spielen Sie gemeinsam mit einem Partner eine kurze Szene auf Deutsch. Sie sind an einer Theaterkasse. Einer von Ihnen möchte ins Theater gehen, der andere verkauft die Karten. Tauschen Sie die Rollen, wenn Sie fertig sind und spielen Sie die Szene noch mal. Viel Spaß!

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads