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Kultur

Theater im Transitbereich

Kommen die Menschen nicht ins Theater, kommt das Theater eben zu den Menschen. "Hier bin ich" heißt ein Projekt der Initiative "Import-Export-Theater" in Köln-Mühlheim. Das Motto: mehr Kultur für die Kulturen.

Giovanni, der italienische Fischverkäufer will sich endlich ein Mädchen angeln. Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Das Import-Export-Theater fischt im Meer der Kulturen.

"Wenn Du mich wirklich liebst, dann steh jetzt auf und sag allen Leuten hier, dass ich deine Mama bin", fordert der gewiefte Händler Memmo seinen Freund, den italienischen Fischverkäufer Giovanni auf. Memmo heißt eigentlich Ümit Elbaylar und ist 21 Jahre alt. Im richtigen Leben ist er weder Händler noch Mutter, sondern arbeitet an einer Tankstelle. Nun steht er als einer der Darsteller für das Theaterprojekt "Hier bin ich" auf der Bühne. Dahinter steckt die Idee des deutsch-libanesischen Theatermachers Bassam Ghazi und der Schauspielerin und Theaterpädagogin Günay Köse, zusammen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Köln-Mülheim Theater für und über den multikulturellen Stadtteil zu machen: "Wir setzen unseren Fokus ganz klar auf Kunst und Kultur für alle und schreiben uns nicht auf die Fahnen, Integrationstheater zu betreiben", betonen die Leiter des neu gegründeten Import-Export-Theaters und distanzieren sich vom moralischen Zeigefinger der Integrationspolitik. Entstanden ist eine humorvolle "Theatermixcollage" aus Geschichten des täglichen Lebens, die von der Vielfalt der Menschen vor der eigenen Haustür sprechen und nach der eigenen Verortung fragt.

Mama? Memmo?


Das Muttersöhnichen Giovanni muss für seine Leihmutter teuer bezahlen. Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Auch Mütter kosten Geld!

Giovanni hat ein "Grande Problema", er wohnt immer noch bei seiner Mama. Das muss sich dringend ändern, sonst klappt es nie mit den Frauen. Deshalb schlüpft Geschäftsmann Memmo in die Mutterrolle und übt mit Giovanni dessen Emanzipation – gegen eine anständige Bezahlung, versteht sich. Die Zuschauer biegen sich vor Lachen, wenn Ümit mit einer Handtasche die Bühne betritt, um den "geliebten Sohn" zu besuchen und dieser vor lauter Nervosität nicht mehr zwischen Mama und Memo unterscheiden kann. Doch wer hier eigentlich seine Reifeprüfung ablegt, ist ganz klar der türkischstämmige Ümit: "Natürlich ist mir am Anfang durch den Kopf gegangen, ich spiel doch keine Frauenrolle, aber nach und nach fand ich das selber lustig und hab entdeckt, dass ich das auch kann." Die Sozialraumkoordinatorin Wilhelmine Streuter zeigt sich beeindruckt "von der Authentizität der Laiendarsteller, die über sich selbst hinauswachsen". Die Stadt Köln gehört neben dem Fonds Soziokultur, der Robert Bosch Stiftung und der Aktion Mensch zu den Förderern des ambitionierten Projekts.

Theater ohne Bühne

Das Theater spielt in Culture Station, eine ehemaligen Lagerhalle in Köln - Mülheim. Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Überall ist Bühne - das Theater zu Gast in einer alten Lagerhalle

Über Flyer und Plakate hat sich eine bunt gemischte Truppe junger Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammengefunden, freiwillig: "Ich hatte einen Ausdrucksmangel, und den wollte ich beheben", so beschreibt der junge Vater Paco Höller alias Giovanni seine Motivation, mitzumachen. Als mobile Theatertruppe sucht sich das Ensemble ständig neue Spielorte. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, möglichst viele zu erreichen, die sonst nicht den Weg ins Theater finden", meint Bassam Ghazi. Und das funktioniert mit erstaunlichem Erfolg. Kulturzentrum, alte Lagerhalle, Kinder- und Jugendzentrum – jeder Auftrittsort ist mit anderen Menschen verbunden und bringt ein neues Publikum mit sich. Neben Freunden und Familien der Schauspieler sieht man sie dann auch wirklich, die Leute aus dem Viertel. Die Hemmungen, die die Hochkultur an den Stadttheatern für viele Menschen aus so genannten Problemvierteln auslöst, entfallen hier. Man kennt die Orte, die Leute und muss sich nicht schämen, weil man sich der deutschen Sprache nicht mächtig genug fühlt oder einfach nicht das passende Theateroutfit besitzt. Fast immer mussten bislang zusätzliche Stühle aufgebaut werden.

Das bunte Import-Export-Ensemble unter der Leitung von Bassam Ghazi und Günay Köse Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Eine bunte Truppe - das Import-Export-Ensemble

Rote Rosen und wahre Worte

Es geht jedoch nicht nur lustig zu. Die Figuren weisen Brüche auf, die auch die Konflikte verdeutlichen, welche das tägliche Miteinander in einem internationalen Viertel wie Mülheim bestimmen. Da gibt es die junge Türkin auf Bräutigamschau, die sich vor den kitschigen Anträgen ihrer Landsmänner kaum retten kann und es zur Abwechslung mal mit einem Deutschen probiert. Und obwohl alle Vorbehalte gegen diese Verbindung aus dem Weg geräumt scheinen, finden beide am Ende doch nicht zueinander.

Die Rosenverkäuferin Laila ist eine Illegale ohne Rechte. Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Die Rosenverkäuferin Laila - ein Mensch ohne Rechte

Nilufar Dehghanzadeh spielt die Rosenverkäuferin Laila, eine Illegale ohne Rechte. Das Thema ist ihr selbst nicht fremd. Mit ihrer eigenen Familie ist die Abiturientin aus dem Iran nach Deutschland gekommen und kennt die Schwierigkeiten vieler Einwanderer, ein offizielles Bleiberecht zu bekommen. In ihrer Rolle legt sie beklemmend Lailas Schattendasein offen. Plötzlich kippt die Perspektive und Laila konfrontiert die Zuschauer mit dem, was immer noch in vielen Köpfen vorgeht: "Mensch und Mensch sind nicht gleich, wir werden niemals miteinander in Frieden leben können. Denkt einfach, wenn ihr demnächst wieder ein paar schwarze Augen seht, die euch anstarren: Es ist mein Land". Das geht unter die Haut, Nilufar hat selbst diese tiefdunklen Augen.

Miteinander lachen


Eine bunte Hochzeit mit einem bunten Publikum Foto: Sven Heine / Johanna Leistner

Hochzeit mit vielen Gästen

Gerade die Vermischung von ernsten und unterhaltsamen Szenen macht den besonderen Reiz des Stückes aus. "Bei der Vermittlung zwischen den Kulturen braucht es viel mehr Humor und nicht nur tiefschürfende Ernsthaftigkeit", meint ein älterer Zuschauer. Die Erfolge ähnlicher Theaterprojekte in Städten wie Berlin oder München haben gezeigt, dass stadtteilbezogene Theaterarbeit die Menschen vor Ort eher erreicht und so zu einem gelingenden Miteinander beitragen kann, als professionelle Integrationsarbeit an den großen Bühnen.

Natalie, 12, und Romina, 13, haben alle Vorstellungen besucht und sind total begeistert: "Das spricht von unserem Alltag und ist immer ein bisschen anders, nie langweilig". Sie werden bei der nächsten Produktion des Import-Export-Theaters wieder dabei sein. Dann jedoch auf der Bühne, das haben sie sich fest vorgenommen.

Autor: Matthias Mayr

Redaktion: Sabine Oelze

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