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Kultur

Theater im Tagebau

Braunkohle war der wichtigste Rohstoff der DDR. Im Kombinat Espenhain arbeiteten zu Hochzeiten 5400 Kumpel. Das Leipziger Centraltheater inszeniert nun im Tagebau sozialistische Alltagsrealität mit den Arbeitern selbst.

Andrej Kaminsky, Ensemblemitglied, in der Rolle des Archivars in der ehemaligen Kaffeeküche der Schaltwarte

Die ehemalige Kaffeeküche -jetzt Teil der Performance

Ganz früh, wenn alles noch schlief, war Robert Soujon schon auf den Beinen. Sein Schichtbus, ein klappriges, russisches Ikarusmodell, wartete am Leipziger Hauptbahnhof, um ihn und seine Kumpel in das Braunkohle-Kombinat nach Espenhain zu bringen. "Wir waren schon schmutzig, als wir morgens die Klamotten vom Vortag anzogen", erinnert sich der heute 40-Jährige.

Im Gehirn des Kombinats

Mitte der 1980er Jahre, direkt nach der Schule, begann Robert Soujon seine Ausbildung als Maschinist für Großgeräte im Tagebau. Drei Jahre kontrollierte er dann die Förderbänder, die die Kohle transportierten. Acht Stunden jeden Tag. Das war sein Job. Und der gehörte eigentlich schon längst nicht mehr zu seinem Leben. Bis die Leute vom Leipziger Centraltheater kamen und Laiendarsteller für ihr Stück "Braune Kohle" suchten. Da war die Vergangenheit plötzlich wieder da.

Die ehemalige Betriebsfunkerin Marianne Hesse

Samstag, 28. Februar, 18 Uhr. Robert Soujon führt eine der 13 Publikumsgruppen durch die ehemalige Schaltwarte Espenhain südlich von Leipzig, erzählt aus seinem Leben, schildert seinen Alltag in der Braunkohle - eine Lebensrealität, die Leipziger Theatermacher als Doku-Performance neu aufleben lassen. Denn um die verschwundene Braunkohle-Wirklichkeit wieder wirklich zu machen, gingen die Regisseure Dirk Cieslak und Annett Hardegen für ihr Stück "Braune Kohle" direkt an den Ort des Geschehens, in das Gehirn des Braunkohle-Kombinats, die alte Schaltwarte 15 Kilometer südlich von Leipzig.

Mond- und Seenlandschaften

Inszeniert aber haben sie kein Theater im herkömmlichen Sinn, sondern eine theatrale Ortsbegehung mit den Protagonisten selbst. Und die versinnbildlicht das raue Leben inmitten des "Schwarzen Goldes" angenehm ehrlich und unprätentiös. Vor allem aber, ist es eine Thematik, die viele etwas angeht, denn zu DDR-Zeiten verdienten zehntausende ihr Brot mit der Kohle. Ende der 1980er Jahre gehörte der östliche Teil Deutschlands zu den größten Braunkohlefördergebieten der Welt. Zwei Drittel davon wurden im Lausitzer Revier gefördert, ein Drittel im Raum Leipzig, Halle und Bitterfeld. Nach der Wende wurde die Förderung massiv zurückgefahren - aus endlosen Mondlandschaften entstanden Seenlandschaften, die heute im Süden von Leipzig zu Erholungszentren ausgebaut werden. Die Braunkohlekumpel wurden zum Großteil entlassen.

Lila Nylonschürzen

Durch enge Gänge, über schmale Treppen führt Robert Soujon seine Gruppe durch die leeren monströsen Werk- und KV-Hallen. Von brauner Kohle allerdings weit und breit keine Spur. "Glück auf" ruft er den anderen Arbeiter mit ihren gelben Helmen im Vorbeigehen zu. Eigene Regeln in einem eigenen Mikrokosmos. Das Gefühl von Theater kommt nur hin und wieder auf, wenn in der Kantine der Chor "Unsere Heimat" singt oder die Frauen in lila Nylonschürzen regionales Wassers preisen. Dann ironisieren die Macher diese Welt, die die Menschen ungefragt in ein System presste, ihre Lungen verstaubte und ihre Dörfer wegbaggerte. Und ihnen doch ausreichend Geld zum Leben sicherte.

Reinhard Katzer, E-Lokfahrer



Walter Hartert arbeitete 27 Jahre in der Braunkohle, zuerst im Dreischichtsystem, später in der Lehrlingsausbildung. Sein letzter Besuch in dieser Schaltwarte liegt fast 20 Jahre zurück, doch seine Erinnerungen sind frisch wie eh und je. Auch er führt eine Gruppe durch das Werk an diesem Abend. Für den 69-Jährigen ist das "Braune Kohle"-Projekt ein Abschiednehmen von Espenhain. "Es war ja unser Lebensinhalt." Damit spricht er vielen Kumpel aus der Seele, denn noch lebt eine ganze Generation in der Region, deren Leben und Denken von den braunen Briketts geprägt wurde.

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