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Kultur

Theater aus dem prallen Leben

Die "Linie 1" ist das meistgespielte deutsche Theaterstück und der größte Erfolg des Berliner Grips Theaters. Aufführungen gab es an vielen Orten der Welt, nun macht die "Linie 1" im Jemen Station.

(Foto: Grips Theater/ David Balzer)

Im Zentrum von Aden, an einem Bus- und Taxisammelplatz, streitet sich eine alte Dame mit einem betrunkenen Dieb, ein Sicherheitsmann interveniert, der Straßenkehrer mischt sich ein, zwei Schule schwänzende Jungs versuchen, Geld für den Besuch einer Spielhalle zu schnorren. Und am Rande steht ein junges Mädchen mit einem Köfferchen in der Hand und weiß nicht, wohin.

Die Vorlage

"Eine Show, ein Drama, ein Musical über Leben und Überleben in der Großstadt, über Hoffnung und Anpassung, Mut und Selbstbetrug, zum Lachen und Weinen, zum Träumen - und zum Nachdenken über sich selbst" - so beschreibt das Grips Theater seine "Linie 1" von Volker Ludwig (Text) und Birger Heymann (Musik). Seit 1986 steht sie auf dem Spielplan am Berliner Hansaplatz, weltweit gab es Gastspiele und Nachinszenierungen dieses realitätsgetränkten, lebensnahen Musicals um eine junge Ausreißerin aus der Provinz. In Berlin sucht die ihren Märchenprinzen, einen Rockmusiker, bleibt aber in der U-Bahnlinie 1 hängen, die quer durch die Stadt fährt, viele soziale Brennpunkte berührt und ein ganzes Kaleidoskop großstädtischer Typen befördert.

(Foto: Grips Theater/ David Balzer)

Tradition und Moderne, selbstverständlich gemeinsam auf der Bühne

Er habe die Geschichte so verändert, sagt der junge jemenitische Regisseur Amr Jamal, dass das Stück zu seinem Land passe. Denn die Menschen kämen gerne, wenn sie merken, dass sie sich in dem Theaterstück selber sehen, dass sie ihre eigenen Probleme sehen.

Bezug zur Straße

Guido Zebisch, der Leiter des Deutschen Hauses für Zusammenarbeit und Kultur in Saana, hat Jamal auf Volker Ludwigs musikalische Revue "Linie 1" aufmerksam gemacht. Und er war sofort begeistert. Nicht nur, weil Jamal Musicals mag, sondern vor allem, weil es ihn gereizt hat, Theater mit einem ganz klaren Bezug zu den Menschen auf der Straße zu machen, eine Seltenheit im Jemen. Seine Inszenierung - sie trägt den Titel "Mak Nazl - Aussteigen, bitte!" - spielt in Aden, die U-Bahn ist ein Sammeltaxi und das junge Mädchen aus der Provinz eine bereits verheiratete Frau und Mutter, die Opfer einer sogenannten Touristenheirat geworden ist.

Traurige Realität

Das sei eine sehr realistische Geschichte, sagt Amr Jamal: "Reiche Männer aus den Golfstaaten kommen in den Jemen, und dann fahren sie hier aufs Land, wo es viele arme Familien gibt. Dort heiraten sie ein Mädchen für eine gewisse Zeit, um Sex zu haben. Sie denken, wenn sie sie heiraten, ist es mit der Religion vereinbar. Aber es ist eine Art von Prostitution". Denn nach ein paar gemeinsamen Nächten im Hotel verschwinden die Männer wieder. Sie nehmen mit, was sich mitzunehmen lohnt, und lassen das entehrte Mädchen mit allen Schulden zurück. Und manchmal auch mit einem Kind im Bauch.

(Foto: Grips Theater/ David Balzer)

Im Bus begegen sich unterschiedlichste Menschen

Amr Jamal und seine Theatergruppe haben sich "Mak Nazl – Aussteigen bitte!", wie ihre "Linie 1" heißt, völlig eigenständig erarbeitet und daraus, trotz des durchaus ernsten Plots, ein lebenspralles Stück mit unglaublich viel Situationskomik gemacht. Bei Proben, die zumeist nachts auf irgendwelchen Parkplätzen stattfanden.

Neu erwachtes Theaterleben

"Im Jemen gibt es eigentlich kein Theater", sagt Guido Zebisch. Aber es gäbe Leute, die Theater machen. In Aden, im sozialistischen Süden, war das bis zur jemenitischen Wiedervereinigung 1990 gang und gäbe, einige der älteren Mitwirkenden in "Mak Nazl" sind bekannte Volksschauspieler aus dieser Zeit. Derzeit etabliert sich im Land nun eine Off-Szene, besonders erfolgreich ist die Theatergruppe "Khaalej Aden" um Amr Jamal. Ihr Stück 'MAK NAZL - Aussteigen, bitte", das mit Projektmitteln der deutschen Kulturwochen Jemen finanziert wurde, haben bislang mehr als 11.000 Zuschauer gesehen. Eine Inszenierung, in der auch Frauen auftreten, im Jemen keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

(Foto: Grips Theater/ David Balzer)

Und am Ende das Happy-End!

Spielfreude und Professionalität der Theatergruppe "Khaalej Aden" haben die Zuschauer auch in Berlin begeistert. Die Schauspieler und Schauspielerinnen tanzen zu mitreißenden Songs, die souverän von der deutschen 80er Jahre-Vorlage in die südarabische Klangwelt überführt wurden, wechseln die Rollen im Fluge und zeigen pralle, durchaus kritische Momentaufnahmen aus dem heutigen Aden: mit jungen Wohnungssuchenden und somalischen Migranten, mit Alten, deren Kinder nach England und in die USA ausgewandert sind, und mit Jüngeren, die den Aufbruch wollen. Sowie mit einer Hauptdarstellerin, die auf der Suche nach dem Mann, der sie entehrt hat, eine größere Welt jenseits ihrer Dorfgrenzen und die Liebe kennenlernt.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Conny Paul