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Musik

The Chopin Project: "Wirklichkeit ohne Fehler ist keine Wirklichkeit"

Chopins Nachtmusik auf einem verstimmten Klavier. Dazu kommt leises Gelächter – und das Publikum hört das Atmen der Pianistin. Alice Sara Ott und Ólafur Arnalds brechen bewusst mit den Standards der klassischen Musik.

Moderne Aufnahmen klassischer Musik klingen nahezu perfekt: klare Töne, keine Nebengeräusche, die Stimmung der Instrumente ist optimal. Bei "The Chopin Project" ist das völlig anders: Der isländische Komponist Ólafur Arnalds und die deutsch-japanische Star-Pianistin Alice Sara Ott interpretieren den polnischen Komponisten neu: Sie spielen seine Musik auf verstimmten Kneipenklavieren und unterlegen sie mit Synthesizer-Sound. Die DW hat mit den beiden Musikern gesprochen - über unmenschliche Aufnahme-Standards, über das Atmen beim Klavierspielen, das wie beim Marathon-Lauf klingt, und über Chopins Hang zu Bar-Performances.

DW: Wenn heutzutage klassische Musik aufgenommen wird, soll sie möglichst sauber klingen. "The Chopin Project" macht dagegen den Makel zum Konzept. Haben Sie ein Problem mit Perfektion?

Alice Sara Ott: Die Frage ist: Was genau ist denn Perfektion? Moderne Aufnahmen klassischer Musik klingen sehr steril. Klänge, wie der Sound der Pedale, die nebenbei entstehen, werden als störende Geräusche betrachtet und herausgefiltert. Das nimmt der Musik den Live-Charakter und genau davon lebt sie ja.

Ólafur Arnalds: Ich denke, Perfektion liegt in der Kommunikation von Gefühlen. Wir sind keine vollkommenen Menschen. Wenn wir uns also ausdrücken wollen, kann das nie perfekt sein. Für mich ist Perfektion das Unvollkommene. Eine Wirklichkeit ohne Fehler ist keine Wirklichkeit. Ich finde es amüsant, dass man sich auf einen Klang festgelegt hat, wobei die Stücke früher jedes einzelne Mal anders geklungen haben. Seit Decca Records (Label für klassische Musik, Anm. d. Red.) den Standard für die Aufnahme klassischer Musik gesetzt hat, traut sich niemand mehr, davon abzuweichen.

Aber ist so ein Standard nicht legitim, um beispielsweise Frédéric Chopin zu hören, wie er klingen sollte?

Arnalds: Dieser Standard ist ja nur eine Möglichkeit, wie ein Stück klingen kann. Es gibt keine bestimmte Art, wie ein Stück klingen soll - nur Möglichkeiten, wie es klingen kann.

Ott: Gerade Chopins Kompositionen waren nie wirklich festgeschrieben. Er improvisierte - auf nicht perfekt gestimmten Klavieren, wie wir sie für heutige Aufnahmen zur Verfügung haben.

Hören wir also Chopin heute, wie er zu seinen Lebzeiten eigentlich nie klang?

Arnalds: Er selbst hat seine Nocturnen - also Nachtmusik - in Bars gespielt mit Leuten drum herum, die sich unterhielten. Da war es nicht still wie in einem Konzertsaal von heute.

Ott: Die Geräusche waren Teil des Klanges, weil alles viel intimer, viel näher war. Keine Musik passt so gut an diese Orte wie die von Chopin.

Teilweise ist auf "The Chopin Project" auch Hintergrundgemurmel und Gelächter zu hören. Haben Sie das tatsächlich in Kneipen aufgenommen?

Ott: Ja. Eine Woche lang sind wir auf Jagd nach verstimmten Klavieren in Reykjaviks Kneipen gegangen. Ich habe es wirklich genossen, dort zu spielen.

Arnalds: Uns ging es aber eben nicht nur um die Instrumente, sondern auch um den Raum - aus einer gewissen Nostalgie heraus. Klar haben wir auch im Studio aufgenommen, aber dort haben wir die Klaviere für einen dumpferen Klang mit Filz präpariert.

Ott: Heute werden die Konzerthallen mit perfekter Akustik gebaut. Viele Menschen haben sich an einen reinen Klang gewöhnt.

Arnalds: Sogar ich bin auf diesen glatten Standard-Klang gepolt. Zwei Stücke auf der CD stammen von einem kaputten Flügel in einer Konzerthalle. Drei Stunden lang habe ich vergeblich versucht, ihn zu reparieren. Aber jetzt bin ich froh über den Klang.

Fotografie zeigt den Komponisten Frédéric Chopin

Frédéric Chopin - Fotografie von Louis-Auguste Bisson (1849)

Viele Leute, gerade die, die sich an diesen reinen Klang gewöhnt haben, dürfte Ihre Aufnahmemethode verstören.

Arnalds: Wir wollen die Klassik-Welt nicht wütend machen. Es geht nicht allein darum.

Ott: Nicht allein? (lacht)

Arnalds: Es ist nur ein Bonus (lacht). Wir wollen diese Musik leichter zugänglich machen - auch für Leute, die keine eingefleischten Klassik-Fans sind. Dafür haben wir eine moderne Aufnahmetechnik verwendet. Der Synthesizer macht den Klang fülliger und größer.

Und was machen die Nebengeräusche mit dem Sound? Man hört jemanden atmen und sogar leises Summen.

Arnalds: Das ist Alice. Als ich sie bei den Aufnahmen atmen hörte, habe ich extra die Mikrofone noch näher an ihren Kopf gerückt.

Ott: Ich atme manchmal, als liefe ich einen Marathon, obwohl ich nur ein paar Noten spiele (lacht). Außerdem summe ich unbewusst die Melodie mit. Ein Kollege, den ich einmal am Flügel begleitet habe, hat sich sogar darüber beschwert, dass ich seinen Part "klaue".

Arnalds: Ich mag das, denn es haucht der Aufnahme Leben ein. Das sagt uns, dass ein Mensch dahinter steckt. Den hört man gewöhnlich auf klassischen Aufnahmen nicht, sondern nur das Instrument.

Ott: Unsere Aufnahmen sind definitiv menschlicher.

Für die CD haben Sie aber nicht nur Stücke von Chopin eingespielt. Sie haben auch um die Chopin’schen Originale "herumkomponiert". Wie weit darf man gehen, wenn man mit Chopins Stücken arbeitet?

Arnalds: Wir haben entschieden, weite Teile des Materials nicht zu verändern.

Ott: Das war mir persönlich sehr wichtig.

Arnalds: Die CD ist ja kein Projekt, um Chopins Musik besser zu machen. Es ist eine Hommage an Chopin.

Das Album "The Chopin Project" erschien am 20. März 2015.

Alice Sara Ott wird in der internationalen Klassik-Szene gefeiert. Mit vier Jahren schon nahm sie Klavierunterricht, lernte später am Mozarteum in Salzburg. Die Deutsch-Japanerin wurde 2010 mit dem ECHO Klassik geehrt. Da war sie gerade einmal 22 Jahre alt. Ihre erste Konzertaufnahme – Werke von Tschaikowsky und Liszt mit den Münchner Philharmonikern und Thomas Hengelbrock – wurde zum "Editors Choice" im "International Piano" sowie "Classic FM Magazine" ernannt.

Ólafur Arnalds spielte in seiner Jugend Punkrock. Sein Kompositionsstudium brach er ab, weil er ständig auf Tournee war und nicht mit den Normen klassischer Komposition konform ging. Heute ist er bekannt für seinen zarten Sound aus minimalistischem Klavier, Streichern und Synthesizern. Für den Soundtrack, den er für die erfolgreiche TV-Serie "Broadchurch" komponierte, erhielt er vergangenes Jahr einen Preis der "Britsh Academy of Film and Television Arts" (BAFTA).

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