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Asien

Thailands rote Revolution

Die Proteste der "Rothemden" in Thailand erinnern eher an ein Volksfest oder an Karneval. Aber dahinter steht eine Massenbewegung, die offensichtlich immer mehr Zulauf findet.

Proteste der Rothemden in Bangkok (Foto: DW)

Zwischenzeitlich kamen 150.000 Menschen zu den Protesten

Rockige Musik ertönt durch das historische Viertel im Herzen von Bangkok. In der Nähe befinden sich der Regierungssitz, das Hauptquartier der Armee und mehrere Touristenattraktionen. Jetzt haben die Rothemden ganze Straßenzüge unter Beschlag genommen.

Das Bündnis "Vereinigte Front für Demokratie gegen Diktatur" (UDD), wie die Rothemden offiziell heißen, fordert den Rücktritt von Premierminister Abhisit Vejjajiva, die Auflösung des Parlaments sowie Neuwahlen. Seit Mitte März halten die Massendemonstrationen nun schon an. Die meisten Rothemden sind Anhänger des ehemaligen, 2006 vom Militär gestürzten Premiers Thaksin Shinawatra. Mehrheitlich kommen sie aus den armen Regionen des Nordens und Nordostens.

Anhänger der Rothemden versucht, über die mit Stacheldraht bedeckte Straße zu den Sicherheitskräften vor dem Parlament in Bangkok vorzudringen (Foto: AP)

Stacheldraht vor dem Parlament: Ein Anhänger der Rothemden beim Versuch, zu den Sicherheitskräften vorzudringen

Verzerrtes Bild

Der Tuk-Tuk-Fahrer Thongphoon Chansamrong ist einer von ihnen. Er wünscht sich Thaksin zurück. "Er war gut für Thailands Wirtschaft", sagt er. Der 49-Jährige, der seit Jahren in Bangkok lebt, geht mehrmals täglich zu den Demonstrationen. Für ihn und viele andere Rothemden bleibt Thaksin ein Held der Demokratie - auch wenn der entmachtete Premier alles andere als das war. Unter anderem war seine Regierung für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Zudem wurden Kritiker massiv unterdrückt oder mit Verleumdungsklagen überzogen.

Atinee Srikoe ist für die Demonstrationen extra aus der Provinz Ubon Rachathani angereist. Ihrer Ansicht nach muss der ins Exil geflohene Ex-Premier nicht unbedingt zurückkehren. "Natürlich mag ich Thaksin", sagt die 48-Jährige, "aber es geht nicht in erster Linie um ihn, sondern um Demokratie und Gerechtigkeit". Thaksin sei allenfalls ein Symbol, meint sie.

Gespaltene Gesellschaft

Plakat von Ex-Premier Thaksin Shinawatra (Foto: AP)

Immer präsent: Ex-Premier Thaksin Shinawatra

Anderen UDD-Mitgliedern wie Jarupan Kuldiloke hingegen taugt der Ex-Regierungschef nicht einmal als Symbolfigur. "Ich mache hier nicht wegen Thaksin mit, sondern weil ich eine echte Demokratie will", stellt Jarupan, die an einer Bangkoker Universität lehrt, klar. In einem fairen politischen System solle jeder Wähler, egal aus welcher Schicht, eine gleichberechtigte Stimme haben. Damit spricht die 37-Jährige ein Problem an, das bezeichnend ist für die tiefe gesellschaftliche Spaltung Thailands: Denn diejenigen, die den Putsch gegen Thaksin unterstützt hatten, halten die Armen für zu dumm, um überhaupt wählen zu dürfen. Solche Äußerungen aber empfinden die unteren Schichten, die die Mehrheit der Wählerschaft ausmachen, als beleidigend und demütigend.

Jarupan Kuldiloke kann diese Gefühle gut verstehen. Und sie kritisiert die Staatsstreiche der Vergangenheit heftig: "Wir haben viel zu viele Militärputsche gehabt." Jedes Mal sei die jeweilige Verfassung außer Kraft gesetzt worden - so auch nach dem Staatsstreich vom September 2006. Die jetzige Verfassung, die 2007 in Kraft trat, findet sie höchst ungerecht. Unter anderem, weil diese den verantwortlichen Militärs und deren Verbündeten Straffreiheit garantiere. Dieser Putsch, sagt Jarupan, sei lediglich dazu gedacht gewesen, einen politischen Gegner loszuwerden.

Ernstzunehmende politische Größe

Soldaten in Wagen, vorne im Bild Anhänger der Rothemden (Foto: DW)

Soldaten ziehen sich von den Massenprotesten zurück

Derweil erhält die Bewegung sichtbar Zustimmung von etlichen Seiten. Wenn die Rothemden einen Motorrad- und Autokorso durch die verschiedenen Stadtviertel Bangkoks organisieren, jubeln ihnen viele Menschen am Straßenrand zu – darunter Verkäuferinnen, Arbeiter, Motorradtaxifahrer und Krankenschwestern. Unter den Zuschauern befinden sich aber auch Menschen aus gehobeneren Schichten. "In Thailand müssen sich endlich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ändern", sagt ein Mann in fließendem Englisch. Er gibt sich als ehemaliger Regierungsangestellter zu erkennen. Viel zu lange, fügt er hinzu, habe das konservative Establishment die Geschicke bestimmt.

Besagte Elite aus Bürokraten, Royalisten, Militärs und Bangkoker Geldadel ist es, welche die jetzige Regierung von Premier Abhisit Vejjajiva unterstützt. Entsprechend schwer dürfte es für die Rothemden werden, ihre Forderungen durchzusetzen. Anfang März hatten sie angekündigt, eine Million Menschen auf die Straßen zu bringen. Dieses ehrgeizige Ziel haben sie nicht erreicht. Immerhin aber kamen zwischenzeitlich bis zu 150.000 Menschen zu den Protesten. "Die Rothemden sind eine Kraft, mit der langfristig zu rechnen ist", sagt auch der Politikwissenschaftler Thitinan Pongsudhirak. Zumal sich im Laufe der Zeit gezeigt habe, dass viele mehr seien als nur die "Fußsoldaten Thaksins". Man müsse sich mit deren Forderungen und Beschwerden befassen.

Autorin: Nicola Glass
Redaktion: Esther Broders

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