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Wirtschaft

Thailand und das Risiko der Rezession

Die thailändische Armee hat das Kriegsrecht verhängt. Investoren sind besorgt - besonders, da das Wirtschaftswachstum schon jetzt hinter dem der anderen ASEAN-Staaten zurückbleibt, sagt Analyst Rajiv Biswas zur DW.

Der größte Investor Japan erklärte am Dienstag (20.05.2014) "schwere Bedenken", nachdem

die thailändische Armee das Kriegsrecht verhängt hatte

. Auch die USA verwiesen darauf, dass dies ein "temporärer" Zustand bleiben müsse, da multinational operierende Unternehmen die Ereignisse mit wachsender Nervosität beobachteten.

Nach Monaten erbitterter Proteste gegen die Regierung entsandte die thailändische Armee bewaffnete Truppen nach Bangkok und zensierte die Medien - doch bestand darauf, dass es sich "nicht um einen Putsch" handle. Seit sieben Monaten ist das Land Schauplatz einer tiefen Staatskrise, bei der die in Bangkok ansässigen mittleren und oberen Gesellschaftsschichten und der zutiefst royalistische Süden gegen die in den ländlichen Gegenden im Norden und Nordosten ansässige Basis des Shinawatra Clans ausgespielt werden.

Obwohl die neue Übergangsregierung noch im Amt ist, zeichnet sich bereits ab, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft Ostasiens durch die andauernde politische Krise auf eine Rezession zusteuert, sagt Rajiv Biswas, Chefvolkswirt und Asienexperte der Analysefirma IHS, im Gespräch mit der DW.

DW: Herr Biswas, riskiert Thailand durch die anhaltende Krise und die Ausrufung des Kriegsrechts, noch im Lauf diesen Jahres in die Rezession abzugleiten?

Rajiv Biswas, IHS. Foto: IHS

Biswas: "Der Tourismus leidet unter der politischen Krise"

Rajiv Biswas: Schon im ersten Quartal 2014 ließ sich ein erheblicher Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) feststellen. Auch im zweiten Quartal dürfte die Binnennachfrage schwach ausfallen, da die Verbraucher das Vertrauen verloren haben und wenig investieren.

Durch die Verhängung des Kriegsrechts mag es dem Militär vorübergehend gelingen, die Lage stabil zu halten - aber die tiefgreifenden Brüche in der thailändischen Gesellschaft werden so nicht überwunden. Es ist damit zu rechnen, dass sowohl das Vertrauen der Verbraucher wie auch das der Unternehmen in den kommenden Monaten sehr schwach bleiben, sodass die thailändische Wirtschaft zwei Quartale in Folge ein negatives Wachstum verzeichnen und in die technische Rezession abrutschen könnte.

Wie viel Schaden hat der andauernde ungelöste Konflikt der thailändischen Wirtschaft zugefügt?

Das BIP ist im Vergleich zum Vorjahr um 0,6 Prozent zurückgegangen. Der Tourismus, ein Schlüsselsektor der thailändischen Wirtschaft, musste in den ersten drei Monaten des Jahres 2014 einen signifikanten Rückgang der Einreisen aus dem Ausland hinnehmen - wegen der anhaltenden heftigen Ausschreitungen in Bangkok.

Obwohl sich die Zahl der Einreisen seither stabilisiert hat, besteht ein hohes Risiko, dass sich die politische Lage schnell wieder verschlechtert, sobald eine nicht-gewählte Regierung ernannt wird.

Auch wenn es dem Militär vorrübergehend gelingt, weitere Massenproteste zu verhindern, besteht das Risiko, dass die Demonstrationen wieder aufflammen und die Gewalt eskaliert. Solange kein politischer Kompromiss in Sicht ist, bleibt das Land in einer politischen Krise gefangen - ohne jede Einigung darüber, wie die nächste thailändische Regierung demokratisch gewählt werden kann.

Thailand ist auch ein wichtiger Standort für Elektronik-Unternehmen und für mehrere weltweite Automobilhersteller. Wie wirkt sich die Krise auf ausländische Investitionen aus?

Es mehren sich die Zeichen, dass die internationalen Investoren das Vertrauen in die thailändische Wirtschaftsentwicklung verlieren. Der Autobauer Toyota, der bedeutende Teile seiner Autoproduktion nach Thailand ausgelagert hat, hat bereits signalisiert, dass er seine Pläne für eine 600 Millionen US-Dollar teure neue Fertigungsstätten in Thailand aufgrund der politischen Unruhen überdenkt.

Viele andere multinationale Unternehmen verharren vermutlich ebenso in Wartestellung und verschieben Investitionsentscheidungen, bis sie überzeugt sind, dass sich die politische Lage stabilisiert hat.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf Thailands Stellung innerhalb der Vereinigung südostasiatischer Nationen ASEAN?

Einerseits ist Thailand eine der größten Volkswirtschaften der ASEAN-Länder - und eine Schnittstelle der größten Produktionszentren. Andererseits hat die innenpolitische Krise die Fähigkeit des Landes, eine wirtschaftlich führende Rolle in der Region zu spielen, im Kern erschüttert.

Solange das Kriegsrecht andauert, wird Thailand nichts zu den ASEAN-Ländern beitragen können - nicht unter einer Regierung, die nie demokratisch gewählt wurde und daher vermutlich große Schwierigkeiten haben wird, essentielle außenpolitische oder langfristige wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen.

Verliert Thailand möglicherweise seine Attrakrivität als Produktionsstandort?

Thailand wurde bisher als eines der führenden Produktionszentren in Ostasien angesehen, aufgrund seiner gut ausgebildeten, kostengünstigen Arbeitskräfte und der gut ausgebauten Infrastruktur.

Allerdings haben die anhaltenden politischen Unruhen einen negativen Einfluss auf den Ruf des Landes als führender Standort für multinationale Unternehmen, die nun zögern werden, hier noch Fertigungsanlagen aufzubauen. Wenn kein langfristig tragfähiger politischer Kompromiss gefunden wird, könnte Thailands Ansehen als attraktiver Investitionsstandort schnell erschüttert werden.

Wie fällt angesichts der neuesten Entwicklungen Ihre Prognose für Südostasiens zweitgrößte Volkswirtschaft bis Ende des Jahres aus?

Nach unserer Prognose wird die thailändische Wirtschaft 2014 nur um 1,9 Prozent wachsen. Sie verbleibt damit weit unterhalb ihres eigentlichen Wachstumspotentials, das bei vier bis fünf Prozent liegt. Konkret bedeutet dies, dass im Jahr 2014 schon jetzt rund acht bis zehn Milliarden US-Dollar Wachstum verloren gingen.

Es gibt ein signifikantes Abwärtsrisiko. Das BIP-Wachstum könnte im zweiten Quartal 2014 negativ ausfallen und Thailand in die Rezession drängen.

Die thailändische Wirtschaft wird 2014 bezüglich des BIP-Wachstums voraussichtlich die schlechteste Wirtschaftsleistung aller zehn ASEAN-Staaten aufweisen. Die Wachstumsaussichten für das Jahr 2015 laufen ebenfalls in Gefahr, aufgrund der anhaltenden politischen Krise herabgestuft zu werden.

Rajiv Biswas ist Seniorchef und Chefökonom für Asien des IHS, eines weltweiten Informations- und Analyseunternehmens. Er ist verantwortlich für die Koordinierung der wirtschaftlichen Analysen und Prognosen im Asien-Pazifik-Raum.

Die Fragen stellte Gabriel Dominguez.

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