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Alltagsdeutsch – Podcast

Thüringisch

Viele Menschen haben von Thüringen keine Vorstellung. Doch bei einer Reise durch das unscheinbare Bundesland kann man nicht nur viel über den Dialekt erfahren, sondern auch einiges über die Eigenart der Thüringer.

Sprecher:

Thüringen.... Thüringen... Wo soll das sein, dieses Thüringen?

Befragte Personen:

"Fällt mir gar nichts ein! / Ich hab nicht die geringste Ahnung. / So hinter Sachsen. / Im Osten.

Sprecher:

Unauffällige Gegend. Ein bisschen schroff, ein bisschen grau.

Befragte Personen:

"Dresden? / Erfurt? / Erfurt! / Bergig... / Ich hab keinen Schimmer."

Sprecher:

Versteckt sich wohl irgendwo, da zwischen Ost- und Westdeutschland. Nach Thüringen kommen viele, vor allem auf der Autobahn. Die führt von Berlin über Thüringen nach Bayern, lässt Burgen, Dörfchen und sanfte Hänge und unendliche Wälder links und rechts liegen. Wer mehr erfahren will, der muss von dieser Durchgangsroute ins Saaletal abbiegen. Nach Jena etwa. Die lebhafte Universitätsstadt ist hochbetagt, heiter.

Befragte Personen:

"Ist das Herz Deutschlands." / "Jena ist eine pulsierende Stadt, tolles Studentenleben. Man hat gleich den Thüringer Wald, man kann Skifahren... Man hat ein bisschen vom Harz noch... Es ist so schön in der Mitte, zur Ostsee und in die Alpen, man hat’s zu beidem nicht so weit."

Sprecher:

Das ist doch schon mal was. Und jetzt? Abbiegen nach Süden, zu den Bergen des Thüringer Waldes, an die eintausend Meter hoch? Oder nach Norden, durch das Thüringer Becken hindurch, bis zum sanften Kyffhäuser Gebirge?

Brigitte Jost:

"Im Grunde genommen brauchten wir nirgendwo hinzufahren in Urlaub! Wir haben so schöne Fleckchen Erde... Wiesen, Wälder, schöne Täler…!"

Sprecher:

Brigitte Jost lebt in Kleinberndten, wie schon ihre Eltern und Großeltern. Brigitte Jost ist Ortschronistin von Kleinberndten, das sind 300 Einwohner in verwinkelten Fachwerkhäusern.

Brigitte Jost:

"Es gibt ja schon Unterschiede zwischen Großberndten und Kleinberndten. In Großberndten sagte meine Mutter: Ferenz Aajust. Also bei uns wird auch der Nachname zuerst genannt. Der Mann hieß August Ferenz. In Kleinberndten sagen sie: Ferenz Ajjust. Und in Roddau ist es noch schlimmer. Zum Beispiel sagen sie zu einem Mädchen: Maijchen. Wir sagen Maachen. Oder Holzdarleben – ja Holzdarleben ist ganz extrem. Ich weiß nicht, wie die zu diesem Dialekt gekommen sind... Die schieben das G so vor: Ich ha’s dich gesagt.. Wir sagen ja: Ich ha's dich jesagt. Aber verstehen tun sich die untereinander alle, die

Dörfer.

Sprecher:

Thüringen – so klein es ist, so verzwickt scheint seine Sprache. Einhundert Kilometer südlich von Kleinberndten liegt Erfurt – prächtig die Domburg, verwinkelt die Gassen. Vielleicht können die Erfurter für Klarheit sorgen – sie sind schließlich die Landeshauptstädter.

Matthias Kaiser:

"Das ist schon ein Nordthüringer Dialekt, den ich spreche. Nicht ganz so säch'sch wie in Erfurt... Erfort! Es ist so bisschen ein Zwischending. Es gibt natürlich das Oberfränkische. Das spricht man so im Meininger Raum, Schmalkalden, find ich sehr angenehm. Man spricht einen sehr harten Dialekt im Roysser Land, das ist da unten im Thüringer Vogtland, die Gegend um Gera. Man spricht in Richtung Nordhausen, Richtung Niedersachsen fast niedersächsisch..."

Sprecher:

Matthias Kaiser lebt seit 20 Jahren in Erfurt. Er ist Verfasser von Restaurantkritiken, die so lyrisch wie vernichtend sein können. Unerbittlich wacht der 54-Jährige über die heimische, die thüringische Küche.

Matthias Kaiser:

"Ich kenne 300 verschiedene Sorten, wie man Klöße macht.

Sprecher:

Im Zweifelsfall macht er es vor, wie es richtig geht. In seiner Schauküche, im Erfurter Stadtzentrum.

Matthias Kleber:

"Der richtige Thüringer Kloß ist eine Illusion.... Es gibt keinen. Der richtige Kloß schmeckt in Schmalkalden, da wo er Hütes heißt, anders als in Weimar. In diesem ganzen südlichen Raum in Thüringen ist der Kloß so elegant, dass er durch die Gabel tropft. Mehr nördlich gesehen, in Nordhausen oder auch hier Erfurt, ist der Kloß eher fest..."

Sprecher:

Es scheint sich mit den Klößen zu verhalten wie mit der Thüringischen Mundart. Thüringen, umgeben von anderen deutschen Landstrichen und ohne Grenze zum Ausland, scheint sich weder in Sachen Klöße noch in Sachen Sprache festlegen zu wollen. Wer soll sich da zurechtfinden? Vielleicht der Dialektforscher Wolfgang Lösch.

Wolfgang Lösch:

"Mein Dialekt ist itzgründisch. Das Gebiet zwischen Eisberg und Sonnenberg. "

Sprecher:

Als Universitätsdozent hat er Jahrzehnte an einer Wörterbuchreihe gearbeitet, ein deutschlandweit einmaliges Projekt. Seit 1907 sammelten Sprachwissenschaftler der der Universität Jena das thüringische Kauderwelsch aus über 2500 Dörfern in Wort und Ton, um die feinen Unterschiede zu bewahren – etwa die nördlich und südlich der Kammlinie des Thüringer Waldes, des so genannten Rennsteigs.

Wolfgang Lösch:

Dieses Sprachgebiet im Südhang des Thüringer Waldes nennt man itzgründig, weil dadurch dieser kleine Fluss, die Itz, fließt.

Sprecher:

Bei der Thüringer Mundart finden sich Unterschiede leichter als Gemeinsamkeiten.

Wolfgang Lösch:

"In dem Dialektraum, aus dem ich stamme, verkleinert man die Substantive mit der Silbe la, le. Also wir sagen: Mannla für ein Männchen. Oder Weibla für ein Weibchen. Und in Erfurt sagen sie: Männschen. Oder Weibschen."

Sprecher:

Ein Thüringer in Thüringen zu sein – das geschieht also auf andere Weise als über die gemeinsame Sprache.

Brigitte Jost:

"Angenommen jetzt wäre unsere Tochter da, da würde ich sagen: Kumm ma, jetz setzen wir uns hin und essen mer schön Abendbrot. Komm her Mädchen, komm wir setzen uns hin und essen jetzt schön Abendbrot! Was wollen wir dazu trinke? Wollen wir Tee trinke oder soll ich Kaffee koche? Oder wollt ihr Männer een Bier habe? Wenn ihr Bier habe wollt, kann ich Bier geben. Saure Gurken, Bohnensalat, Schlachter Wurst, Schlagwurst, Zippelwurst … Was willst trinken, ein Tee, oder wenn die Männer Bier haben wollen, dann kann ich Bier besorgen. / Schlachtwurst, Zippelwurst,.."

Matthias Kaiser:

Eine Thüringer Bratwurst ist aus Schweinefleisch, ausschließlich macht man aus der Schulter und aus Teilen vom Bauch, mit dem Fettanteil von circa 25 Prozent Fett.

Sprecher:

Das Geheimnis der Bratwurst – vielleicht liegt sie hier, die Thüringer Gemeinsamkeit?

Matthias Kaiser:

"Dazu kommen so wunderbare Gewürze wie Muskatblüte oder es gibt auch Teile in Thüringen, die mache Kümmel rein. Majoran, Pfeffer, Salz natürlich. Es gibt welche, die machen ein bisschen Ingwer daran. Aber je weniger Gewürze und je einfacher die Zubereitungsart, desto näher kommen Sie dem Ideal der Thüringer Bratwurst nahe."

Sprecher:

Nein, die thüringische Einheit lässt sich auch über die Bratwurst nicht herstellen. Dennoch: Die Wurst schmeckt hier am Besten. Im Rest Deutschlands werde sie nur kopiert, seufzen die Menschen zwischen Saale und Werra. Manchmal ärgern sie sich darüber. Aber nur ein bisschen.

Matthias Kaiser:

"Ich glaube nicht, dass man den Thüringer erzürnen kann. Der nimmt sich nicht die Zeit über solche Dinge nachzudenken. Denn der Thüringer an sich ist hungrig und in der Zeit, da kann er schon überlegen: Was ess ich denn heute Mittag oder was kann ich denn heute Abend machen... Also der Thüringer der schiebt Dinge weg und das ist auch ganz wichtig, dass so ein Volk gibt, dass es einen Stamm wie die Thüringer gibt. Weil die Thüringer sind geradeaus denkende Menschen. Die denken nach vorne, die denken sehr wenig nach hinten.

Sprecher:

Sie sind ein bisschen schwerfällig, die Thüringer – damals schon, im Königreich Toringi, erstmals erwähnt um 400 nach Christus. Eineinhalb Jahrtausende lang stritten Herzöge, Kurfürsten und Kirchenobere selbst um kleinste Landzipfel in der Mitte Deutschlands. Vom Westen zerrten die Hessen, vom Süden die Franken, vom Osten Preußen und Sachsen – in blutigen Schlachten. Sie hatten es nicht einfach, die Thüringer: Kriege und karges Land. Stadtroda, Zeulenroda, Friedrichroda – Namen, die ans mühsame Roden des dichten Waldes erinnern. Ihre spätere Wirtschaft gründet in den armen Handwerkszweigen: Keramik aus Ilmenau, Glas aus Lauscha, Uhren aus Ruhla, Salzbergbau.

Lange gehört Thüringen einfach zum so genannten thüringisch-obersächsischen Sprachraum. Aber wenn die heutigen Thüringer jemand für sächsisch-sprachig hält, dann mögen sie das gar nicht, die Thüringer.

Brigitte Josts Ehemann:

"Über Thüringen lacht die Sonne und über Sachsen die ganze Welt."

Wolfgang Lösch:

"Die Thüringer mehren nicht so wie die Sachsen. Die gäxen nicht so wie die Sachsen. Wenn man bei Thomas Mann liest – eine seiner Figuren spricht vom sanft verschlafenen Thüringisch. Damit ist die Gegend um Apolda gemeint. Er stellt es gegenüber dem Sächsischen von Leipzig. Und diese Umgangssprache von Leipzig wird beschrieben: Das ist eine Ruchlosigkeit des Maulwerks mit vorgeschobenem Unterkiefer, gräulich, gräulich. Da denkt man gleich an solche Wörter wie: Boom! (Baum). Oder Ooch! (auch) Die man ja auch unbedingt in Leipzig hören kann, das ist ja typisch Leipziger Umgangsdeutsch. Die Thüringer sind sanfter. Sie sind weicher. Sie sind nicht so auffällig. Es käme, glaube ich, niemand auf die Idee, die Thüringische Redeweise als gräulich, gräulich zu beschreiben."

Sprecher:

Der Ministerialbeamte Johann Wolfgang Goethe – so gelehrt wie lebenslustig – ist um 1780 sehr gern nach Thüringen gekommen. Viele thüringische Worte finden sich in seinem berühmten "Faust". Freund Friedrich Schiller bringt Goethe gleich mit. Die Vordenker entwickeln zusammen mit Fichte, Schelling oder Herder den freien Geist Weimars. Auch heute ist Thüringen das Ziel von Gästen. Aber in manchen Gegenden ist es stiller geworden. Das Ende der DDR war das Ende vieler volkseigener Betriebe. Perspektivlosigkeit und Existenzängste sind Themen der Heimatdichtung geworden. Dialektforscher Wolfgang Lösch hat deshalb Stücke in seiner Sammlung, die er bislang noch nicht kannte.

Wolfgang Lösch:

"Ich zeige Ihnen das mal: Das Buch heißt: Mir hänge uns nei!. Das zum Beispiel ein Satz, der Sonnebergerisch ist." Wir hängen uns hinein. Also wir mischen uns ein.

Sprecher:

Keine Heimattümelei, sondern Gedanken von Thüringern, die mit Arbeitslosigkeit und finanzieller Not kämpfen.

Wolfgang Lösch:

"Wos brengt de Zeit? Kaa Arweit! Neies Zeich? Sen net reich. Varraasn? Wor gewasn. Ä Feier? Net heier. Aachn Haus – do es aus! Beitel leer – zehlst nex mehr! Margot Schiffner, Spechtsbrunn. "

Sprecher:

Einfache Fragen: Was bringt die Zeit? Keine Arbeit. Neue Kleidung? Wir sind nicht reich. Verreisen? Das was einmal... Wolfgang Lösch weiß: In der globalisierten Arbeitswelt sterben die Dialekte aus – gerade dann, wenn sie so kleinteilig und veränderlich sind wie das Thüringische.

Wolfgang Lösch:

"Die Jüngeren wenden sich ab, vom alten Leben, von der alten Sprache. So ist das in ganz Thüringen. Sie werden kaum junge Leute finden, die sich im Dialekt produzieren wollen.

Brigitte Jost:

"Schon mein Vater hat immer gesagt: Wartet die Zeit ab, es kommt wie zu meiner Zeit: Wer Geld verdienen will, muss aus dem Dorf raus. Und es ist so gekommen: Die jungen Leute müssen heute fortgehen!

Sprecher:

Aber auch, wenn die Menschen aus den kleinen Dörfern weg ziehen zum Arbeiten – an einer Eigenheit wird man sie immer erkennen:

Wolfgang Lösch:

"… Dass er ziemlich häufig das Wörtchen "Ge" oder "Ga" oder "Gelle" oder "Galle" oder "Jalle", "Jall" oder "Gall" verwendet. Den echten Thüringer erkennt man daran, dass er häufig das Wort Gell verwendet.. Ge, sagt er, Gelle oder Gell. Ein Wörtchen, das Bestätigung erheischt, wenn man einen Satz gesagt hat. Wie in der Zittauer Gegend, die sagen "Niwo". Das ist in Thüringen Ge oder Gelle. Am besten gefällt mir selber Gelle. Das ist der Thüringer: Er ist unsicher, er will den anderen nicht zu nahe treten, er vergewissert sich, ob das Gegenüber, der Partner mit seiner Aussage auch einverstanden sein kann, gelle? Einfach so ein kurzes Wörtchen am Ende, das verändert die Weltsicht. Die Schweizer sagen ja auch: Odr? Aber dieses Odr, das klingt aggressiv für meinen Begriff. Aber das thüringische Gelle, das klingt besänftigend."

Sprecher:

Das muss sie sein, die Gemeinsamkeit der Thüringer. Lange kann man ihnen auf den Fersen sein – in ihren Burgen und Bergwäldern. Überall sprechen sie anders. Doch ihre sanfte Sprache, so vielfältig sie auch sein mag – die eint sie letzten Endes doch. Ihr Beispiel sollte Schule machen. Aber dafür sind sie wieder zu unauffällig, die Thüringer.

Fragen zum Text:

Wie heißt eine Wurstspezialität aus Thüringen?

1. Weimarer Bratwurst

2. Erfurter Bratwurst

3. Thüringer Bratwurst

Wie wird Thüringisch von einer Figur in einem Buch von Thomas Mann bezeichnet?

1. gräulich

2. sanft verschlafen

3. aggressiv

Mit welchem kurzen Wörtchen schließen Thüringer häufig Sätze ab?

1. niwo

2. gelle

3. odr

Arbeitsauftrag:

Aus Thüringen kommen viele handwerkliche Produkte: Keramik aus Ilmenau oder Uhren aus Ruhla. Welche Produkte werden in Ihrer Region hergestellt? Erzählen Sie Ihren Kursteilnehmern von den Produkten und was das Besondere an daran ist.

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