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Wirtschaft

Teurer Franken hinterlässt Spuren

Tag eins nach dem Erdbeben in der Schweizer Finanzwelt: Die Börsen bleiben in Moll gestimmt, denn ein teurer Franken belastet viele Firmen und wird sich auf die Schweiz, aber auch auf Deutschland und Osteuropa auswirken.

Der Franken kostet weiterhin fast einen Euro. Am Freitagvormittag (16.01.2015) wurde die Schweizer Währung am Devisenmarkt mit rund 0,99 Euro gehandelt. Das ist rund ein Fünftel über dem Niveau der vergangenen Zeit. Am Vortag hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Märkte mit dem überraschenden Beschluss geschockt, die seit September 2011 geltende Koppelung des Franken an den Euro mit sofortiger Wirkung aufzugeben. Daraufhin war der Franken-Kurs sofort in die Höhe geschossen.

Osteuropa spürt teuren Franken

Die Franken-Freigabe schockiert hunderttausende Kreditnehmer in einigen Ländern Ost- und Südosteuropas. Grund ist die rasante Verteuerung der Raten für Hypothekenkredite, die an die Schweizer Währung gekoppelt sind, wie heimische Zeitungen am Freitag berichteten. Mit dem Höhenflug des Schweizer Franken seien die Rückzahlungsraten über Nacht um bis zu 20 Prozent in die Höhe geklettert, hieß es in den Berichten.

Der kroatische Finanzminister Boris Lalovac kam in Zagreb der kroatischen Zeitung "Jutarnji" zufolge mit Bankenvertreter zusammen, um über Maßnahmen für die gebeutelten Bürger zu beraten. Auch die größte serbische Zeitung "Blic" berichtete über das Problem.

Die Aufnahme von Krediten in Franken war lohnend, weil der Zinssatz günstiger war als in anderen Währungsräumen. Auch in Osteuropa hatten Unternehmen und private Haushalte Kredite in Franken aufgenommen. So könnten laut Schätzungen von Experten knapp 40 Prozent aller Immobilienkredite in Polen in Franken aufgenommen worden sein. "In Polen liegt das Volumen der offenen Hypothekenkredite in Franken bei acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes", schreiben die Analysten der Citigroup in einem Kommentar. In Ungarn hatte die Regierung im November die Wechselkurse für Euro- und Franken-Kredite festgesetzt, um die Risiken, die von Währungsschwankungen ausgehen, zu reduzieren.

Schweizer Wachstum wird sich verlangsamen

An der Schweizer Börse sorgte die Freigabe des Franken für Nachbeben: Der Leitindex SMI verlor im frühen Handel 3,75 Prozent. Händler sprachen von einem anhaltend nervösen Geschäft. Am Vortag hatte das wichtigste Aktienbarometer in Zürich einen historischen Kurseinbruch von zeitweise fast 14 Prozent verzeichnet. Am Ende stand ein Minus von 8,67 Prozent.

Ein starker Franken kann die Schweiz Wirtschaftswachstum kosten. Indem die SNB die Koppelung an den Euro aufgehoben hat, hat sie auch den Schutzschirm für die exportorientierte Wirtschaft des Landes zugeklappt. Ein hoher Franken-Kurs bedeutet für sie, dass schweizer Produkte im Ausland teurer werden. Dementsprechend erwartet die Großbank UBS ein deutlich langsameres Wirtschaftswachstum in der Schweiz. Das Bruttoinlandsprodukt werde 2015 lediglich um 0,5 Prozent zunehmen, hieß es in einer Analyse vom Freitag. Bislang war die schweizer Großbank von einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent für das laufende Jahr ausgegangen.

Die UBS erwartet zudem Einbußen von rund fünf Milliarden Euro bei Schweizer Warenexporten in die Eurozone. Der Verband der Schweizer Unternehmen nannte die Entscheidung "nicht nachvollziehbar". Wenn der Franken derart stark bleibe, bestehe die Gefahr, dass sich die Exportindustrie und der Tourismus nicht schnell genug an die neuen Währungsverhältnisse anpassen könnten.

Kreditwürdigkeit unverändert

Auf die Kreditwürdigkeit der Schweiz wird sich die Abschaffung des Euro-Mindestkurses nicht negativ auswirken, heißt es von der Ratingagentur Standard & Poor's. Die Aufwertung des Frankens könnte die Exporte für zwei bis drei Jahre schwächen und das Wirtschaftswachstum dämpfen. "Trotzdem: Wir denken, die starke schweizer Wirtschaft und die soliden öffentlichen Finanzen werden diesem Wechselkurs-Schock standhalten", erklärte die Ratingagentur am Freitag. S&P stuft die langfristigen Verbindlichkeiten der Schweiz mit der Bestnote "AAA" ein.

Auswirkungen auf Deutschland

Zu den Nutznießern des entkoppelten Franken könnte die deutsche Wirtschaft gehören. Die Schweiz ist derzeit einer der zehn wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. 2013 wurden dort Waren im Wert von 47 Milliarden Euro abgesetzt, was gut vier Prozent der gesamten Exporte entspricht. Damit ist der kleine Nachbar ein wichtigerer Kunde als Russland, Japan oder die Türkei. Gefragt sind vor allem chemische Produkte, gefolgt von Maschinen und Fahrzeugen.

"Das ist ein Extra-Konjunkturprogramm - etwa für die deutsche Tourismuswirtschaft in der laufenden Wintersaison, aber auch für die Autobauer und andere Industriezweige", sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Alexander Schumann, am Freitag. "Die Schweizer mögen deutsche Autos. Die werden jetzt billiger für sie."

Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Lieferanten aus dem Euro-Raum in der Schweiz werde nun besser - mit der Folge, dass sie Marktanteile gewinnen könnten, sagt der Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Ralph Wiechers. "Ob das dann auch ein Mehr an Lieferungen bedeutet, hängt davon ab, wie die schweizerische Wirtschaft diesen Schock verkraftet."

Der DIHK rechnet mit steigenden schweizer Investitionen in Deutschland. Bereits 2014 war die Schweiz zweitgrößter ausländischer Investor in Deutschland - nach den USA, aber noch vor China und Großbritannien. "Wenn der eigene Standort teurer wird, wird die Produktion im Euro-Raum attraktiver", sagte der DIHK-Chefvolkswirt Schumann. "Hier kommt Deutschland ins Spiel, zumal es keine sprachlichen und kulturellen Barrieren gibt."

iw/hmf (dpa, rtrd)