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Musik

Teure Musentempel: Was darf Kultur kosten?

Gerade ist in Moskau das Bolschoi-Theater mit viel Pomp wiedereröffnet worden. Die Totalsanierung des Nationalsymbols verschlang Millionen von Euros. Derart aufwändige Vorhaben sind allerdings kein russisches Phänomen.

Bolshoi Theatre Reopens After Renovation FILE - A general viee of the Bolshoi Theatre during the opening ceremony in Moscow, Russia, 28 October 2011. The Bolshoi Theatre building has been under reconstruction for six years. The 236th season opens on 02 November with Mikhail Glinka's opera 'Ruslan and Lyudmila'. EPA/MAXIM SHIPENKOV +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bolshoi Theater in Moskau Renovierung

Nach offiziellen Angaben kostete die Rettung des 150-jährigen Theaters rund 500 Millionen Euro. Unabhängige Beobachter und Experten nennen eine Summe, die mindestens zweimal höher liegt. Tatsache ist, dass Fehlplanungen, überteuerte Aufträge und Pfusch am Bau nicht nur drei zusätzliche Restaurationsjahre erforderlich machten, sondern auch sehr viel Geld kosteten. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit der Bolschoi-Sanierung in mehreren Fällen. Die Eröffnungsfestivitäten, die noch bis Weihnachten dauern, sollen davon jedoch nicht überschattet werden. Es stellt sich allerdings die Frage, ob solche Kosten für einen Musentempel noch angemessen sind. Zumal es auch anderswo skandalöse Sanierungsfälle gibt, die in die Schlagzeilen gerieten.

La Fenice Theater: Innenraum (Foto: @AP)

La Fenice erstrahlt in neuem Glanz

Der Fall Scala

Da ist zum Beispiel das berühmte Mailänder Teatro alla Scala, mit 2000 Sitzplätzen fast genau so groß wie "der Große" (so übersetzt man den Namen "Bolschoi") in Moskau, von außen allerdings etwas nüchterner. Im II. Weltkrieg weitgehend zerstört, wurde die Scala nach dem Krieg blitzschnell wiederaufgebaut - viel zu schnell, wie sich schon bald herausstellte, denn die notdürftig zugeschütteten Bombentrichter ruinierten die Akustik im Theater. Im Jahr 2000 entschied man sich für eine Sanierung, was eine fast dreijährige Schließung zur Folge hatte. Der Umbau kostete 60,5 Millionen Euro. Peanuts, verglichen mit Moskau.

La Fenice: der teure Phönix

Wesentlich mehr Probleme hatte man da schon mit dem venezianischen Teatro la Fenice, dem "Phönix". Im Januar 1996 ging das berühmte Haus, für das Verdi seine "Traviata" komponierte, in Flammen auf, da der Elektroingenieur Enrico Carella einer Konventionalstrafe von 7500 Euro wegen Arbeitsverzug entgehen wollte und das Theater in Brand steckte. Ganz Italien forderte die Wiederherstellung des Hauses und zwar: "wo es war und wie es war".

Das Modell des neuen Zuschauersaals in der Deutschen Staatsoper (Foto: Rainer Jensen dpa +++(c) dpa - Bildfunk)

So soll der Zuschauerraum in der Staatsoper Berlin mal aussehen

Ursprünglich wollte man die Auferstehung der La Fenice Ende 1998 feiern. Es folgte aber eine Serie von Ausschreibungsskandalen und Schlammschlachten sowie ein Baustopp, weil das deutsch-italienische Konsortium unter Führung von Philipp Holzmann Finanzprobleme hatte.

Dazu kam der riesige logistische Aufwand: In der Museumsstadt Venedig musste jeder Baukran und jeder Stahlträger irgendwie durch die schmalen Kanäle transportiert werden. Kostenpunkt bei der Wiedereröffnung im Dezember 2003: circa 90 Millionen Euro, das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe.

"Unter den Linden": Hauptstadtlage verpflichtet

Die Staatsoper Unter den Linden die sich unter den drei Berliner Opern als die "Nummer Eins" durchgesetzt hat, ist ein Sanierungsfall, das war schon lange bekannt. Zu konkreten Taten hat sich die Stadt, die geschickt Armut mit Sexappeal zu verbinden weiß, vor rund fünf Jahren dann doch durchgerungen.

Der erste Entwurf von Klaus Roth, der einen all zu tiefen Eingriff in die denkmalgeschützte Substanz vorsah, wurde verworfen. Seit September 2010 wird der Masterplan des Stuttgarter Büros HG Merz umgesetzt. Von den 239 veranschlagten Millionen übernimmt der Bund 200 Millionen, den Rest müssen die Freunde der Staatsoper sammeln. Die Wiedereröffnung ist für den 03. Oktober 2013 geplant.

Alles ist relativ

Das klingt nach sehr viel Geld, und das ist es auch. Jedoch muss man alles in Relation sehen: So zahlt die öffentliche Hand pro Kilometer U-Bahnlinie rund 50-60 Millionen Euro (ausgenommen die Kölner Nord-Süd-Stadtbahn, wo die Kosten aufgrund des horrenden Einsturzes im März 2009 die Milliardenmarke langsam übersteigen). Die umstrittene Errichtung der Waldschlösschenbrücke in Dresden, die dem Elbtal den Welterbe-Titel kostete, schlägt mit über 200 Millionen zu Buche. Die Unterhaltskosten für die Brücke werden bei ca. 430 Millionen pro Jahr liegen. Und schließlich verschlang die Errichtung eines Fußballstadions wie der "Allianz-Arena" in München rund 340 Millionen Euro. Allerdings bietet so ein Stadion Platz für fast 70.000 Zuschauer.

In Kultur investierte Gelder können bekannterweise nur einen ideellen Gewinn abwerfen. Deswegen gilt nach wie vor, was Opernintendant Gerd Froboese einst mit einem Augenzwinkern auf den Punkt brachte: "Holt Euch Euer Steuergeld wieder. Geht ins Theater!" Zumindest die Freude der Moskauer, wieder ein richtiges Opernhaus zu haben, ist groß. Sämtliche geplante Aufführungen sind ausverkauft, obwohl die Eintrittspreise zwischen 50 und 200 Euro pro Karte so gar nicht "demokratisch" sind.

Autorin: Anastassia Boutsko
Redaktion: Suzanne Cords

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