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Interview

Teuflischer Tumor: Bauchspeicheldrüsenkrebs

"Er wird erst sehr spät entdeckt und wächst aggressiv", erklärt Lena Seifert, Preisträgerin des Ernst Jung-Förderpreises. Weniger als zehn Prozent der Pankreaskarzinom-Patienten überleben fünf Jahre nach der Diagnose.

Deutsche Welle: Was ist das Fatale an Bauchspeicheldrüsenkrebs?

Lena Seifert: Die Symptome tauchen in vielen Fällen erst auf, wenn der Tumor lokal schon fortgeschritten ist. Dann ist der Bauchspeicheldrüsenkrebs schwierig zu operieren, denn in diesem Bereich ist die Anatomie sehr komplex. Der Tumor wächst aus der Bauchspeicheldrüse heraus in Gefäße oder in Nachbarorgane, sodass eine Operation nicht mehr sinnvoll ist. Und die Operation ist momentan die einzige Chance auf Heilung vom Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Gibt es andere Behandlungsmöglichkeiten als eine Operation?

Nein, bisher gibt es keine anderen Therapien. Keine Chemotherapien, keine Tabletten oder systemische Therapien, keine Bestrahlung, die einen vom Pankreaskarzinom heilen können.

Und Vorsorgemöglichkeiten?

Hier sieht es leider genauso schlecht aus. Beim Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt es keine Screening-Methoden. Das heißt: Wir haben keine Möglichkeiten, ab einem gewissen Alter Menschen routinemäßige Untersuchungen durchzuführen. Denn es gibt keine Marker, sodass es schwierig ist, Bauchspeicheldrüsenkrebs zu diagnostizieren. Deswegen ist es leider so ein gefährlicher Krebs. Er wird erst sehr spät entdeckt und wächst sehr aggressiv.

Infografik Leber und Bauchspeicheldrüse

Hat der Tumor schon in die Leber gestreut, kann eine Operation nicht mehr helfen

Wie sind die Überlebenschancen?

Es ist einer der tödlichsten Tumore, an dem man versterben kann. Weniger als zehn Prozent überleben fünf Jahre nach Diagnosestellung. Es soll in Zukunft sogar die zweithäufigste Krebstodesursache sein. Es gibt viel zu wenig Forschung in diesem Bereich. In vielen Tumorbereichen sind Fortschritte gemacht worden, aber leider noch nicht beim Pankreaskarzinom. Die Überlebensrate von fünf Jahren liegt aktuell bei neun Prozent.

Wo liegt der derzeitige Schwerpunkt Ihrer Forschungsarbeit?

Für viele solide Tumore - Nieren- oder Hautkrebs etwa - gibt es jetzt sogenannte Immuntherapien. Dabei werden die T-Zellen, die im Tumor häufig ermüdet sind, stärker aktiviert. Beim Pankreaskarzinom aber hat das bisher keine guten Ergebnisse gezeigt. Das liegt daran, dass wir einfach keine T-Zellen haben. Aber durch die Nekroptose [eine Art von Zelltod, bei dem Entzündungsparameter ins Gewebe ausgeschüttet werden, Anm. der Red.] konnten wir zeigen, dass wir ganz viele T-Zellen in diesen Tumor bekommen. Diese wollen wir jetzt untersuchen und sehen, ob es möglich ist, mit dieser Immuntherapie die T-Zellen beim Bauchspeicheldrüsenkrebs stärker zu aktivieren.

Dr. Lena Seifert - Ernst Jung-Karriere-Förderpreis für medizinische Forschung (Gabriele Bellmann)

Dr. Lena Seifert forscht im Bereich Bauchspeicheldrüsenkrebs

Gibt es Lebensumstände, die die Entstehung von Bauchspeicheldrüsenkrebs beeinflussen?

Man weiß, dass Rauchen und Adipositas - also Fettleibigkeit - die Entstehung eines Bauchspeicheldrüsenkrebs fördert. Denn eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung ist ein erhöhte Risikofaktor und tritt vor allen Dingen bei für Patienten mit chronischer Pankreatitis, etwa bei Alkoholikern, häufig auf.

Welches vorrangige Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Forschung?

Ich hoffe einfach, dass wir Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs helfen können und dass wir eine Therapie finden, die Patienten vielleicht nicht ganz ohne Chirurgie vom Bauchspeicheldrüsenkrebs heilt, aber die das Überleben und die Prognose der Patienten deutlich und langfristig verbessern kann. Ich glaube, das Ziel sind individuelle Therapien oder auch Kombinationstherapien.

Das heißt, dass nicht nur ein einziges Chemotherapeutikum bei den Patienten angewandt wird, sondern dass wir die Kombination aus Chemotherapien oder auch Immuntherapien finden. Das ist das große Ziel - und natürlich, dass der Patient immer im Mittelpunkt steht.

Dr. Lena Seifert ist Assistenzärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum der TU Dresden. Sie erhielt den Ernst Jung-Förderpreises 2017.

Das Interview führte Gudrun Heise.