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Welt

Teufelskralle, Teebusch und traditionelle Tänze

Sie sind die ältesten Einwohner Namibias und gleichzeitig die ärmsten: Seit tausenden Jahren leben die San, die Buschleute, im Einklang mit der Natur. Was bestimmt heute ihr Leben zwischen Tradition und Moderne?

Der Dorfälteste Kunta Boo kennt die Pflanzen im Buschland ganz genau. (Bild: DW/Henn)

Kunta Boo kennt die Pflanzen im Buschland ganz genau

Kunta Boo stapft durch die Mittagshitze im Nyae Nyae Wildhegegebiet im Nordosten Namibias, unweit der Grenze zu Botswana.

Ein San-Dorf im Nordosten Namibias (Bild: DW/Henn)

Ein San-Dorf im Nordosten Namibias

Der kleine Buschmann mit den müden Augen und tiefen Falten im Gesicht trägt heute statt des traditionellen Lendenschurzes eine rot-blaue Trainingsjacke und Shorts. Immer wieder bleibt der Dorfälteste stehen und erklärt den Nutzen der Pflanzen und Bäume. "Dies hier ist unser Teebusch. Wir kochen die Blätter in Wasser. Zucker dazu - und trinken." Dann kniet er sich hin und gräbt in Windeseile eine Wurzel aus der trockenen Erde aus: "Das ist die Giftpflanze. Damit vergiften wir die Spitzen unserer Pfeile, bevor wir jagen gehen", erklärt Kunta Boo.

Woher kommen die Lebensmittel?

Im Dorfladen gibt es Grundnahrungsmittel - und Alkohol (Bild: DW/Henn)

Im Dorfladen gibt es Mehl, Salz - und Alkohol

Doch die guten Zeiten für Jäger und Sammler sind vorbei, auch im ländlichen Namibia. Das Essen für die San in Nyae Nyae, mit 9000 Quadratkilometern das größte Wildhegegebiet des Landes, kommt heute nicht mehr aus dem Busch, sondern aus den Dorfläden von Tsumkwe. Tsumkwe ist mit rund 500 Einwohnern das Zentrum der Gegend. Hier kauften die Buschleute vor allem Grundnahrungsmittel ein, erzählt Laden-Manager Frans Labuschagne. "Maismehl, diese 5kg- und 10kg-Säcke verkaufen sich sprichwörtlich wie warme Semmeln. Und Zucker und Salz, das verkauft sich!"

Seine Kühlschränke im Laden sind außerdem voll mit Bierflaschen, bunte Poster werben für Alkohol. Überhöhter Alkoholkonsum ist ein großes Problem in der Region. Doch egal ob Bier oder Lebensmittel: Die Einkäufe müssen bezahlt werden. Dafür ist harte Arbeit nötig - und oft auch Fingerfertigkeit.

Straußenei-Schmuck als Erwerbsquelle

Ney bearbeitet die Straußenei-Schalen (Bild: DW/Henn)

Ney bearbeitet die Straußenei-Schalen

Viele San verbringen die Tage mit Handarbeit, vor allem die Frauen. Sie basteln aus Straußenei-Schalen Ketten und Armbänder. Die junge Ney meißelt dafür die Eierschalen in kleine, runde Scheiben. "Mit einem Armband wird man im Laufe eines Tages fertig. Der Schmuck ist das, was am meisten Geld bringt." Mit ihren Einkünften kauft sie Lebensmittel im Dorfladen.

Ein kleines Einkommen, ein bisschen Kaufkraft: Dafür sorgt der Absatz im Kunsthandwerksladen, der die wenigen Touristen anziehen soll. Die günstigsten Ketten gibt es hier für knapp vier Euro. Hinter der Theke steht Hoan und sagt: "Ich bin glücklich, dass es diesen Shop gibt, denn er verändert das Leben der Menschen. Früher saßen sie herum und taten nichts, ihnen wurden keine Möglichkeiten eröffnet."

Martha (l.) und Hoan - ein gutes Team im Schmuckladen (Bild: DW/Henn)

Martha (l.) und Hoan - ein gutes Team im Schmuckladen

Jetzt ist das anders, auch für sie: Für ihren neuen Job musste Hoan viel über Buchhaltung und Verkaufen lernen. Dabei hilft die Beraterin Martha Mulokoshi. Als Vertreterin der Nyae Nyae-Stiftung unterstütze sie die Buschleute bei der Umstellung auf kommerzielle Geschäfte, zum Beispiel was Inventur angehe oder das Schreiben von Quittungen, sagt sie. Ein wichtiger Punkt sei auch das Marketing: "Die Leute können zwar den Schmuck produzieren, aber es gibt nicht wirklich einen Markt für die Produkte."

Exportschlager Teufelskralle

Hartmund zeigt stolz die Säcke mit Teufelskralle (Bild: DW/Henn)

Hartmund zeigt stolz die Säcke mit Teufelskralle

Anders sieht es bei einem anderen, mühsam hergestellten Naturprodukt aus: Die Teufelskralle, die seit Jahrhunderten als Heilmittel dient, findet auf dem internationalen Markt sehr guten Absatz. Die San aus Nyae Nyae sammeln kiloweise Teufelskralle und trocknen kleine Scheiben der Wurzeln, die gegen Rheuma und Arthritis hilft. Ihr aktueller Vorsitzender Hartmund zeigt stolz die sorgfältig verstauten Säcke in einem der Gemeinschaftsräume. "Dank der früheren Verkäufe haben die Leute gemerkt, was es für eine gute Sache ist. Sie können Mobiltelefone und andere Dinge kaufen", erklärt der ältere Mann mit der modischen Schirmmütze auf dem Kopf.

Zumindest für einige Monate im Jahr geht es den Buschleuten vor allem darum, die Teufelskralle nach internationalen Standards zu ernten. Auch hier kommt Hilfe von außen. Mitarbeiter der Consultingfirma CRIIA helfen bei der Buchhaltung, kontrollieren die nachhaltige Ernte und bemängeln die vergleichsweise schlechte Entlohnung der Produzenten.

Was bringt die Zukunft?

Blick auf das für Touristen gebaute traditionelle San-Dorf (Bild: DW/Henn)

Blick auf das für Touristen gebaute traditionelle San-Dorf

Das Buschland rund um Tsumkwe soll zudem bald offziell ein Gemeindewald werden. Das habe für die San den Vorteil, dass sie den Wald kommerziell nutzen könnten, sagt Eckhard Auch vom Deutschen Entwicklungsdienst, DED, der die namibischen Behörden und Partner in Bezug auf Gemeindewälder berät. "Die Gemeinde kann eigenständig die Ressourcen verwalten und muss nicht immer Regierungsbehörden und Forstämter da mit einbeziehen." Das sieht auch Rachel Andima vom örtlichen Forstamt so: "Es motiviert die Menschen, die natürlichen Ressourcen zu erhalten." Die San könnten mit Naturprodukten Geld verdienen, und "wenn sie die Ressourcen erhalten, dann ziehen auch künftige Generationen einen Nutzen daraus."

Langfristig für die Zukunft planen, gehört nicht zur Kultur der San. Aber Kunta Boo spürt, dass es eine nachhaltige Mischung aus Tradition und Moderne ist, die die San finden müssen. Wenige hundert Meter weiter hat seine Dorfgemeinschaft extra für Besucher ein traditionelles Dorf nachgebaut, wo auf Wunsch althergebrachte Tänze aufgeführt werden. Aber, sagt der Dorfälteste, "manchmal, wenn wir uns danach fühlen, dann tanzen wir auch einfach so."

Autorin: Susanne Henn
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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