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Asien

Terrorverdacht als Vorwand: China unterdrückt die Uiguren

Die Uiguren im Nordwesten Chinas wollen unabhängig sein. China ist dagegen. Es nutzt den internationalen Kampf gegen den Terror als Vorwand für den Kampf gegen das Volk.

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Chinesische Muslime: Ihre Religion reicht für einen Terrorverdacht

Ein muslimisches Restaurant in Ürumqi, der Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang, ganz im äußersten Nordwesten von China. An einem Tisch sitzt eine uigurische Großfamilie: Die jungen Männer allesamt mit den typischen Blumen bestickten schwarzen Kappen, die älteren mit langem gepflegten Bart. Die wenigen Frauen verbergen ihre Gesichtszüge hinter einem Schleier.

Die turkstämmigen Uiguren verleihen der gesichtslosen Industriestadt eine ganz eigene, orientalische Atmosphäre. Zwischen den verfallenen Arbeitersiedlungen, Werkstätten und den neuen Plattenbauten ragen ihre schmuckvollen Moscheen in den Himmel. Stolz bekennen sie sich trotz aller Schwierigkeiten zu ihrem Glauben.

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Zahlreiche Fabriken haben sich rund um Ürümqi angesiedelt. Doch der wirtschaftliche Boom der Küstenregionen ist hier nie angekommen. Das Durchschnittseinkommen liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die schlechte Infrastruktur erschwert die Entwicklung der Region.

Jahrhundertelang galt Ürümqi als eine der am schwersten zu erreichenden Städte der Welt. Doch mittlerweile ist sie durch einen kleinen Flugplatz und das Schienennetz mit dem etwa 2500 Kilometer entfernten Peking verbunden. Sonst haben die Menschen aber nur wenig mit dem übrigen China gemeinsam. Die vollständige Vereinnahmung der Region durch die Chinesen nach dem Zweiten Weltkrieg ist unvergessen, sagt Mehmet Tash vom Informationszentrum Ostturkistan.

"Wir wollen das erreichen, was wir vor 50 Jahren verloren haben - die Unabhängigkeit", sagt er. "Wir hatten damals ein eigenes Land. Wir hatten einen Nationalpass und eine Nationalfahne. Wir wollten mit den Chinesen zusammenarbeiten, ein friedliches Leben haben, aber sie haben uns verraten. Sie haben uns vieles versprochen und jetzt haben wir nichts mehr." Alle Freiheiten habe man den Uiguren genommen, jetzt hätten sie kein Vertrauen mehr und wollten nur noch die Unabhängigkeit.

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Keine Religionsfreiheit

Alle wirklich relevanten politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungen werden in Peking getroffen. Und auch bei der Ausübung ihrer Religion fühlen sich viele Uiguren drangsaliert. Zwar soll die chinesische Verfassung die Minderheiten in Bezug auf Kultur, Religion und Gebräuche schützen. Doch diese Freiheit stößt da an ihre Grenzen, wo sie die vermeintliche "Harmonie des Staates", wie Peking es ausdrückt, gefährden könnte. Die freie Religionsausübung der Uiguren werde auf diese Weise eben doch eingeschränkt, sagt Mehmet Tasch: "Wenn sie in die Moschee gehen oder die eigene Meinung äußern, dann werden sie sofort von den chinesischen Behörden festgenommen. Ich habe das selbst erlebt. Es gibt keine Religionsfreiheit!"

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Doch nicht nur im religiösen und politischen Bereich fühlen sich viele Uiguren unterdrückt, auch wirtschaftlich sehen sie sich benachteiligt. Eigentlich ist das bettelarme Xinjiang eines der rohstoffreichsten Gebiete der Erde. Im Norden der Provinz schlummern die größten Kohle- und Erdölvorkommen Chinas, doch die Erträge kommen den Menschen in der Provinz nicht zugute.

Unter der schwierigen Wirtschaftlage habe die Uiguren besonders zu leiden. Die jetzt privatwirtschaftlich geführten Betriebe haben in der Regel noch immer dieselben Führungskräfte. Nur dass sie jetzt selber über Einstellungen und Entlassungen entscheiden können. Da haben die Uiguren oftmals das Nachsehen. "Ich habe Geschwister Zuhause, die haben alle studiert", sagt Tasch, "Mathematik, Physik und Geschichte. Sie haben Diplome, aber bis jetzt keinen einzigen Job. Wenn ein Chinese das gleiche Diplom hat, bekommt er zuerst den Job."

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Die allgemeine Unzufriedenheit beobachtet man im fernen Peking mit großem Misstrauen. Immer wieder kam es in Xinjiang zu teils schweren Unruhen, die von der Zentralregierung stets mit brutaler Härte niedergeschlagen wurden. Sie fürchtet die Abspaltung der strategisch wichtigen Provinz. Um sich gegenüber der Weltöffentlichkeit zu rechtfertigen, verweist Peking auf angebliche Verbindungen zwischen den Uiguren und dem El-Kaida-Netzwerk und stellt sein hartes Vorgehen als Chinas Beitrag im "Krieg gegen den Terror" dar. Diesen Vorwurf weisen die Uiguren weit von sich.

Nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen reicht die Zugehörigkeit zum Islam und die geographischen Nähe zu Pakistan und Afghanistan nicht aus, um den Uiguren pauschal den Terrorismus-Stempel aufzudrücken. Auch Tash von Informationszentrum Ostturkistan unterstreicht, dass die überwiegende Mehrheit der Uiguren ihren Traum ausschließlich politisch und vor allem gewaltfrei verwirklichen wolle. "Wir haben viele demokratische Organisationen, die wollen alle eine friedliche Lösung finden, um die Unabhängigkeit zu bekommen", sagt Tasch, "Ein Attentat verüben, das können wir uns nicht vorstellen, und das würden wir auch nicht machen. Das ist keine Lösung für den Frieden. Das ist schon mal klar."