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Nahost

Terroristen oder Zivilisten - Informationskrieg in Syrien

Seit fünf Wochen greifen russische Kampfjets Ziele in Syrien an. Wen sie dabei treffen, IS-Kämpfer, andere Regimegegner oder Unbewaffnete, ist umstritten. Unabhängige Quellen sind rar.

Vor knapp zwei Wochen sollen russische Luft-Boden-Raketen das Krankenhaus in Sarmin in der syrischen Provinz Idlib zweimal getroffen haben. Zwölf Zivilsten starben dabei, darunter zwei Mediziner, so berichtete die US-Stiftung SAMS, die die Klinik eingerichtet hat. Ein Radiosender zeigte dazu im Netz ein Bild eines völlig zerstörten Gebäudes. Russland dementierte. Das Verteidigungsministerium in Moskau präsentierte Luftaufnahmen, die belegen sollen, dass die Klinik Ende Oktober - elf Tage nach dem Angriff - noch völlig intakt gewesen sei. Während Russland weiter darauf beharrt, mit Präzisionsbomben nur "Terroristen" zu treffen, melden syrische und westliche Quellen immer mehr Tote in der Zivilbevölkerung.

Von Ende September bis Ende Oktober stiegen russische Kampfjets knapp 1400 Mal auf und zerstörten dabei nach Moskauer Angaben 1623 "Terror-Objekte". Doch diese Darstellung wirft in zweifacher Hinsicht Fragen auf: Zum einen ist unklar, wen genau die Russen mit "Terroristen" meinen. Zum anderen tauchen zivile Opfer in den Berichten nicht auf. Warum sollten bei russischen Angriffen keine Unbewaffneten sterben, während bei US-Angriffen in Irak, Afghanistan und auch Syrien immer wieder Zivilisten ums Leben kommen?

FSA statt IS unter Beschuss

Russland betont, an der Seite von Syriens Präsident Baschar al-Assad gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und den syrischen Al-Kaida-Ableger Nusra-Front vorzugehen. Beides sind auch aus westlicher Sicht Terrorgruppen. Doch Moskau und Damaskus bezeichnen oft alle Regimegegner pauschal als Terroristen. Im Westen gelten viele Rebellengruppen hingegen als gemäßigt. Einige dieser Gruppen, wie die Freie Syrische Armee (FSA), werden vom Westen und von arabischen Staaten unterstützt. Genau diese Gruppen sind offenbar die primären Ziele von Suchoi-Kampfjets.

Video des russischen Verteidigungsministeriums zu einem angeblichen Angriff auf eine IS-Stellung - Foto: Russisches Verteidigungsministerium (TASS)

Video des russischen Verteidigungsministeriums zu einem angeblichen Angriff auf eine IS-Stellung

Der in der umkämpften Stadt Aleppo ansässige Journalist Mohammed Al-Khatieb wirft den Russen im Internetportal Al-Monitor vor, vorrangig die FSA und deren Verbündete zu beschießen. Dem Washingtoner "Institute for the Study of War" zufolge greift die russische Luftwaffe zwar auch Regionen an, die vom IS oder der Nusra-Front kontrolliert werden. Ein Großteil der Bombardements treffe jedoch Gebiete, in denen andere Rebellen aktiv sind.

Darüber treffen die russischen Jets neben militärischen Stellungen offenbar immer wieder Krankenhäuser, Moscheen und Wohngebiete. Safouh Labanieh, Geschäftsführer des Deutsch-Syrischen Vereins zur Förderung der Freiheiten und Menschenrechte mit Sitz in Darmstadt, erhebt einen schweren Vorwurf: "Leider treffen die russischen Angriffe nur Zivilisten und die gemäßigte Opposition." Labanieh kehrte erst vor zwei Tagen aus dem Kriegsgebiet zurück. Niemand wisse von Attacken auf IS-Stellungen, sagte er der Deutschen Welle.

Viele Zivilisten getötet

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft Russland vor, bei zwei Angriffen in Ghantou und Ter Maaleh Mitte Oktober 59 Zivilsten getötet zu haben, darunter 33 Kinder. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte errechnete, dass im ersten Monat der russischen Luftangriffe insgesamt knapp 600 Menschen getötet worden seien, davon ein Drittel Zivilisten.

Einsatzvorbereitung eines russischem Su-34-Jets auf der Luftwaffenbasis in Hmeimim - Foto: Alexander Kots (Komsomolskaya Pravda)

Einsatzvorbereitung eines russischem Su-34-Jets auf der Luftwaffenbasis in Hmeimim

Andrej Kartapolow vom russischen Generalstab weist solche Berichte zurück. Die Luftwaffe habe gar nicht so viele Angriffe geflogen, wie angeblich zivile Objekte zerstört wurden.

Im Krieg der Informationen setzen alle Seiten auf Satellitenfotos und Videos. Wann diese aufgenommen wurden und ob sie retuschiert wurden, ist häufig unklar. Der Rechercheverbund Bellingcat versuchte am Mittwoch, den Angriff in Sarmin aufzuklären, warf aber selbst einige Fragen auf. Nach Auswertung von Luftaufnahmen und im Netz zugänglichen Informationen teilte Bellingcat mit, dass russische Streitkräfte das Krankenhaus wohl nicht direkt getroffen hätten. Ein im Internet verbreitetes Foto zeige nicht die Klinik. Allerdings habe Russland Bilder falsch datiert, um das Ausmaß anderer Zerstörungen in dem Ort zu verschleiern. Es bestehe kein Zweifel, so Bellincat, dass das Krankenhaus beschädigt wurde - wann und wie genau, dazu machte der Rechercheverbund keine Angaben.

Kaum verlässliche Informationen

Nur noch wenige unabhängige Journalisten wagen sich ins Kriegsgebiet. Einer von ihnen war der Schweizer Kurt Pelda, der selbst russische Bombardements miterlebte. Pelda berichtet, wie bei einem Angriff auf eine Artillerie-Stellung der Nusra-Front eine Streubombe eingesetzt worden sei. Ein Teil dieser Bombe sei als Blindgänger in einem nahe gelegenen Dorf eingeschlagen. Weil die Russen meist Flächenwaffen anstelle von Präzisionswaffen einsetzten, würde immer wieder Unbeteiligte getroffen. "Es ist nicht so, dass die Russen Zivilisten töten wollen, aber es gibt einfach diese Kollateralschäden", kommentiert der Journalist.

Problematisch ist auch, dass die russische und die syrische Armee teilweise dieselben Flugzeugtypen einsetzen. "Wenn die Syrer sagen, das waren russische Luftangriffe, dann ist das nicht in jedem Fall so klar", erläutert Pelda.

Klar sind hingegen die Folgen für die Zivilbevölkerung. Ermutigt von der Luftunterstützung des großen Verbündeten gehen die Truppen des Assad-Regimes vielerorts in die Offensive. Immer mehr

Menschen fliehen

aus den umkämpften Gebieten Richtung türkische Grenze. Nach UN-Angaben flüchteten allein im Oktober mindestens 124.000 Syrer aus ihren Häusern in den Provinzen Aleppo, Hama und Idlib. Das beobachtete auch Kurt Pelda. "Die Leute warten nicht erst, bis die russischen Kampfflugzeuge kommen", berichtet er. "Die Leute fliehen Hals über Kopf", sagt der Schweizer Journalist. Südlich von Aleppo seien ganze Landstriche entvölkert.

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