1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Terrorismusexperte: "Wir müssen mit weiteren Anschlägen rechnen"

Die Motive junger Menschen, sich dem Dschihad anzuschließen, sind sehr breitgefächert, sagt der Politologe Martin Kahl. Entsprechend müsse darum die Prävention sein. Ein rasches Ende der Gewalt erwartet er nicht.

DW: Herr Kahl, bei den Brüsseler Attentätern handelt es sich wieder um junge Männer mit arabischen Wurzeln. Gibt es so etwas wie ein soziologisches Profil, dem die Täter entsprechen?

Martin Kahl: Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien aus verschiedenen europäischen Ländern. Sie alle kommen zu dem Ergebnis, dass es ein bestimmtes, scharf umrissenes Profil nicht gibt. Es handelt sich um - meist jüngere - muslimische Männer. Das ist schon fast die gesamte soziologische Schnittmenge. Was Bildung, Erfolg in Leben und Beruf angeht, gibt es zwar gewisse Tendenzen - etwa die, dass die meisten Täter nicht unbedingt ganz oben auf der gesellschaftlichen Skala stehen. Dennoch ist die soziale Stratifikation sehr breit.

Man kann zum Beispiel nicht sagen, dass Personen, die sozial abgehängt sind, besonders gefährdet sind. Es gibt auch Dschihadisten, die aus guten sozialen Verhältnissen stammen. Das gilt insbesondere für Frankreich: Die Täter kommen längst nicht alle aus den Vorstädten der großen Metropolen, den banlieues. Das Spannungsfeld ist recht groß. Das macht es auch schwierig, entsprechende Profile zu erstellen.

Heißt das, auch die ideologischen Motive sind entsprechend breit gefächert?

Dr. Martin Kahl Zentrum für Europäische Friedens- und Sicherheitsstudien

Martin Kahl

Im Grundsatz ja. Es gibt Personen, für die der Dschihadismus ein Instrument ist, sich von einer bislang erfolglosen Karriere zu verabschieden. Es gibt aber auch Personen, die vor allem eine Art Abenteuer suchen. Anderen wiederum geht es um Selbstverwirklichung. Und noch andere verfolgen religiöse Anliegen - auch in Form des Dschihad.

Unterschiedliche Motive gibt es allerdings auch hinsichtlich der einzelnen Anschläge und Anschlagsversuche. Die Attentate nach den Mohammed-Karikaturen folgten eher religiösen Motiven. Sie unterscheiden sich von denen, die wegen des Krieges gegen den Irak oder derzeit wegen des Krieges in Syrien ausgeführt wurden. Hier gibt es eher politische Motive.

Was sind denn die wesentlichen Medien oder Umstände, durch die angehende islamistische Extremisten erstmals mit der Ideologie des Dschihad in Kontakt kommen?

Auch hier ist die Spannweite groß. Im Wesentlichen radikalisieren sich die entsprechenden Personen in ihrem nahen Umfeld. Also in der Moschee, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Weniger hingegen durch direkte Propaganda. Allerdings bildet die Propaganda die Hintergrundfolie der einzelnen Kontakte und sich daraus ergebender Impulse. Die Propaganda liefert die Argumente, gibt aber meistens nicht selbst den entscheidenden Impuls zur Radikalisierung.

Was wäre angesichts der Breite möglicher Motive eine kluge Prävention?

Man muss auf mehreren Ebenen ansetzen und versuchen, das gesamte Spektrum abzudecken. Es braucht passende Maßnahmen für jedes einzelne Segment. Dazu gehört auch, dass man sich rhetorisch teils zurückhält und nicht alle in Frage kommenden Personen umgehend als Terroristen bezeichnet. Denn es gibt ja Leute, die man womöglich noch zurückholen könnte.

Dies könnte etwa für einige jener gelten, die sich gerade radikalisieren oder aus Syrien zurückkommen. Einige von ihnen lassen sich vielleicht zurückholen. Und für die braucht es andere Maßnahmen als für jene, die bereits stark radikalisiert sind und mit der Gesellschaft gar nichts mehr zu tun haben. Bei solchen Personen muss man wohl mit dem Strafrecht vorgehen. Andere könnte man vielleicht noch mit weicheren Mitteln erreichen. Es braucht also eine breite Palette von Maßnahmen. Es können nicht nur repressive sein.

Was erwarten Sie für die Zukunft? Wird Europa sich auf dschihadistischen Terrorismus einstellen müssen?

Das Phänomen Dschihadismus - auch mit Bezug auf den "Islamischen Staat" (IS) - wird uns noch eine Weile erhalten bleiben. Wir werden auch damit rechnen müssen, dass es zu weiteren Anschlägen kommt. Das kriegt man nicht von heute auf morgen aus der Welt. Derzeit gibt es eine Reihe von Leuten, die dem IS nacheifern und mit ihm sympathisieren. Man kann nicht darauf hoffen, dieses Problem umgehend zu lösen - mit welchen Maßnahmen auch immer. Es gibt Probleme, für die gibt es keine einfache Lösungen. Diese Lösungen darf man dann auch nicht versprechen, weder seitens der Wissenschaft noch seitens der Politik.

Das Gespräch führte Kersten Knipp.

Der Politologe und Soziologe Martin Kahl ist wissenschaftlicher Referent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Schwerpunkt seiner Arbeit sind u.a. Terrorismus und Terrorismusbekämpfung.

Die Redaktion empfiehlt