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Kultur

Terror tötet das Theater nicht

Wie macht man Theater im Krieg? Im Irak funktioniert es mit Familien-Hilfe - aber auch mit schwarzem Humor, denn die Angst vor Attentaten und Autobomben steht immer mit auf der Bühne und will überspielt werden.

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Für irakische Schauspieler ist der letzte Vorhang längst nicht gefallen

Bagdad im Krieg. Wer nichts hat, muss das allerletzte verkaufen - und das ist Tee. Im Stück "Fantasie eines Reisenden" der irakischen Autorin Awatef Naeem trifft sich an der Grenze ein merkwürdiges Völkchen zum Teeverkauf: ein Lehrer, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, weil er einst unter Saddam seine Schüler nicht lehren konnte, was Freiheit ist. Dazu ein ehemaliger Schauspieler, der an die globalisierte Warenwelt aus dem Westen glaubt - und herrisch den Teemarkt in seine Hand bringen will, einmal bindet er sich dazu sogar einen Bombengürtel um.

Eine tief verschleierte Frau will neben dem Teeverkauf Geld mit ihrem behinderten Sohn machen - und ein Mädchen will seine Ideen verkaufen, würde aber nur für seinen Körper bezahlt werden. Alle hoffen, dass der Lastwagen endlich hält, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Freiheit und Demokratie. Doch als er endlich kommt, sind westliche Teebeutel und Plastikbecher darin - das hat man in Bagdad nun wirklich am wenigsten gebraucht.

Die neun Schauspieler rappen und tanzen, beziehen oft das Publikum ein, das sie fotografieren oder ihnen Ratschläge geben soll - und nehmen sich dabei selbst nicht allzu ernst.

Familie als Keimzelle des Theaters

Erstes Theaterstück in Bagdad uraufgeführt

Theaterszene in Bagdad

In Bagdad entwickelt sich das Theater neu: Die "Theaterwerkstatt Bagdad" und die "Werkstatt Probenraum" wurden von zwei Regisseuren und ehemaligen Theaterlehrern aus den Trümmern des irakischen Theatersystems gegründet.

Mühsam suchten sie sich einige ehemalige Kollegen und Schauspielschüler zusammen: der 64-jährige Aziz Khayon und der 44-jährige Haitham Abed Al-Razaq. Beide Stücke wurden von seiner Frau geschrieben. Auch ihre Schwester und deren Ehemann spielen mit: Das neue Theaterleben in Bagdad ersteht aus einer Familienzelle.

Proben zwischen Schüssen und Bomben

Wie schafft man es überhaupt, mitten in einem monströsen Guerilla-Krieg Theater zu machen? "Manchmal treffen wir uns bei jemandem zuhause, manchmal warten wir in der Uni, bis die Studenten fertig sind, manchmal im Club irakischer Bildhauer", berichtet Aziz Khayoun. "Das ist nicht gerade eine gute Atmosphäre zum Arbeiten. Direkt daneben ist eine Tankstelle, wo sich Autofahrer stundenlang um Benzin streiten, wir hören Schusswechsel. Letztens ist 50 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Autobombe hochgegangen - alle unsere Fenster waren zerbrochen."

Klima der Angst

Geprobt werden könne nur mittags, denn nach fünf Uhr sei es zu gefährlich, sich draußen aufzuhalten. Manchmal müsse die Gruppe auch wochenlang pausieren, erzählt sagt Khayoun: "Als Regisseur ist man verantwortlich für das Leben der Leute, mit denen man arbeitet. Wir teilen sie immer in zwei Gruppen, zwei von uns schleusen sie durch die Stadt. Man hat die ganze Zeit Angst: kommen sie heil nach Hause? Es gibt kein Leben in Bagdad, wenn wir nicht versuchen, das Leben zu schaffen."

Hoffnung durch Beschäftigung

In Bagdad konnte "Die Fantasie eines Reisenden" erst dreimal aufgeführt werden, denn dort gibt es heute kein Theater mehr, auch keine aktuelle Kulturförderung. Nur die dritte Vorstellung fand bei einer Konferenz für Kulturschaffende viel Publikum, erzählt die Schauspielerin Ikbal Naeem – die Gruppe wurde daraufhin nach Kairo zum Festival des experimentellen Theaters eingeladen, wo sie den ersten Preis gewann.

Zwischen dem steifen, regierungstreuen Deklamationstheater unter Saddam Hussein und dem spielwütigen Improvisationstheater, das genau die Situation von heutigen Irakern reflektiert, liegen Welten. "Wir haben ein Projekt, an dem wir arbeiten", meint Ikbal Naeem, "das ist die Energie, die uns laufen lässt."

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