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Reise

Terror schadet Tourismus

Leere Hotels, Entlassungen, Umsatzrückgang - das erwartet man nicht in einem der beliebtesten Reiseziele der Welt. Der letzte Anschlag trifft auch die Menschen, die in der Türkei vom Tourismus leben.

Die Türkei kann sich mit tausenden Kilometern Strand an Ägäis und Mittelmeer, Zeugnissen vorzeitlicher Geschichte und den Überresten der ältesten Tempel der Welt brüsten, aber die Touristen kommen nicht mehr.

Der Terroranschlag auf den internationalen Teil des Istanbuler Flughafens Atatürk am vergangenen Donnerstag kostete 44 Menschen das Leben. Die mutmaßlichen Attentäter aus Usbekistan, Kirgistan und Dagestan sollen Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehabt haben. Es war der bislang letzte einer ganzen Reihe von Terroranschlägen mit unterschiedlichen Hintergründen in türkischen Großstädten. Zusammen mit dem langwierigen und blutigen Krieg im kurdischen Südosten des Landes, haben sie Millionen von Besuchern ferngehalten.

Das menschliche Leid, das die Welle der Gewalt verursacht, ist bedeutender als deren Auswirkung auf den Tourismus. Aber die Nöte des Tourismussektors haben starke Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft.

"Dieser Anschlag wird dem Tourismus sehr schaden, das ist eine Krise" sagt Çetin Gürcün, der Generalsekretär der Vereinigung türkischer Reiseagenturen. TURSAB.

Die Anzahl der Türkeireisenden befindet sich seit Monaten im freien Fall. Nach Angaben des Türkischen Tourismusministeriums - zusammengetragen von Bloomberg - gab es im Mai einen Rückgang um 35 Prozent , nachdem bereits im April ein Minus von 27 Prozent festgestellt wurde.

"In gewisser Weise war das nicht nur ein Angriff auf Istanbul, sondern auf die ganze Welt - der Flughafen ist ein internationales Drehkreuz, er verbindet Ost und West, Nord und Süd, jeden Tag treffen sich dort hunderte unterschiedliche Nationalitäten. Es war ein Angriff auf die Freiheit des Reisens," so Çetin Gürcün zur DW.

Die türkische Tourismusindustrie ist wichtig für die Gesamtwirtschaft des Landes. Sie ist eine bedeutende Devisenquelle. Sie macht etwa vier Prozent des Bruttoinlandprodukts aus und brachte 2015 Einkünfte in Höhe von mehr als 28 Milliarden Euro. Rund acht Prozent aller Arbeitsplätze gehören direkt oder indirekt zum Tourismussektor.

In Istanbul ist die Situation inzwischen so schlecht, dass kleinere Hotels ums Überleben kämpfen. "Die Geschäfte laufen wirklich sehr schlecht im Moment, sehr, sehr schlecht“ sagt Kasım Balkanlı, Manager des Hotel Miniature, einem kleinen Hotel am Sultanahmet-Platz, mitten im Touristenbezirk Istanbuls.

"Gewöhnlich hatten wir Gäste aus den USA, Europa, von überall her. Aber jetzt haben wir verglichen mit dem letzten Jahr einen Rückgang von - ich denke - etwa 80 Prozent. Es kommen wirklich sehr wenig Leute.“ so Balkanlı zur DW. "Das betrifft nicht nur Istanbul, sondern das ganze Land. Ich habe nicht viel Hoffnung, dass sich die Lage bessert.“

Nicht nur die Anschläge halten die Touristen fern. Nach Deutschland war Russland das zweitwichtigste Quellland der Touristenströme in die Türkei. Aber nach dem Abschuss eines russischen Militärflugzeuges, das Ende letzten Jahres den türkischen Luftraum verletzt hatte, verringerte sich die Zahl der russischen Touristen um 95 Prozent.

Am Tag vor dem Anschlag auf den Flughafen hatte die türkische Regierung zwei diplomatische Initiativen angekündigt: Die Normalisierung der Beziehungen zu Israel und die Wiederannäherung an Russland - beides schien geeignet, die Aussichten des Tourismus in der Türkei zu verbessern. Nun sagen Mitarbeiter der Tourismusindustrie, dies seien zu kleine Manöver verglichen mit der Herausforderung, die Sicherheit der Besucher zu garantieren.

"Wir sind zu einer Übereinkunft mit Russland gekommen und wir hoffen, dass in der zweiten Jahreshälfte - auch wenn die Krise dann noch nicht vorbei sein wird - die Dinge anfangen werden, sich zu verbessern. Aber eigentlich erwarten wir das erst für 2017“ so Çetin Gürcün von der TURSAB.

Hotels und andere Betriebe der Branche haben Milliardenkredite bei Inlandsbanken aufgenommen. Diese zu bedienen, wird angesichts der strauchelnden Branche immer schwerer.

"Wir werden gut aufpassen, ob die Tourismusbetriebe die Kredite bedienen, denn das ist eine Gefahr. Aber wir werden mit ihnen daran arbeiten" sagte Omer Aras, Geschäftsführer der türkischen Bank "Finansbank" der DW bereits vor einiger Zeit.

Die Touristen, die jetzt noch nach Istanbul kommen, zeigen sich eher unbeeindruckt. "Bevor ich gekommen bin, sagte meine Familie, ich solle nicht in die Türkei fliegen, das sei zu gefährlich. Aber ich denke, man muss mutig sein! Schlimmes passiert auch zuhause immer wieder und kann überall passieren." sagt Evan Clark, Tourist aus den USA, auf dem Weg zum Istanbuler Flughafen, um am Tag nach dem Angriff seinen Rückflug anzutreten.

"Es war gut, während ich hier war. Aber es macht mich schon ein bisschen nervös, jetzt zum Flughafen zurückzukehren."

Tom Stevenson/Christian Hoffmann (DW)