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Asien

Terra incognita - China im indischen Film

Es ist eine schwierige Beziehung, auch im Kino. Indiens Filmindustrie produziert die meisten Filme pro Jahr. Doch in den "Bollywood"-Filmen, dem berühmtesten Export-Schlager Indiens, tut man sich mit China schwer.

Der 1964 entstandene Film "Haqeeqat" (Wahrheit) von Regisseur Chetan Anand ist einer der wenigen Bollywood-Filme, die sich explizit mit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962 auseinandersetzen. Getreu seinem Titel versucht er mit filmischen Mitteln das Schicksal der Soldaten, die im Oktober jenes Jahres unter schwierigsten Wetterbedingungen auf dem höchsten Schlachtfeld der Welt im Einsatz waren, aus indischer Sicht darzustellen.

Schauspieler und Regisseur Dev Anand (Foto: AP)

Die Regisseure Chetan und Dev (Bild) Anand machten den chinesisch-indischen Grenzkrieg von 1962 zum Thema

1970 brachte Dev Anand, der Bruder von Chetan Anand, den Streifen "Prem Pujari" heraus, in dem der Krieg noch einmal aufgegriffen wurde. Die Chinesen erscheinen hier als durch und durch schlechte Menschen, die zum Spaß einen Hund erschießen, der auf ihre Seite der Grenze gelaufen ist, und die sich über Äußerungen des ersten indischen Premierministers Jawaharlal Nehru lustig machen. Nehru hatte sich für die chinesisch-indische Freundschaft eingesetzt und die Chinesen als "Brüder" bezeichnet.

Vom Kriegsfilm zur leichten Muse

1958 gelang der in Birma geborenen Bollywood-Queen Helen im Film "Howrah Bridge" als chinesische Tänzerin der Durchbruch mit dem Song "Mera nam chin chin chu" (Mein Name ist Chin Chin Chu). Die Stimme war allerdings nicht ihre. Der Song wurde trotz oder gerade wegen des völlig sinnfreien Textes ein Hit.

Filmplakat Chandni Chowk to China (Foto: Getty Images)

Trotz zugkräftiger Stars kam "Chandni Chowk to China" beim Publikum nicht an

Fast 50 Jahre später erschien 2009 mit der Kung-Fu-Komödie "Chandni Chowk to China" eine weitere Parodie auf China, doch der Film hatte keinen Erfolg. Superstar Akshay Kumar spielt einen Küchenjungen, die im berühmten Chandni-Chowk-Viertel von Alt-Delhi arbeitet. Zwei Chinesen sehen in ihm die Reinkarnation eines Helden aus ihrer Heimat und nehmen ihn mit ins ferne China, wo Kumar noch einige Abenteuer bestehen muss, bis es zum Happy End kommt.

So nah und doch so fern

Werden Schauplätze im Ausland gebraucht – was selten vorkommt – zieht es Bollywood-Regisseure in die Schweiz oder nach London. China sei dagegen nicht so beliebt als Drehort oder Sujet, wie Filmkritiker Ajay Brahmatmaj berichtet, der in den 1980er Jahren in China wohnte.

Historische Persönlichkeiten wie die chinesischen Mönche Xuanzang und Faxian, die wenige Jahrhunderte nach Christi Geburt Indien besucht hatten, würden sich als Vorlagen ja durchaus anbieten, meint Brahmatmaj.  "Aber historische Filme sind extrem teuer. Die Bollywood-Filme wollen Tanz, Musik, Action und Spaß. Da passen Filme, die historischen Themen oder Charaktere aufgreifen, einfach nicht rein," so der indische Filmkkritiker.

Filmplakat Shanghai (Foto: Getty Images)

Die Finanzmetropole "Shanghai" als zweifelhaftes Vorbild im gleichnamigen Politthriller von 2012

Selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, in China zu drehen, könnten sich indische Filmregisseure das gar nicht vorstellen. "Zum einen ist die Sprache ein Problem, dann das Wetter. Und schließlich sind chinesische Gesichter für die Inder noch immer ein ungewohnter Anblick, dagegen sind sie an europäische Gesichter gewöhnt."

In den chinesischen Kinos laufen kaum Hindi-Filme. Pro Jahr werden insgesamt nur rund zwanzig ausländische Filme in China gezeigt. Früher waren es sogar noch weniger. Deshalb machen vor allem Hollywood-Filme das Rennen oder Filme aus Südkorea, die China kulturell näher stehen.

Gemeinsame Filmgeschichte(n)

Trotzdem: Chinas wirtschaftlicher Aufstieg in den jüngsten Jahrzehnten fasziniert auch indische Filmemacher. Im Polit-Thriller "Shanghai" des indischen Regisseurs Dibakar Banerjee vom Sommer 2012 werden die Metropole Shanghai und ihr rasanter Aufschwung als Traum- und Vorbild gezeigt. Im Gegensatz dazu werden Korruption und Kriminalität in einer fiktiven indischen Stadt geschildert, die versucht, Shanghai nachzueifern. 

Raj Kapoor in Der Vagabund von 1951(Foto: (Mary Evans Picture Library)

Raj Kapoor prägte mit "Der Vagabund" von 1951 das Bild des Inders für chinesische Kinobesucher

2011 schaffte es die Studentenkomödie "Three Idiots" von und mit Superstar Aamir Khan nach China. Der Film war ein großer Erfolg. Raj Kapoors "Awaara" (Der Vagabund) von 1951 gehörte zu den ersten Filmen überhaupt, die den Weg in die chinesischen Kinos fanden. Noch heute gibt es alte Menschen in China, für die ein Inder entweder so wie Rita oder so wie Raj sein muss, die beiden Hauptpersonen des Films. Der Film war wohl auch deshalb ein Erfolg in China, weil er mit seinem Loblied der Gleichheit der Menschen, egal ob arm oder reich, der kommunistischen Ideologie nahe stand.

Politik muss helfen

Jayprakash Chowkse, der Biograph des Regisseurs und Schauspielers Raj Kapoor, sieht im Kino durchaus eine Mittel, um eine Brücke zu schlagen und die Beziehungen zwischen den zwei Ländern zu verbessern: "Dafür ist aber die Hilfe der Politik notwendig. Unsere Filme müssen in China gezeigt werden. Gleichzeitig müssen sich auch in Indien die Türen für chinesische Filme öffnen." Chowkse betont, dass beide Länder mit ihrer Jahrtausende alten Kultur ihre Gemeinsamkeiten betonen müssten und nennt ein Beispiel: "Mahatma Gandhi wird auch in China verehrt."