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Asien

"Terminal-Mann" unter Bewachung

Die Expo in China hat nach drei Monaten Halbzeit. Der Besucherandrang erfüllt die Erwartungen der Regierung, Kritik ist aber nach wie vor unerwünscht. Ein Besuch bei dem Menschenrechtsaktivisten Feng Zhenghu.

Feng Zhenghu (Foto: Mathias Bölinger, DW)

Feng Zhenghu

Natürlich, die Limousine des Geheimdienstes vor der Tür ist schwarz, hat schwarze Scheiben und der Motor läuft. So viel Klischee muss offenbar sein. Gut, dass die Wachleute am Eingang nicht auch noch schwarze Sonnenbrillen tragen. Höflich bitten sie jeden Besucher, sich auszuweisen, bevor sie ihn in die Wohnung des Expo-Kritikers Feng Zhenghu lassen, den sie trotz allem respektvoll "Lehrer Feng" nennen.

Oben empfängt Feng Zhenghu Besucher mit einem breiten Lächeln. Er wirkt aufgeräumt, was man auch von seiner Wohnung sagen kann, vielleicht, weil ein paar Dinge fehlen. Seinen Computer habe die Regierung beschlagnahmt und einige andere Geräte wie den Fernseher, sagt er. "Ich habe noch keine neuen gekauft. Schließlich ist es illegal, dass sie die Sachen einfach mitgenommen haben."

Leben auf dem Flughafen

'Quartier' am Flughafen von Tokio (Foto: Feng Zhanghu)

"Quartier" am Flughafen von Tokio

Feng Zhenghu ist ein Mann in den Fünfzigern, das dichte schwarze Haar trägt er knapp neben der Mitte gescheitelt. Die wachen Augen und sein Lächeln strahlen Gelassenheit aus, nur die ausgeprägten Tränensäcke unter den Augen verraten, dass ihn seine Situation ziemlich belasten muss.

Feng Zhenghu wurde im vergangenen Jahr als "Terminal-Mann" bekannt. Nach einem Besuch in Japan, wo seine Familie lebt, ließ ihn die chinesische Regierung nicht wieder einreisen. Acht Mal kaufte er ein One-Way-Ticket von Tokio nach Shanghai, mal ließ ihn die Fluggesellschaft nicht einsteigen, dann wiederum setzten ihn die chinesischen Grenzer in das nächste Flugzeug zurück nach Tokio. Feng beschloss, den Terminal-Bereich des Flughafens Tokio nicht mehr zu verlassen. Nach drei Monaten schließlich ließ ihn die Regierung wieder einreisen. Seitdem wohnt er wieder in seiner Wohnung in Shanghai und steht unter ständiger Beobachtung.

Diese ungeteilte Aufmerksamkeit der Behörden hat Feng Zhenghu auf sich gezogen , weil er sich für Menschen einsetzte, die für die Expo umgesiedelt wurden. Unter ihnen auch zwei Bewohner, die sich gegen die Umsiedlung wehrten. Weil sie sich über die Polizei beschwerten, wurden sie zu einem beziehungsweise anderthalb Jahren Arbeitslager verurteilt. Der Grund: Nachdem die Polizei ihre Häuser durchsucht und dabei Filmaufnahmen gemacht hatte, verlangten sie die Löschung der Bänder. "Es war schließlich ungesetzlich, es war Hausfriedensbruch und ein Angriff auf die Privatsphäre", sagt Feng. Er machte die Fälle publik.

Feng Zhenghu wird nach seiner Rückkehr nach Shanghai von Journalisten umringt (Foto: AP)

Feng Zhenghu wird nach seiner Rückkehr nach Shanghai von Journalisten umringt

Störenfriede unerwünscht

Auf dem Gelände ihrer Häuser steht nun die größte Weltausstellung, die es jemals gab – wie so vieles, was die Regierung auf die Beine stellt, um der Welt zu zeigen, wie mächtig China geworden ist. Für viele Shanghaier ist die Ausstellung mit ihren verschiedenen Pavillons eine willkommene Attraktion, und vor allem inländische Touristen kommen in Scharen, um zu sehen, wie sich die Länder der Erde präsentieren. 33 Millionen Besucher waren bereits da. Bis zu fünf Stunden steht man noch immer vor den beliebtesten Länderpavillons wie beispielsweise dem japanischen oder dem saudi-arabischen . Jemand wie Feng, der an die dunklen Seiten des Großprojekts erinnert, soll da nicht stören. Als er einmal vorhatte, das Gelände zu besuchen, nahm ihn die Polizei morgens mit zum Verhör und hielt ihn einfach so lange fest, bis es zu spät war für die Expo. Ein anderes Mal jedoch konnte er sie austricksen.

Skyline von Shanghai mit Blick auf das nächtlich erleuchtete Expo-Gelände (Foto: dpa)

So strahlend und leuchtend will sich Shanghai der Welt zeigen

"An dem Tag kam ganz früh - um halb sieben oder sieben - jemand vom Hongkonger Rundfunk zu mir", erzählt er. "Als es klingelte, wusste ich nicht, wer da vor der Tür stand. Ich dachte, so was Ärgerliches, jetzt kommt die Polizei schon so früh." Aber: Es war nicht die Polizei - und in Journalisten-Begleitung konnte Feng die Expo besuchen. Mit einem jungenhaften Grinsen erzählt er, wie er dem Polizisten auf dessen Verwunderung über den frühen Besuch noch geantwortet habe: "Die Journalisten sind eben arbeitsamer als ihr. Ihr habt mich letzte Woche um acht Uhr abgeholt, sie sind schon um sieben gekommen."

Prozesse statt Demonstrationen

Zum Regierungskritiker wurde Feng im Jahr 1989. Als die Studenten in Peking und anderen Städten demonstrierten, leitete er ein Wirtschaftsinstitut in Shanghai. Weil er in einem Brief seine Unterstützung für die Demonstranten äußerte, verlor er seinen Posten und ging nach Japan ins Exil.

Kinder posieren vor dem chinesischen Expo-Pavillon (Foto: AP)

Stolz auf ihr Heimatland: Kinder posieren vor dem chinesischen Expo-Pavillon

Später kehrte er zurück und begann, Leute zu verteidigen, die mit dem Staat in Konflikt gekommen waren. Statt Wirtschaftsdaten begann er, Gesetze zu studieren und Menschen vor Gericht zu verteidigen. Die Rechte, die die demonstrierenden Studenten nicht erhielten, wollte er nun dem Staat vor seinen eigenen Gerichten abtrotzen.

Alle Gesetze, die der Westen hat, haben wir auch. Und geschrieben sind sie auch sehr schön", sagt er. "Aber was das Rechtssystem angeht, befinden wir uns in einer schwierigen Phase. Die Justiz ist nicht unparteiisch. Das liegt daran, dass unsere Gesetze nicht ausgeführt werden." Davon aber soll nicht die Rede sein, während sich China der Welt auf der Expo präsentiert. Und so wird Feng Zhenghu wohl noch einige Zeit mit den schwarzen Limousinen vor seiner Tür leben müssen.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders