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Asien

Tepcos skandalträchtige Erfolgsgeschichte

Nach neuen Skandalen und massiver Kritik am Umgang mit der Atomkatastrophe hat die japanische Regierung drei ranghohe Beamte des Energiesektors entlassen. Trotzdem wird Japans Atomindustrie kaum an Einfluss verlieren.

Evakuierte wird von Frau auf Strahlung getestet (Foto: AP)

Noch immer gibt es in der Region um Fukushima hohe Strahlenbelastungen

Drei Tage nach dem verheerenden Tsunami platzte dem japanischen Ministerpräsidenten der Kragen: Mit den Worten "Was zum Teufel ist hier los?" stürmte Naoto Kan persönlich in die Tepco-Zentrale und beschwerte sich beim Konzern-Chef Shimizu über die schleppende Informationspolitik. Aus dem Fernsehen hatte Kan von der Explosion im Reaktorgebäude erfahren, Tepco hingegen informierte den Regierungschef erst Stunden später. Kurzerhand ließ Kan in der Tepco-Zentrale ein Krisenzentrum einrichten, zu dessen Chef er sich selbst ernannte. Und der bloßgestellte Tepco-Chef verschwand bis zu seinem verspäteten Rücktritt wochenlang in der Versenkung.

Premier Kan verbeugt sich vor dem Volk, nicht vor der mächtigen Atomindustrie (Foto: AP)

Premier Kan verbeugt sich vor dem Volk, nicht vor der mächtigen Atomindustrie

So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben: Ein Regierungschef greift einen übermächtigen Energieriesen öffentlich an und entzieht dem Konzern teilweise die Zuständigkeit. Eine Ungeheuerlichkeit aus Sicht der japanischen Atomindustrie. Denn immerhin ist der Energiegigant "Tokyo Electric Power", kurz Tepco, mit seinen rund 52.000 Mitarbeitern eines der größten Unternehmen Japans. Tepco liefert mehr als ein Viertel des japanischen Atomstroms und ist quasi der alleinige Stromanbieter für den Großraum Tokyo mit seinen rund 45 Millionen Einwohnern. Der Konzern erwirtschaftete einen Umsatz von umgerechnet rund 38,3 Milliarden Euro, das machte ihn nach Umsatz zur Nummer Sechs weltweit.

Japan hat seinen wirtschaftlichen Aufstieg in den 50er Jahren auch Tepco zu verdanken, denn das einst staatliche Unternehmen versorgte das energiehungrige Land mit billigem Strom. Und weil das ressourcenarme Inselreich nicht über Kohle, Öl oder Gas verfügt, setzte Tepco bereits in den 70er Jahren konsequent auf Atomstrom. Heute betreibt Tepco drei große Nuklearkomplexe mit 17 Reaktoren; der Unglücksreaktor Fukushima 1 war der erste, der 1971 ans Netz ging.

Skandale, Täuschungen und Pannen

Die Schattenseite der Tepco-Erfolgsstory erfuhr die japanische Öffentlichkeit erst im August 2002. Mehr als 20 Jahre lang hatte Tepco systematisch Zwischenfälle verheimlicht, Störfälle als Reparatur- und Servicearbeiten bezeichnet, Sicherheitsberichte gefälscht und längst überfällige Reparaturen verschleppt. Die japanische Öffentlichkeit war geschockt, die Verantwortlichen bei Tepco mussten ihren Hut nehmen und die Regierung ließ alle 17 Reaktoren des Konzerns vom Netz nehmen. Zumindest für ein Jahr, denn dann wurden die Reaktoren unter lautstarkem Protest der Bevölkerung wieder hochgefahren - im Vertrauen auf eine neue, verantwortungsvollere Konzernführung. Die Pannen- und Verschleierungsserie jedoch ging all die Jahre weiter.

Tepco-Präsident Shimizu (Bildmitte) umgeben von seinen hilflosen Mitarbeitern (Foto: AP)

Tepco-Präsident Shimizu (Mitte) umgeben von seinen hilflosen Mitarbeitern

Nur zehn Tage vor dem verheerenden Tsunami hatte die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA dem Tepco-Konzern erhebliche Mängel bei Inspektion und Wartung nachgewiesen. Seit elf Jahren waren im AKW Fukushima Daiichi Geräte und Maschinen nicht sorgfältig kontrolliert worden. Darunter vermutlich jene Kühlpumpen, Dieselgeneratoren und Temperaturkontroll-Ventile der Reaktorblöcke, die bei der Katastrophe versagten.

Nach der Fukushima-Katastrophe erlebte die ganze Welt, wie schwer es dem übermächtigen Tepco-Konzern fiel, nicht nur die Reaktorkatastrophe in den Griff zu bekommen, sondern auch der besorgten Bevölkerung angemessene Informationen zu geben. Tagelang traten schlecht informierte Tepco-Mitarbeiter in blauen Overalls vor die Weltöffentlichkeit und zeigten eigentlich nur, wie handlungsunfähig der Betreiber war.

Finanzielles Desaster

Die Reaktor-Katastrophe überfordert Tepco aber auch finanziell. Der Konzern machte im abgelaufenen Geschäftsjahr umgerechnet etwa 7,5 Milliarden Euro Verlust. Weitere 1,2 Milliarden Euro wurden für Reparaturkosten in den beschädigten Anlagen veranschlagt. Laut Gesetz muss Tepco außerdem für alle zu zahlenden Entschädigungen aufkommen. Insgesamt mussten rund 160.000 Menschen in einem 30-Kilometer-Radius um das Kraftwerk die Region ganz oder vorübergehend verlassen. Tepco schätzt die Entschädigungskosten auf umgerechnet 400 Millionen Euro.

Da es sich die Regierung aber nicht leisten kann, den Konzern pleitegehen zu lassen, brachte Regierungschef Kan sogar vorübergehend eine Verstaatlichung von Tepco ins Spiel. Für einen Großteil der Kosten kommt jetzt der Staat auf. Das heißt, die satten Gewinne der Vergangenheit flossen einst in die Konzernkassen und die immensen Verluste trägt jetzt der Steuerzahler.

Engste Verflechtungen zwischen Betreibern und Politik

Demut hat die einflussreiche Atomlobby trotzdem nicht gelernt. Vor kurzem wurde bekannt, dass die beiden staatlichen Institutionen zur Überwachung der Sicherheit der Kernanlagen mitmischten oder wegsahen, wenn Tepco zum Beispiel Sicherheitsprotokolle fälschte und sich die AKW-Betreiber gegen Sicherheitsauflagen wehrten. Außerdem hat die "Agentur für Nuklearsicherheit" bei Informationsveranstaltungen verdeckte Mitarbeiter der Betreiber-Firmen eingeschleust, die die öffentliche Meinung zugunsten der Atomenergie beeinflussen sollten.

Eine Mutter füttert ihr Baby in einer Notunterkunft (Foto: AP)

Zehntausende leben noch immer in Notunterkünften

Folgerichtig hat die Regierung Kan nun drei leitende Beamte aus dem Industrieministerium, aus der "Nationalen Energieagentur" und von der "Agentur für nukleare Sicherheit" entlassen. Seit langem fordert der aus der Bürgerrechtsbewegung stammende Premier Kan eine unabhängige Atomaufsichtsbehörde, denn bislang untersteht die dem Industrieministerium, das aber auch für die Förderung der Atomenergie zuständig ist. So aber kann es nach Ansicht von Kan nun einmal keine sinnvolle Überwachung geben.

Vor allem aber hat der innerparteilich angeschlagene Kan eine ehrgeizige Energiewende in Japan angekündigt, hin zu erneuerbaren Energien. Eine Kriegserklärung an die übermächtige Atomindustrie in Japan, die aber eine generelle Abkehr von der Kernkraft trotz Fukushima zu verhindern wissen wird.

Autor: Alexander Freund

Redaktion: Chi Viet Giang

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