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Asien

Tepco ringt um die Zukunft

Vier Jahre nach der Fukushima-Katastrophe gibt sich der AKW-Betreiber Tepco geläutert und will die weltgrößte Atomanlage Kariwa-Kashiwazaki neu starten. Doch das Misstrauen in seine Kompetenzen ist groß.

Während Japans größter Stromversorger in den Reaktorruinen des Atomkraftwerks Fukuhisma Daiichi auf der pazifischen Seite mit seiner dunklen Vergangenheit kämpft, sieht der Betreiber Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, auf der anderen Seite der Hauptinsel Honshu seine Zukunft. Drei Zugstunden von der Hauptstadt Tokio entfernt steht an der Grenze zwischen den beiden Gemeinden Kariwa und Kashiwazaki die größte Atomanlage der Welt: Sieben Reaktoren in zwei Gruppen, die nur durch einen kleinen Hügel getrennt sind.

Kariwa-Kashiwazaki entstand in den achtziger Jahren zur Blütezeit der Atomkraft in Japan: Die 8,2 Gigawatt starke Gesamtleistung der sieben Einheiten ist fast doppelt so hoch wie die Leistung der sechs Fukushima-Meiler. Doch dieser Gigantismus macht dem Konzern nach den Kernschmelzen vor vier Jahren schwer zu schaffen. Fast niemand traut Tepco zu, die gewaltige Atomanlage am japanischen Meer im Fall einer neuen Katastrophe unter Kontrolle zu behalten.

Neue Verteidigungslinien gegen Tsunami

Daher versucht der Stromriese mit einer Vielzahl von neuen Sicherheitsmaßnahmen das verloren gegangene Vertrauen der Anwohner und Lokalpolitiker zurück zu gewinnen. "Unsere Firmenkultur hat sich total geändert", beteuert AKW-Chef Tadayuki Yokomura gegenüber den ersten ausländischen Journalisten, die die umgebaute Anlage besichtigen dürfen. Vor Fukushima habe sich Tepco mit einer bestimmten Menge an Sicherheitsmaßnahmen begnügt, räumt Yokomura im bebensicheren Kontrollzentrum ein. "Aus der Katastrophe haben wir gelernt, dass wir auch auf Situationen jenseits der Musterannahmen vorbereitet sein müssen."

Dabei hätte Tepco diese Lektion schon vor acht Jahren lernen können: Im Juli 2007 erschütterte ein Beben mit der Stärke 6,6 die Anlage in Kariwa-Kashiwazaki in nur 16 Kilometer Entfernung. Die Bodenbeschleunigung war dort bis zu zweieinhalb Mal stärker als vorhergesagt. Ein Transformator fing Feuer, Fässer mit radioaktiven Müll fielen um. Der Boden sackte bis zu 1,5 Meter ab. Dabei wurde die Hotline zu den Behörden zerstört. Inzwischen hat Tepco die Ablufttürme und andere Anlagenteile verstärkt und ein bebensicheres Kontrollzentrum gebaut. Zugleich wurde die Entdeckung von Verwerfungen im Boden unter dem Gelände heruntergeredet.

Wirtschaftliches Motiv für den Neustart

Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen will Tepco dieses Riesen-AKW so schnell wie möglich wieder ans Netz bringen. Von den 17 Tepco-Reaktoren stehen 10 in Fukushima, davon vier im inzwischen reparierten AKW Fukushima Daini wenige Kilometer südlich der zerstörten Meiler des Katastrophenkraftwerks. Doch die evakuierten Bewohner und die Politiker der Präfektur Fukushima lehnen jeden weiteren Betrieb dieser Meiler ab. Damit bleiben Tepco nur die sieben Einheiten von Kariwa-Kashiwazaki übrig, um Geld für die hohen Entschädigungszahlungen für die Katastrophe zu verdienen.

Auf dem Papier wird Tepco das zweite Jahr in Folge schwarze Zahlen schreiben. Aber das liegt nur daran, dass der Staat dem Konzern bisher 9 Billionen Yen (69 Milliarden Euro) für die Entschädigungsleistungen an evakuierte Einwohner und Unternehmen vorgestreckt hat. Dieses Geld soll Tepco zurückzahlen.

Paradoxerweise ist das nur möglich, wenn man wieder Atomstrom produziert. Jeder Monat ungenutzte Betriebszeit in Kariwa-Kashiwazaki kostet den Konzern 58 Milliarden Yen (442 Millionen Euro). Das sind im Jahr 5,3 Milliarden Euro. Darin sind die Kosten für fossile Ersatzbrennstoffe wie Öl, Kohle und Gas eingerechnet.

AKW-Chef Tadayuki Yokomura: Aus der Katastrophe haben wir gelernt. (Foto: DW/Fritz)

AKW-Chef Tadayuki Yokomura: "Aus der Katastrophe haben wir gelernt"

Tsunami-Mauern und Notstrom-Aggregate

Deshalb hat Tepco 270 Milliarden Yen (2 Milliarden Euro) in die Verbesserung des Katastrophenschutzes in Kariwa-Kashiwazaki investiert. So sollen eine neue Betonmauer und eine Deicherhöhung das AKW besser vor einem Tsunami schützen. Experten würden hier nur eine maximale Wellenhöhe von sechs Metern erwarten, betont AKW-Vize-Chef Katsuhiko Hayashi bei einer Fahrt entlang der Mauer. "Trotzdem reichen unsere Barrieren für einen 15 Meter hohen Tsunami aus!", sagt er stolz. Als zusätzliche Verteidigungslinie hätten die dahinter liegenden Reaktoren wasserdichte Tore und Schutzmauern für die Luftzufuhr bekommen.

Bei der Besichtigungstour zeigt Tepco auch die neue Ausrüstung vor, um bei einem Havariefall Notstrom zur Aufrechterhaltung der Kühlkreisläufe zu erzeugen. Das Ergebnis dieser Fukushima-Lektion sind mobile Generatoren, Backup-Batterien, Gasturbinen und unterirdische Dieseltanks. Ein bebensicheres Becken oberhalb des Kraftwerks hält Ersatzkühlwasser vor. Während der Besichtigung übt die Werksfeuerwehr gerade. In großem Bogen spritzt ein Uniformierter Wasser aus einem Schlauch in das Becken. Bei einer Katastrophe würde die Feuerwehr das Wasser über Notstutzen in die Reaktoren injizieren.

Messung der Radioaktivität durch Lokalregierung und Wissenschaftler in Fukushima. (Foto: AFP)

Messung der Radioaktivität durch Lokalregierung und Wissenschaftler in Fukushima

Betriebsgenehmigung für zwei Reaktoren?

Auch einen nachgebauten Kontrollraum zur Krisensimulation dürfen die Reporter sehen. "Früher haben wir uns bei den Szenarios darauf konzentriert, die Kraftwerke und die Ausrüstung zu schützen", sagt Atomtechniker Hayashi. Heute achte man mehr auf die Kommunikation mit Anwohnern und Behörden. Nach eigenen Angaben hat Tepco bisher über 30 Mal eine Havarie der Gesamtanlage simuliert. Als Konsequenz wurde das US-amerikanische Reaktionssystem auf mehrere Unfälle eingeführt. Damit will man die gleichzeitige Krise in mehreren Reaktoren besser in den Griff bekommen als damals in Fukushima.

Durch die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen sind die Chancen gestiegen, dass die Atomaufsicht den von Tepco beantragten Neustart der Reaktoren 6 und 7 in Kariwa-Kashiwazaki genehmigt. Nach Ansicht des Betreibers könnte dies schon im Juli passieren. Beide Meiler sind Siedewasserreaktoren der dritten Generation und weniger als zwanzig Jahre in Betrieb.

Doch der für die Region zuständige Gouverneur Hirohiko Izumida zählt zu den schärfsten Tepco-Kritikern in Japan. Er werde keinen Neustart genehmigen, ohne dass der Konzern die Ursachen für die Kernschmelzen auf den Tisch lege und die Schuldigen intern bestrafe, hat Izumida mehrmals erklärt.

Im Januar blieb auch ein Bittgang von Tepco-Chef Naomi Hirose zum Gouverneur fruchtlos. Izumida schlug die Einladung zu einer AKW-Tour aus. Die Standardtaktik von Tepco, die Lokalpolitik mit Arbeitsplätzen und Subventionen zum Einlenken zu bringen, funktioniert bei Izumida nicht. Daher setzt Tepco-Chef Hirose den widerspenstigen Gouverneur neuerdings mit der Drohung einer Strompreiserhöhung für die Metropolenregion unter Druck.