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Asien

Tepco-Chef tritt zurück

Der Chef des AKW-Betreibers Tepco ist als Konsequenz aus der atomaren Katastrophe in Japan zurückgetreten – mehr als zehn Wochen nach dem verheerenden Atomunfall im japanischen Fukushima-Daiichi.

Völlig in Sicherheitskleidung und Atemschutzgeräten verhüllte Miltiärs (Foto: EPA)

Der Aufenthalt rund um Tepcos AKW-Ruine ist lebensgefährlich

Erst war er wochenlang unsichtbar, jetzt verschwindet der Vorstandsvorsitzende des japanischen Energie-Konzerns Tokyo Electric Power Company (Tepco) ganz von der Bildfläche. Nachdem Masataka Shimizu sich am Freitag (20.05.2011) vor den Anwesenden bei einer Pressekonferenz tief verbeugt hatte, teilte er mit: "Ich möchte die Verantwortung übernehmen und einen symbolischen Schlussstrich unter die Sache ziehen." Deshalb trete er als Chef von Tepco zurück.

Shimizu hatte sich zwei Tage nach der Havarie am 11. März für das atomare Desaster entschuldigt. Danach wurde er krank und war wochenlang nicht zu sehen. Eine zeitlang kursierten sogar Gerüchte, er habe sich das Leben genommen oder sei ins Ausland geflohen. Unterdessen musste ein Tepco-Sprecher an Shimizus Stelle Tag für Tag neue Schreckensmeldungen über die Vorgänge in den Reaktoren verkünden. Erst am 11. April trat Shimizu wieder öffentlich auf. Nun ist der 66-jährige Top-Manager des AKW-Betreibers der erste Hauptverantwortliche, der im Zuge des Fukushima-Desasters zurücktritt.

Tepco-Chef Shimizu (M.) verbeugt sich nach japanischer Art (Foto: ap)

Tepco-Chef Shimizu (M.) möchte mit seinem Rücktritt einen Schlussstrich ziehen

Verlust in Rekordhöhe

Tepco teilte zudem mit, wegen des Unglücks einen Rekordverlust im abgelaufenen Geschäftsjahr in Höhe von umgerechnet 10,69 Milliarden Euro (1,25 Billionen Yen) verzeichnet zu haben. Es ist der höchste Verlust, der jemals von einem japanischen Unternehmen außerhalb der Finanzbranche verzeichnet wurde.

Eingerechnet in den Verlust sind die Kosten für die Stilllegung von vier der sechs Reaktoren von Fukushima. Tepco werde die vier Reaktoren verschrotten, der Plan, zwei weitere zu bauen, sei hinfällig, teilte das Unternehmen mit. Auch die Kosten für die Kühlung der Reaktoren und der Abklingbecken sowie für die Entsorgung von tausenden Kubikmetern kontaminierten Wassers wiegen schwer. Zudem muss der Konzern die Opfer der Strahlen-Katastrophe schnell entschädigen. Das könnte Analytikern zufolge umgerechnet fast 86 Milliarden Euro kosten. Dafür erhält Tepco jedoch Geld vom Staat. Ob das Unternehmen ohne diese Finanzspritze überhaupt noch überlebensfähig wäre, ist ungewiss.

Shimizus Nachfolger wird Tepco zufolge der bislang geschäftsführende Direktor, Toshio Nishizawa. Die Amtsübergabe werde nach der Hauptversammlung Ende Juni erfolgen. Der künftige Tepco-Chef entschuldigte sich am Freitag für die größte Atomkatastrophe seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl vor 25 Jahren.

Unabsehbare Langzeitfolgen

Ein Hund streckt sich auf menschenleerer Straße (Foto: ap)

Die Sperrzone rund um die AKW-Ruine ist nur mit Sondergenehmigung erreichbar - Hunde ausgenommen

Auch zehn Wochen, nachdem das Unglück in Japan seinen Lauf nahm, sind die Folgen dieser Atomkatastrophe unabsehbar. Unklar ist beispielsweise immer noch, ob es sich um einen Super-GAU oder "nur" um einen GAU handelt und wie die Kernschmelze in dem AKW weiter verläuft. Denn die Gefahr einer weiteren Kernschmelze ist keineswegs gebannt. Die Brennstäbe in Reaktor 1 sind wahrscheinlich stärker geschmolzen als bislang befürchtet. Laut Umweltorganisation Greenpeace kann die Lage "rapide eskalieren", sollten die Brennstäbe den Reaktorkessel durchschmelzen. Dies wäre dann der Super-GAU. Tepco weiß nicht genau, bis zu welchem Grad die Brennstäbe geschmolzen und auf den Boden des Kessels gesunken sind.

Am Donnerstag zeigte sich erneut, dass die Sperrzone in einem Umkreis von 20 Kilometern um die AKW-Ruine, wohl zu knapp bemessen ist. Denn die Behörden teilten mit, sie hätten rund 60 Kilometer nördlich des zerstörten AKW eine Belastung des Grases festgestellt, die den erlaubten Grenzwert um mehr als das Fünffache überschritt. Ein Kilogramm einer Probe sei mit 1530 Becquerel Cäsium belastet gewesen, wie Behördensprecher Inao Yamada sagte. Gesetzlich erlaubt seien in Japan für die Fütterung von Milchkühen maximal 300 Becquerel.

Vehemente Warnungen von Greenpeace

Wenige Tage zuvor hatten bereits Strahlenschutzexperten von Greenpeace ähnlich bedrohliche Ermittlungsergebnisse veröffentlicht. Greenpeace forderte erneut, Kinder und schwangere Frauen sofort zu evakuieren, die 20-Kilometer-Evakuierungszone rund um die Katastrophenreaktoren in Fukushima auszuweiten und einem größeren Umkreis offiziellen Schutzstatus zu verleihen. "Die japanische Regierung muss endlich handeln. Es fehlen klare Informationen und ausreichende Maßnahmen, um die Bevölkerung zu schützen", sagte Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereiches von Greenpeace Deutschland vor Ort in Tokio. Die Regierung könne nicht so tun, als gehe das Leben einfach weiter.

Autor: Martin Schrader (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Nicole Scherschun

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