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Tibet

Tenberken: "Schließung der Blindenschule unverantwortlich"

In Tibet betreibt die Deutsche Sabriye Tenberken seit 20 Jahren eine Blindenschule mit lokalen Partnern. Nun droht die Schließung. Im DW-Interview erzählt sie, warum sie trotzdem Hoffnung hat.

Deutsche Welle: Frau Tenberken, Ihr Visum für China wurde nicht verlängert, so dass Sie nicht weiter vor Ort in Tibet arbeiten dürfen. Wissen Sie warum?

Sabriye Tenberken: Nein, das weiß ich nicht. Es ist nicht begründet worden, warum mein Visum nicht verlängert wird. Das ist für mich auch eine Überraschung, denn die Behörden sagen einerseits, dass sie das Projekt besuchen wollen, verlängern aber andererseits unser Visum nicht. Das ist ein Widerspruch in sich.

Sind Sie diesbezüglich vorgewarnt worden?

Man hat uns nicht vorgewarnt.

Ihr Förderkreis für das Blindenzentrum in Tibet "Braille Ohne Grenzen e.V." ist eine Nichtregierungsorganisation in Deutschland. Vor knapp einem Jahr hat China die Kontrollen über ausländische NGOs verschärft. Kann das ein Grund gewesen sein?

Die neue Regelung für ausländische NGOs ist mir bekannt, aber das hat mit unserer Arbeit nichts zu tun. Wir wollen selber auch aus dem Land heraus.

Ich glaube nicht, dass die Entscheidung aus Peking kommt. Ganz im Gegenteil. Aus Peking hat man uns Unterstützung signalisiert. Ich glaube, dass es eine lokale Angelegenheit ist. Es mag ja sein, dass sich die Präsidentin der Vereinigung für Menschen mit Behinderung in Tibet damit nicht gut auskennt und glaubt, sie könne die Schule in ein klassisches Schulgebäude umziehen und dann das Grundstück verkaufen und so weiter. Sie haben bisher nicht die Gefahren gesehen, die mit der möglichen Schließung der Schule einhergehen.

Was machen Sie mit der Blindenschule jetzt?

Wir haben immer damit gerechnet, dass der Schulbetrieb weitergeht, auch ohne uns. Für uns ist es nicht wichtig, dass wir im Lande bleiben. Für uns ist nur wichtig, dass das Zentrum, das wir in Tibet eingerichtet haben, weiter bestehen bleibt und zwar mit demselben Personal, das wir ausgebildet haben, weil es Modellcharakter für China und die ganze Welt hat.

Was würde das für die Schüler bedeuten, falls die Schule doch geschlossen wird?

Für die Kinder würde eine Schließung bedeuten, dass sie nicht auf die reguläre Schule vorbereitet werden können und später keine Möglichkeit haben, an der Universität zu studieren. Sie würden auch keinen Mobilitätsunterricht haben. Das heißt, sie werden nicht lernen, sich unabhängig mit dem weißen Stock zu bewegen. Ich sehe Schwarz für die Kinder und ihre Zukunft.

Das ist sehr schade. Die Kinder sind hoch begabt und haben die Motivation, sich in Regelschulen zu integrieren. Hinzu kommt, dass die angeschlossene Farm als Ausbildungsstätte auch geschlossen würde. Dann hätten die Schüler keine Möglichkeit mehr, einen Beruf praxisnah zu erlernen. Die Schule einfach so zu schließen, halte ich für unverantwortlich.

Haben Sie die Bundesregierung um Hilfe ersucht?

Nein. Es gibt noch keine endgültige Entscheidung über die Zukunft der Schule. Es geht hier auch nicht um die Politik, nicht um den Status Tibets und China.  Es geht hier um die Blinden.

Viele deutsche und europäische Diplomaten setzen sich für dieses Projekt ein. Sie appellieren an alle Seiten, dass die Behörden die Schule nicht schließen.

Sabriye Tenberken ist die Gründerin der Organisation "Braille Ohne Grenzen". Eine angeborene Netzhauterkrankung führte im 12. Lebensjahr zu ihrer völligen Erblindung. Sie studierte Zentral-Asien-Wissenschaften mit Schwerpunkten Tibet und Mongolei an der Universität Bonn. 1992 entwickelte sie die tibetische Blindenschrift, die es bis dahin noch nicht gab.

Das Interview führte Wan Fang.