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Deutschland

Telefonhilfe für Missbrauchsopfer gestartet

Die katholische Kirche hat eine Hotline für Opfer sexueller Gewalt geschaltet. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ermutigte die Opfer, sich zu melden. Die neue Telefonseelsorge soll beraten und Anonymität gewähren.

Ein Tastentelefon (Grafik: AP)

Unter 0800-1201000 können sich Missbrauchsopfer kostenlos beraten lassen

Mit der Einrichtung einer Telefonhotline für Opfer von Missbrauchsfällen reagierte die katholische Kirche auf das Bekanntwerden zahlreicher Fälle, in denen sich Priester und andere Kirchenleute in den vergangenen Jahrzehnten an Kindern und Jugendlichen sexuell vergangen haben. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann stellte als Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche die bundesweite Beratungshotline am Dienstag (30.03.2010) in Trier vor. "Die Hotline soll Opfern sexuellen Missbrauchs die Möglichkeit einer telefonische Erstberatung geben", erklärte Ackermann. Unter der Nummer 0800-1201000 können sich Opfer immer dienstags, mittwochs und donnerstags von 13 Uhr bis 20.30 Uhr kostenfrei und anonym an Fachleute wenden. Außerdem sollen Opfer sich auf der Internetseite www.hilfe-missbrauch.de informieren und beraten lassen können.

Ein Ohr für die Opfer, nicht für die Täter

Bischof Stephan Ackermann am Tag der Pressekonferenz vor der Liebfrauenkirche in Trier (Foto: dpa)

Bischof Stephan Ackermann ist zuversichtlich, dass Opfern mit der Telefonhotline geholfen werden kann

"Wir wollen nur Türöffner sein und die Anruferinnen und Anrufer ermutigen, den nächsten Schritt zu gehen", sagte Andreas Zimmer, der als Leiter des Arbeitsbereichs Beratungsdienste beim Bistum Trier die neue Hotline mit aufgebaut hat. Angebote für Täter und Opfer seien klar zu trennen. "Und es lag auf der Hand, dass im ersten Schritt den Opfern die Aufmerksamkeit gelten muss", begründete Zimmer, warum die Hotline nicht auch Tätern, die selbst Missbrauchsfälle melden wollen, zur Verfügung steht.

Bischof Ackermann informierte am Dienstag zudem über ein neu eingerichtetes Büro bei der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn, das unter anderem die kirchlichen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen aus dem Jahr 2002 überarbeiten werde. Das Büro soll Ackermann bei seiner Aufklärungsarbeit unterstützen und den Umfang der Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen bundesweit ermitteln.

Kritik an der Besetzung der Hotline

Die Rechtsanwältin und Beauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, bei einer Pressekonferenz (Foto: dpa)

Ursula Raue, die Missbrauchs-Beauftragte des Jesuitenordens, bei einer Stellungnahme zum Skandal Mitte Februar in Berlin

Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuiten-Ordens, Ursula Raue, begrüßte den Start der Hotline am Dienstag. Dem "Rundfunk Berlin Brandenburg" sagte sie, es sei wichtig, dass die Hotline eine neutrale Stelle darstellt. Sie dürfe nicht mit Mitarbeitern aus der Kirchenverwaltung besetzt sein. Sonst bestehe die Gefahr, dass wieder alles intern gelöst werde.

Ackermann und Zimmer betonten jedoch, die Berater seien nicht von der Kirche instruiert. "Sie machen das aus fachlich, sachlicher Kompetenz heraus", erklärte Zimmer. Es handele sich um Psychologen und Sozialarbeiter mit langjähriger Erfahrung. Ackermann fügte hinzu, bei der Beratung werde auch auf die Angebote unabhängiger Opferberatungsstellen verwiesen. Für die telefonische Beratung sind den Angaben zufolge acht Psychologen und Sozialarbeiter mit Erfahrung in Traumatherapie eingesetzt, für die Internetberatung fünf Fachkräfte.

Wenn Berater am Telefon über eine andauernde Missbrauchssituation informiert würden und der Anrufer aus seiner Anonymität heraustrete, dann erst sei die Beratungsstelle meldepflichtig, sagte Zimmer. Die Betroffenen sollten die Kontrolle behalten und selbst entscheiden, ob sie rechtliche Schritte einleiten wollen, begründete Zimmer diese Haltung. "Wir sind keine Ermittlungshotline, sondern eine Beratungshotline", stellte er klar.

Anzeigepflicht trotz neuer Fälle umstritten

Die bayerische Bischofskonferenz hatte sich für eine Anzeigepflicht bei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch ausgesprochen. Dennoch bleibt eine generelle Anzeigepflicht unter katholischen Geistlichen umstritten. "Ich sehe die Frage mit der Anzeigepflicht differenzierter", erkärte Ackermann bei der Pressekonferenz. Man müsse vor allem an die Opfer denken. Manche wollten eine strafrechtliche Verfolgung gar nicht.

In den vergangenen acht Wochen erhielt das Bistum Trier laut Rainer Scherschel, dem Missbrauchs-Beauftragten des Bistums, Hinweise von mehr als 30 Personen, die insgesamt 20 Priester des sexuellen Missbrauchs in der Zeit zwischen 1950 und 1990 bezichtigen. Zehn der Beschuldigten seien bereits gestorben. Laut "Domradio.de" wies das Bistum zudem auf vier Fälle seit dem Jahr 2000 hin. In einem Fall sollen die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft "mangels Strafbestand" eingestellt worden sein. In den anderen drei Fällen gehe es um den Konsum von Kinderpornografie im Internet.

Erste Fälle im Januar

Die Regensburger Domspatzen bei einem Auftritt in einer Kirche in Süadafrika 2008 (Foto: DPA)

Auch im Internat der Regensburger Domspatzen soll es Missbrauchsfälle gegeben haben

Der Skandal um Missbrauchsfälle an katholischen Einrichtungen kam an einer Berliner Jesuiten-Schule ins Rollen. Zunächst meldeten sich bis Ende Januar sieben Missbrauchsopfer beim Rektor des Jesuiten-Gymnasiums Canisius-Kolleg, Pater Klaus Mertes. Er sammelte die Fälle und schrieb einen Brief an ehemalige Schüler, in dem er sich bei allen Opfern im Namen der Schule entschuldigte. Der Brief gelangte an die Presse. Seither sind in ganz Deutschland Missbrauchsfälle vor allem in katholischen Einrichtungen bekannt geworden, auch im Internet des weltbekannten Chors der Regensburger Domspatzen.

Autor: Stefanie Zießnitz (ap, dpa, epd, kna)
Redaktion: Ursula Kissel

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