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Asien

Telangana - Indiens neuer Bundesstaat

Es war ein jahrelanges Tauziehen - doch jetzt ist es soweit: Indien hat einen neuen Bundesstaat - Telangana. In den Jubel über die Gründung mischen sich allerdings auch kritische Stimmen.

"Wir begrüßen Telangana als unseren 29. Bundesstaat. Telangana wird uns zusätzliche Stärke für unsere nationale Entwicklung in den kommenden Jahren verleihen", twitterte Indiens neuer Ministerpräsident Narendra Modi am Montag (02.06.2014).

Zuvor war um Mitternacht der neue Bundesstaat von den meisten seiner 35 Millionen Einwohner überschwänglich gefeiert worden. Feuerwerk erleuchtete den Nachthimmel über Hyderabad. Die sechstgrößte Stadt Indiens wird für die kommenden zehn Jahre als gemeinsame Hauptstadt des jetzt verkleinerten Bundestaates Andhra Pradesh und des neuen Staates Telangana fungieren.

Feuerwerk zur Gründung des neuen Bundesstaates Telangana in Indien (Foto: NOAH SEELAM/AFP/Getty Images)

Feuerwerk zur Begrüßung: Um Mitternacht wurde Telangana gegründet

Kalvakuntla Chandrashekar Rao wurde am Montag als Regierungschef (Chief Minister) des neuen Bundestaates vereidigt. Rao hatte einst zum Mittel des Hungerstreiks gegriffen, um der Sache für einen eigenen Bundestaat Nachdruck zu verleihen. Dessen jetzt vollzogener Gründung waren jahrzehntelange politische Kämpfe vorausgegangen. Noch bei der entscheidenden Abstimmung im Februar dieses Jahres - wobei sowohl die Kongresspartei als auch die rechtskonservative Bharatiya Janata Party (BJP) die Neugründung unterstützten - kam es im Parlament von Neu Delhi zum Einsatz von Pfefferspray und Handgreiflichkeiten.

Kampf um Wasser und Jobs

Andhra Pradesh, mit zuletzt 84 Millionen Einwohnern, wurde 1956 durch die Verschmelzung der jetzt wieder getrennten Regionen Telangana und Seemandhra gegründet. Damit entstand ein sprachlich einheitlicher Bundestaat - Telugu wird von fast allen Bewohnern gesprochen. Und Andhra Pradesh wurde Vorbild für die weitere Neuorganisation der indischen Union nach sprachlichen Kriterien.

Die Verschmelzung stieß jedoch von Anfang an auf Widerstand der Bewohner Telanganas, die sich von der Regierung des neuen Bundesstaates benachteiligt fühlten. Vor allem die Jugendlichen in der Dürreregion Telangana hätten sich um Karriereaussichten betrogen gesehen, sagt der Politologe P. Muthaiah von der Osmania-Universität in Hyderabad. "Sie hatten das Gefühl, dass sie weder bei der Verteilung von Jobs im öffentlichen Dienst noch bei der von Wasserressourcen den ihnen zustehenden Anteil bekamen", so Muthaiah gegenüber der Deutschen Welle.

Sicherheitsleute und Demonstranten gehen aufeinander los (Foto: NOAH SEELAM/AFP/Getty Images)

Proteste und Ausschreitungen waren der Gründung von Telangana vorausgeganen

Eine Studie der indischen Regierung bestätigte diese weitverbreitete Einstellung der Bevölkerung in Telangana, dass sie aufgrund der Binnenmigration von den Küstenregionen Andra Pradeshs ins Landesinnere nicht ausreichend Stellen im Staatsdienst bekämen. Allein die Gründung eines eigenen Bundestates könne diese Benachteiligung stoppen, so dass populäre Argument der Pro-Telangana-Aktivisten.

Nach jahrelangen Protestkampagnen, die auch Hungerstreiks und Selbstmorde beinhalteten, entschloss sich die Zentralregierung in Neu Delhi 2009, Telangana den Status als Bundesstaat zu gewähren. Jedoch: Angesichts massiver Proteste aus Seemandrah, dem anderen Teil Andra Pradeshs, nahm sie diesen Beschluß bald darauf wieder zurück. Auch hier war die Angst vor Nachteilen bei der Versorgung mit Jobs und Wasser der Grund für die Proteste.

Finanz- und Wirtschaftsmotor Hyderabad

Und nicht zuletzt fürchteten die Bewohner Seemandrahs den Verlust des indischen Informations- und Biotechnologiezentrums Hyderabad, das einen wesentlichen Teil zur Wirtschafts- und Steuerleistung Andrah Pradeshs leistet. Hyderabad liegt in der Region Telangana, soll jetzt aber für zehn Jahre als gemeinsame Hauptstadt fungieren. Langfristig soll das neue, verkleinerte Andhra Pradesh ein eigenes politisches und wirtschaftliches Zentrum entwickeln. Und um die Sorgen Seemandrahs vor einer Teilung Andrah Pradeshs zu zerstreuen, hatte der damalige Ministerpräsident Manmohan Singh dem Bundesstaat außerdem Finanzhilfen der Zentralregierung sowie steuerliche Vergünstigungen versprochen.

Demonstranten fordern einen eigenen Bundesstaat Gorkhaland in Indien (Foto: DIPTENDU DUTTA/AFP/Getty Images)

Forderungen nach eigen Bundesstaaten gibt es auch in anderen Teilen Indiens - in "Gorkhaland" etwa

Analog zum Fall Telangana gibt es in der Indischen Union diverse Bestrebungen zur Neuordnung des Staatsaufbaus gemäß ethnischer, sprachlicher und ökonomischer Gesichtspunkte. So etwa die Forderung nach einem Bundesstaat "Vidarba", der aus dem westlichen Maharashtra abgetrennt werden soll - oder nach "Gorkhaland", für das West-Bengalen in Ost-Indien geteilt werden müsste.

Südasien-Experte Milan Vaishnav vom US-Institut Carnegie Endowment for International Peace warnt gegenüber der DW vor Schnellschüssen bei Reformen des indischen Staatsaufbaus. Dabei sollten nicht vordergründige politische Interessen den Ausschlag geben. Vielmehr brauche man für eine Neubewertung des Sinns und der Berechtigung der innerstaatlichen Grenzen Indiens einen "rationalen, durchdachten Fahrplan."

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