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Nahost

Teenagermord erzürnt Palästinenser

Zuerst werden drei israelische Jugendliche ermordet, jetzt ein 17-jähriger Palästinenser: In Israel eskaliert die Gewalt. Während die Regierung Netanjahu den Mord verurteilt, gehen die Palästinenser auf die Straße.

Die Nachricht vom Tod von Muhammed Abu Khdeirs hatte sich schnell herumgesprochen. Rund um das Wohnhaus der Familie Khdeir im Ostjerusalemer Viertel Shuafat entlud sich bereits am frühen Morgen die Wut und Trauer palästinensischer Jugendlicher. Auf der einen Seite flogen Steine, auf der anderen schossen israelischen Polizei-Einheiten mit Tränengas und Gummigeschossen auf die Demonstranten. Schon um kurz vor 9 Uhr hatten die israelischen Sicherheitskräfte das Viertel abgeriegelt. Die Auseinandersetzungen dauerten bis in den späten Abend.

Der 17-jährige Muhammed war von hier in den frühen Morgenstunden verschwunden. Gegen vier Uhr morgens war die Polizei verständigt wurden, dass in Shuafat ein junger Mann gewaltsam in ein Auto gezerrt worden sei. Bilder einer Videokamera hätten dies festgehalten, schrieben palästinensischen Medien. Nur wenige Stunde später wurde die verbrannte Leiche eines jungen Mannes in Westjerusalem gefunden.

Racheakt als Motiv

Für viele in Shuafat war - trotz laufender Ermittlungen - bereits am Morgen klar: Es war ein Racheakt jüdischer Extremisten, die dafür den Tod der drei ermordeten israelischen Jugendlichen rächen wollten. "Wo ist Netanjahu jetzt, wenn so etwas passiert", meint ein palästinensischer Passant wütend, der die Auseinandersetzungen aus wenigen Metern Entfernung beobachtete. Andere scheinen fast unter Schock, das so etwas überhaupt passieren konnte.

Unruhen im Jerusalemer Statdtteil Shuafat (Foto: rtr)

Unruhen im Jerusalemer Statdtteil Shuafat

Am Nachmittag bestätigte die Familie, dass anhand von DNA-Test festgestellt wurde, dass es sich bei dem Toten um Muhammed handelte. Der Vater war kurzerhand zu Befragungen festgehalten worden, zunächst hatte die Polizei auch das Motiv einer Familientat nicht ausgeschlossen. Am späten Mittwochabend meldete der israelische Internetdienst "Times of Israel", dass sich die Beweise verdichteten, wonach die Tat einen nationalistischen Hintergrund habe.

Sorge vor Vergeltung jüdischer Extremisten wächst

Die Tat kommt nur zwei Tage, nachdem die Leichen der drei im Westjordanland entführten israelischen Talmudstudenten gefunden worden waren. Die Sorge in Israel wächst, das tatsächlich extremistische Juden Vergeltung geübt haben könnten, denn die Stimmung im Land ist aufgeheizt. "Allein in den letzten 24 Stunden hat eine Facebook-Seite, die zur Rache für die getöteten entführten Jugendlichen aufruft, mehrere zehntausend 'likes' bekommen", schreibt der Haaretz-Kolumnist Chemi Shalev.

Dabei muss man nicht nur ins Internet schauen: Bereits am Dienstagabend liefen junge jüdische Extremisten durchs Zentrum von Westjerusalem und skandierten "Death to Arabs" und "Wir wollen Rache". Mehrere Male attackierte der Mob arabische Passanten. Die israelische Polizei musste Palästinenser vor Übergriffen schützen. Und auch am Mittwochabend versammelten sich wieder Gruppen von jungen Extremisten aus der Siedler-Szene im Zentrum der Stadt.

Netanjahu warnt vor Selbstjustiz

"Nehmt das Recht nicht in die eigene Hand", hatte sich Premierminister Benjamin Netanjahu am Mittwoch an die eigene Bevölkerung gewandt und nannte die Tat ein "abscheuliches Verbrechen". Das solle nun so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Zuvor hatte ihn der palästinensische Präsident Mahmud Abbas aufgerufen, den Mord an Muhammed Abu Khdeir genauso zu verurteilen wie zuvor die Entführung der drei jungen Israelis im Westjordanland.

Zusammenstöße in Jerusalem 02.07.2014 (Foto: rtr)

Die israelische Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein

Beileid kam von vielen Seiten: Der amerikanische Außenminister John Kerry nannte die Tat "abscheulich und ohne Sinn". Es gäbe keine Worte, um ein angemessenes Beileid an die palästinensische Bevölkerung auszusprechen. Gleichzeitig rief er beide Seiten dazu auf, alles zu tun, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lasen. "Sollte der arabische Junge tatsächlich wegen nationalistischer Motive ermordet worden sein, dann ist dies eine abscheuliche Tat", ließen auch die Familien der getöteten israelischen Teenager mitteilen.

Sicherheitskabinett tagt erneut

Am Abend rief Premierminister Benjamin Netanjahu erneut das Sicherheitskabinett in Tel Aviv ein - bereits zum dritten Mal in dieser Woche will man über die Situation beraten und "eine Antwort" auf den Mord an den drei israelischen Teenagern Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrach finden. Am Dienstag noch hatte Netanjahu erläutert, das Ziel sei, die Hamas im Westjordanland weiter schwächen zu wollen, weiterhin gegen die Hamas im Gazastreifen vorzugehen und die Kidnapper und deren Helfer zu finden.

In Shuafat will man jetzt sehen, dass die israelische Polizei die Verantwortlichen für den Mord an Muhammed Abu Khdeir findet. Bis dahin wird wohl kaum Ruhe einkehren.

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