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Politik

Taylors komfortabler Abgang

Mit Stunden Verspätung fand in Liberias Hauptstadt Monrovia die Rücktrittszeremonie des gefürchteten Präsidenten Charles Taylor statt. Ist nun ein Ende der Krise in Liberia in Sicht? Heinrich Bergstresser kommentiert.

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Was sich am Montag (11.8.2003) in Liberias Hauptstadt Monrovia abspielte, gleicht einem Stück aus dem afrikanischen Tollhaus. Da tritt nach massivem internationalen Druck der gewählte Präsident Charles Taylor im Beisein dreier afrikanischer Präsidenten von seinem Amt zurück. Und die Afrikanische Union rollt ihm – vom Kriegsverbrecher-Tribunal im benachbarten Sierra Leone per Haftbefehl gesucht – auch noch den roten Teppich aus und bietet ihm einen komfortablen Ruhesitz im weit entfernten Nigeria an. Auch Südafrika steht als neue Heimstatt zur Diskussion.

Eine typisch afrikanische Art, ein Personalproblem zu lösen. Aber auch eine typische Herangehensweise, Strukturprobleme unter den Teppich zu kehren, ganz gleich, wie schwerwiegend sie auch sein mögen. Und dieses Strukturproblem umfasst nicht mehr, aber auch nicht weniger als die westafrikanische Bürgerkriegsregion mit dem aktuellen Zentrum Liberia, wo sich sehr schnell der zweite große Krieg in Afrika entwickeln kann. Der erste "Afrikanische Weltkrieg" tobt bekanntlich seit Jahren im zentralafrikanischen Kongo.

Charles Taylor gehört zur Spezies einer politischen Führungselite, die mehrere Identitäten in sich vereint: westliche Bildung, modernes Raubrittertum, auch bekannt als "Warlord-Syndrom", und afrikanische Traditionen. Und es gibt viele Taylors in Afrika, wenn auch nicht alle unbedingt so prominent sind wie der Ex-Präsident Liberias. Sie setzen diese Identitäten nach Bedarf ein, nehmen heute diese und Morgen jene Form an. Sie sind in der Lage, mühelos politische Interessenlagen zu analysieren, auch die Interessen der internationalen Gemeinschaft. Und nur weil die Gegner Charles Taylors aus dem gleichen Holz geschnitzt sind wie er selbst, eskalierte der Bürgerkrieg und durchbrach das Desinteresse der internationalen Gemeinschaft am Krisenherd Westafrika.

Charles Taylor hat für sich persönlich einen Teilerfolg im Spiel um Macht und Einfluss erzielt, auch wenn Liberia zerstört ist. Er beherrschte das Spiel mit der Tradition und handelte seinen "Afrikanischen Brüdern" einen eleganten Abgang ab. Das leidende Volk interessiert da allenfalls ganz am Rande. Dafür stehen dann ja die westlichen Hilfsorganisationen gerade.

Statt nun den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen zu müssen, kann der Mittfünfziger mit hoher Wahrscheinlichkeit als Frührentner im Exil seinen Reichtum genießen. Und er wird diesen Reichtum einsetzen und aus der Ferne als politischer Brandstifter weiter agieren. Denn nichts ist schlimmer für einen afrikanischen Politiker als im Abseits stehen zu müssen und irrelevant zu sein.

Der Abgang von Charles Taylor ist ein trauriges Beispiel dafür, wie wenig die potentiellen westlichen Interventionsstaaten – wohlgemerkt nur mit UN-Mandat – von Machtpolitik in Afrika verstehen.

Sollte Taylor ungestraft davonkommen, und darauf deutet im Augenblick alles hin, ist an ein Erfolg versprechendes Krisenmanagement weder in Westafrika noch an anderen Brandherden zu denken. Das heißt, die internationale Gemeinschaft muss über Afrika neu und selbstkritisch nachdenken. Und zwar bald.

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