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Asien

Tausende zivile Opfer im Swat-Tal

Mit aller Macht geht die pakistanische Armee gegen Taliban vor - und nimmt dafür hohe Opferzahlen unter der lokalen Bevölkerung in Kauf.

Kind im Flüchtlingslager (Foto: Thomas Kruchem)

Kinder in den Lagern wirken traumatisiert - zum Spielen gibt es nur Erdbrocken

Die Sonne brennt auf lange Reihen grau-grüner Zelte, auf mit Ziegeln ummauerte Feuerstellen. 46 Grad zeigt das Thermometer an der Verwaltungsbaracke; die Luft scheint zu zittern im Vertriebenenlager Sheikh Shezad außerhalb der nordwestpakistanischen Stadt Mardan.

Geduckt im Schatten der Zelte spielen kleine Jungen mit Erdbrocken; verhüllte Frauen schließen hastig Zeltöffnungen, während Männer im traditionellen Baumwoll-Anzug, dem Shalwar Kameez, sich zögernd dem Besucher nähern. Bärtige Pashtunen mit zornigem, traurigem und bisweilen leerem Gesichtsausdruck. Männer, die sich noch vor einigen Wochen auf ihre Kartoffel-, Pfirsich- und Weizenernte freuten im legendär fruchtbaren und schönen Swat-Tal, der 'Schweiz Pakistans'. Dann aber kamen die Bomber und Kampfhubschrauber.

Anweisungen per Moschee-Lautsprecher

Wüstenähnliche Landschaft (Foto: Thomas Kruchem)

Die meisten Lager liegen in wüstenähnlichen Landschaften - oft ist es hier 50 Grad heiß.

"Mitten in der Nacht", so berichtet Familienvater Javed Khan, "schreckte uns das Dröhnen von Hubschraubern aus dem Schlaf. Wir hörten Explosionen und sahen, wie eine Rakete in ein Nachbarhaus einschlug. Die Bewohner eine Mutter und ihre beiden Söhne waren sofort tot." Im Morgengrauen, erzählt Kahn weiter, hätten die Soldaten über die Moschee-Lautsprecher eine Ausgangssperre verkündet, die mehrere Wochen dauerte. Etliche Verletzte seien in dieser Zeit gestorben; die Toten in den Häusern begraben worden. Erst nach 35 Tagen durften die Bewohner ihr völlig zerstörtes Dorf verlassen.

Javed Khan lebte nahe Mingora, der größten Stadt des Swat-Tals. Wie er und seine Familie sind in den letzten Monaten drei Millionen Menschen aus diesem Tal und anderen Regionen des Nordwestens geflohen; aus Regionen, in denen in den letzten Jahren die radikalislamistischen Taliban die Macht übernommen hatten. Jahrelang ließ Pakistans Regierung die Extremisten gewähren, ließ sie Frauen auf offener Straße auspeitschen und hunderte Mädchenschulen niederbrennen.

Niemand zählt die Opfer der Bombardements

Mann mit Schubkarre (Foto: Thomas Kruchem)

Aus Ziegelsteinen werden Kochnischen gebaut

Erst auf massiven Druck der USA hin begann die Armee Ende April, die Taliban aus dem Swat-Tal zu vertreiben. Allerdings mit Flächenbombardements, die zahllose Todesopfer forderten, berichtet Amjad Khan, Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe, der im Lager Sheikh Shezad alleinstehende Frauen und Kinder versorgt. Nach seiner Einschätzung nach vielen Gesprächen mit Vertriebenen und Helfern sind wohl Tausende Zivilisten getötet worden.

In Pakistans Medien kommen die zivilen Opfer der Militäroperation nicht vor. Dort werden werden ausschließlich Verlautbarungen der Armeeführung wiedergegeben, nach denen im Swat-Tal 900 bis 1500 Taliban getötet und etwa 4000 vertrieben wurden. Abdullah Jehan, Bürochef des Fernsehsenders Geo TV in Peshawar, reagiert sehr empfindlich auf die vorsichtige Frage nach ethischen Problemen mit dieser Art der Berichterstattung. "Ich zähle zu denjenigen, die es für notwendig halten, so zu handeln, um unsere Gesellschaft von diesen schädlichen Elementen zu befreien," antwortet der Journalist sichtlich entrüstet - und fügt hinzu: "trotz des hohen Kollateralschadens. Wir haben keine Wahl." Gerade Deutschland und andere NATO-Staaten hätten doch massiven Druck auf Pakistan ausgeübt, sich vom Extremismus zu befreien, sagt Jehan."Und jetzt kommen sie uns mit Ethik."

Vertriebene ohne Perspektive?

Liege in Lager (Foto: Thomas Kruchem)

Fast alle der drei Millionen Vertriebenen wurden von Privatpersonen aufgenommen

Im Lager Sheikh Shezad hat die Abenddämmerung etliche Kinder aus den Zelten hervor gelockt. Auch die beiden Töchter von Javed Khan, einem nachdenklichen jungen Mann, der die Schuld an Bombardements und Vertreibungen nicht allein der Regierung zuschieben will. Leise berichtet Khan von öffentlichen Hinrichtungen durch die Taliban und, wie sie sich mit Waffengewalt über Beschlüsse von Jirgas, Stammesräten, hinwegsetzten. Das Leben unter den Taliban war schon bedrückend, sagt er. Ständig hätten sie die Leute kontrolliert und gefragt, wohin man ginge. Immer wieder habe er gesehen, wie die Taliban Leute schlugen. "Und unseren Mädchen haben sie nicht erlaubt, zur Schule zu gehen." Menschen so zu tyrannisieren, hält Javed Khan für verwerflich. Andererseits habe er nie gehört, dass die Taliban Unschuldige einfach umgebracht hätten - so, wie es die Bombenflugzeuge der Regierung täten.

Angst vor den Seuchen des Monsun

Und just, als er dies sagt, heult einmal mehr ein Kampfhubschrauber dicht über das Lager hinweg. Die Augen mehrerer Kinder weiten sich; wie von Sinnen stürzen sie in die Zelte zu ihren Müttern. Diese Mütter huschen erst, als es dunkel wird, in Burkas gehüllt zur Toilette; und voller Sorge erwarten sie den jetzt hereinbrechenden Monsun. Kaum ein Zelt im Lager Sheikh Shezad ist wasserdicht; der Regen wird Kleider und Matratzen durchnässen, es wird Schlamm-, Moskito- und Hygieneprobleme geben. Mittlerweile hat zwar das Militär begonnen, einige Vertriebene zurück zu führen - aber wohin? In zerbombte Dörfer ohne Strom - und Wasserversorgung, wo vielleicht Heckenschützen der Taliban auf Rückkehrer schießen?

Autor: Thomas Kruchem

Redaktion: Nicola Reyk