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Wirtschaft

Taumeln die deutschen Banken?

Deutsche Bank minus 13.000, Dresdner minus 11.000, Hypovereinsbank minus 9.100 Arbeitsplätze – es gibt derzeit Angenehmeres, als bei einer deutschen Bank zu arbeiten. Ein Hintergrundbericht von DW-WORLD.

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Dresdner Bank: Schwer verdaulich für die Hypovereinsbank

Tausende Bankangestellte werden in diesen Tagen entlassen, Hunderte Filialen geschlossen. Noch vor wenigen Jahren galt bei Universitätsabsolventen einer der hoch bezahlten Jobs im Investmentbanking als das Maß aller Dinge. Nach dem Platzen der Börsenblase entlassen die Banken vor allem dort Angestellte. Den deutschen Finanzinstituten geht es gar nicht gut. Manche Analysten ziehen bereits Parallelen zu den japanischen Banken, die seit Jahren in einer tiefen Krise stecken und vor sich hin siechen.

Die Kosten müssen runter, die Gewinne rauf. Das ist bitter nötig, denn die Aktienkurse der deutschen Banken sind in ein tiefes Loch gefallen. Alleine in den vergangenen vier Wochen hat der Branchenindex "DAX 100 Banks and Financial Services", also der Index der Banken und Finanzdienstleister unter den 100 größten deutschen Aktien, knapp 40 Prozent seines Wertes verloren.

Manipulationen und Gerüchte schaden der Commerzbank

Besonders hart traf es die Commerzbank. Sie fiel zwischenzeitlich sogar auf ein Zwanzig-Jahrestief. Gerüchte über Finanzprobleme wurden an der Börse gestreut, ohne dass diese in irgendeiner Form konkret nachgewiesen werden konnten. Bereits im August hatte Roland Flach, Vorstandschef der WCM Beteiligungsgesellschaft, mit 5,5 Prozent einer der Großaktionäre der Commerzbank, unlautere Machenschaften hinter dem dramatischen Kursverfall der viertgrößten deutschen Bank vermutet: "Betrachten Sie die Rückgänge bei der Commerzbank, betrachten Sie die riesigen Umsätze. Das ist kein günstiges Bild für die Börse. Insofern stimmt es eben nicht, dass der Markt immer recht hat und ein Unternehmen immer richtig bewertet. Sondern es sind schlicht und ergreifend Manipulationen, die hier stattfinden", so Flach.

Commerzbank Hauptsitz in Frankfurt

2001/8/9 Commerzbank headquarters, Frankfurt, Germany,

Auch die Kreditbewertungsagentur "Standard and Poor's" hält Sorgen über eine Liquiditätskrise bei der Commerzbank für unbegründet. Das Kursminus trifft aber nicht nur die Commerzbank, sondern alle großen deutschen Banken. Auch die Versicherungen hat es mit in die Tiefe gerissen. Das ist auch ein Ergebnis der Entwicklung weg von reinen Banken oder Versicherungen hin zu sogenannten Allfinanzkonzernen. So hat die größte europäische Versicherung, die Allianz, im Juli 2001 die damals zweitgrößte deutsche Bank, die Dresdner Bank, geschluckt. Eigentlich müsste man fast sagen, dass sie sich daran verschluckt hat. Denn seitdem hat der Kurs der Allianz mehr als zwei Drittel seines Wertes verloren.

Hypovereinsbank würgt heftig am Dresdner Brocken

Nun versucht die Allianz verzweifelt, das Ruder bei der hoch defizitären Dresdner Bank herumzureißen. Kosten in Höhe von zwei Milliarden Euro sollen eingespart werden. Außerdem soll sich die Dresdner Bank aus Asien und Lateinamerika zurückziehen. Der Rückzug der Dresdner aus Übersee ist ein klares Zeichen für die Schwäche der deutschen Banken. Sie sind mit ihren geringen Renditen und hohen Kosten international nicht wettbewerbsfähig - die einzig halbwegs löbliche Ausnahme ist der Branchenprimus Deutsche Bank. Bezeichnenswertes Detail am Rande: Die amerikanische Citibank gilt als die einzige Bank, die in Deutschland im Massenkundengeschäft dicke Gewinne einfährt.

Zu niedrige Gewinnspanne, zu hohe Kosten

Eine deutliche Sprache sprechen auch die Zahlen der Deutschen Bundesbank: Demnach sank die Eigenkapitalrendite vor Steuern aller deutschen Banken von 9,3 Prozent im Jahr 2000 auf nur noch 6,2 Prozent im Jahr 2001. Für das laufende Jahr 2002 rechnet die Bundesbank sogar noch mit einer weiteren Verschlechterung. Zum Vergleich: Die spanischen Banken kommen auf eine Eigenkapitalrendite von knapp 13 Prozent - damit arbeiten sie mehr als doppelt so profitabel wie ihre deutschen Konkurrenten.

Überversorgung mit Bankfilialen

Mit 1.777 Einwohnern pro Bankfiliale hat Deutschland nach Angaben der Kreditbewertungsagentur "Standard and Poor's" eines der dichtesten Banknetze der Welt. Bei insgesamt etwa 760.000 Angestellten arbeitete Ende 2001 fast jeder Hunderste Deutsche in einer Bank. Neben den hohen Kosten macht den privaten Banken die Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken zu schaffen, die in Deutschland auf einen Marktanteil von 35 Prozent kommen. Durch die staatlichen Garantien können diese preisgünstig arbeiten.

Aktienkrise wirkt doppelt negativ

Verschärft wird die Lage der Banken derzeit durch weitere Faktoren, sagt Wirtschaftsforscher Jörg Beyfuss vom Institut für Wirtschaft aus Köln: "Eine Ursache liegt darin, dass die Aktienkurse weggebrochen sind. Die Aktienbörse ist eines der Hauptbetätigungsfelder der Banken und auch eine der in früheren Jahren entscheidenden Quellen der Gewinne."

Deutsche Bank Hauptquartier in Frankfurt am Main

Deutsche Bank headquarters twin towers, Frankfurt, Germany, photo

Dazu drückt die Börsenkrise den Wert der Aktienbestände, die sich im Besitz der Banken befinden. Davon sind vor allem auch Versicherungen wie Allianz und Münchener Rück betroffen, die Milliarden in Aktien investiert haben. Nicht zuletzt bereitet die weltweite Wirtschaftsflaute den Banken Sorgen. In Argentinien mussten sie Kredite und Investitionen abschreiben, hier war beispielsweise die Dresdner Bank über eine Tochterbank stark engagiert.

Kein "japanisches Virus" in Deutschland

Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Firmenpleiten und damit die Höhe der faulen Kredite zu. Der Merrill Lynch-Analyst Stuart Graham sieht bereits beunruhigende Parallelen zwischen dem deutschen und dem japanischen Finanzsektor. "Noch nie waren wir so sehr über die deutsche Bankbranche beunruhigt", schreibt er in einer Analyse. In beiden Ländern hätten die Banken eine niedrige Ertragskraft, in beiden Ländern sänken die Aktienkurse und damit der Wert der Beteiligungen im Besitz von Banken und Versicherungen.

Doch der Vergleich mit Japan geht anderen Wirtschaftswissenschaftlern deutlich zu weit. Zwar seien Japan und Deutschland Länder mit einer großen Scheu vor tief greifenden Reformen, stimmt Jörg Beyfuss der Analyse zumindest teilweise zu. Doch der Konjunkturexperte wehrt sich dagegen, Parallelen zwischen der Bankenkrise in Japan und dem schwächelnden Finanzsektor in Deutschland zu ziehen, vor allem deshalb "weil es in Deutschland ein funktionierendes System der Bankenaufsicht gibt. So ist diese Anhäufung von faulen Krediten, wie wir sie in Japan beobachtet haben, gar nicht möglich."

Fazit: Die deutschen Banken machen zu wenig Gewinn, eine richtige Bankenkrise mit Liquiditätsengpässen wie in Japan droht momentan aber noch nicht.

  • Datum 11.10.2002
  • Autorin/Autor Johannes Beck
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2k6S
  • Datum 11.10.2002
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