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Kultur

Tattoos für alle

Fast jeder vierte junge Deutsche ist tätowiert. Immer öfter an sichtbaren Stellen. Sport- und Fernsehstars machen es vor: Kaum ein Fußballer ist ohne Tattoo, Rockmusiker sowieso. Nun auch der Herr von nebenan.

Porträt eines Mannes mit tätowiertem Kopf (Foto: DW)

22nd Tattoo Convention Berlin 2012

Der Manager streckt seine Hand, von der ein Totenkopf lächelt, zur Begrüßung aus. Die Empfangsdame trägt am Hals eine tätowierte Kette: Das ist in Deutschland langsam ein normaler Anblick geworden. Tattoo-Träger zeigen selbstbewusst, was sie haben: Auffällige Zeichnungen an Hals oder Unterarmen, an Händen, Fingern und manchmal sogar auf dem Gesicht - sowas ist schon lange kein Zeichen mehr für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Randgruppe.

"Dass die Tattoos großflächiger und sichtbarer werden, zeigt die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz", sagt Dirk Hofmeister über die Entwicklung. Er ist Psychologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und forscht über die Verbreitung von Tattoos.

Fotorealistische Motive im Trend

Der litauische Tätowierer Andrius Augulis alias Augis Tattoo (Foto: DW)

Andrius Augulis alias Augis Tattoo, der "Meister" aus Litauen

Im Dezember 2012 fand in Berlin die "Tattoo Convention" statt, eine der wichtigsten internationalen Tattoo-Messen. Hier trafen sich viele Tattoo-Künstler aus aller Welt, Besucher mit zahlreichen Körpertätowierungen, sowie einfach nur Neugierige. Auch der litauische Tattoo-Meister Andrius Augulis war zur Messe gekommen. Augulis, der unter dem Künstlernamen Augis Tattoo arbeitet, hat festgestellt, dass die Leute im Westen Europas viel mutiger bei der Wahl ihrer Motuive sind. Der in Dänemark lebende und arbeitende 26-jährige "Meister" zeichnet am liebsten die gerade angesagten fotorealistischen Motive.

Trends wechseln recht schnell in der Tattoo-Szene. In einem Jahr sind "Tribals" (Stammeszeichen) aus verschiedensten Kulturen gefragt, Blumenornamente und Schmetterlinge im nächsten. Auch asiatische Motive von Schriftzeichen bis zu Gottheiten waren in den letzten Jahren sehr beliebt. Ein Dauerbrenner sind martialische Unholde und andere Fantasywesen.

Darauf, welchen Körperteil der Kunde sich tätowieren lassen möchte, möchte Augis Tattoo keinen Einfluss nehmen, für sich selbst schließt er bestimmte Körperregionen aber noch aus: "Ich würde mir kein Tattoo auf die Hand oder den Hals machen. Das erscheint mir zu provokativ", meint der Litauer. "Vielleicht, wenn ich über 40 bin."

Wie viel Rebellion steckt dahinter?

Dirk Hofmeister (Foto: DW)

Dirk Hofmeister selbst hat kein Tattoo, ihm fehlt das richtige Motiv

Psychologe Hofmeister sagt, dass die Entscheidung für ein Tattoo an sichtbaren Körperstellen trotz zunehmender Toleranz immer noch Mut erfordere. "Auffällige Tattoos auf Extrembereichen wie Kopf oder Hals gelten öfter als ein Zeichen von Rebellion. Wenn der Chef sagt, dass er kein Tattoo sehen möchte, dann hat man ein Problem, denn den Hals kann man eigentlich kaum verdecken." Ein Tattoo am Oberarm könne man noch unter dem Hemd verstecken. "Generell kann man aber nicht sagen, dass Leute mit sichtbaren Tätowierungen Rebellen sind. Man muss sich natürlich den Menschen genau anschauen", sagt der Psychologe.

Eine kritische Haltung gegenüber Tattoos dürfte laut Hofmeister immer seltener vorkommen. Von Verbot spricht sowieso kaum jemand. Wobei es in einigen Berufen schon noch Einschränkungen gibt. "Jemand mit einem Gesichtstattoo könnte Probleme bekommen, wenn er Kunden für eine Versicherung betreut. Polizisten dürfen zwar Tattoos haben, die aber müssen im Dienst bedeckt sein", weiß der Wissenschaftler.

Einfluss durch Fernsehen und Sport

Einfluss auf die Akzeptanz von Tattoos haben laut Hofmeister auch Faktoren wie Fernsehen und Sportler. "Das Fernsehen ist ein recht guter Trendspiegel für die Gesellschaft. Wenn etwas hier behandelt wird, zeigt sich auch, wie die gesellschaftliche Akzeptanz ist."

Mann im Tattoo-Studio während der Prozedur (Foto: DW)

Für Kunst auf dem Körper nimmt man die Schmerzen gern in Kauf

Bis Ende der 1990er Jahre habe, wer tätowiert war, bestimmte Rollen bekommen - als Krimineller oder Rebell. "Heutzutage ist es anders, es werden Dokumentationen und Soaps über Tätowierte gedreht. Man zeigt, dass sie normal leben und nicht aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind“, sagt Hofmeister.

Das zeigt sich auch an den inzwischen weit verbreiteten Tattoos bei Sportlern: Sie verkörpern die Mitte der Gesellschaft - Fußball ist das beste Beispiel: Es wird in allen Gesellschaftsschichten geguckt. Schaut man sich ein Bundesliga-Spiel an, kann man die nicht tätowierten Spieler an einer Hand abzählen.

Tattoos: Trend statt Stigma

Natürlich gibt es Gruppen, die die Tätowierung als Marke tragen, als Symbol für ihre Zugehörigkeit. Kenner der Szene wissen, dass bestimmte Zeichen ihre spezielle Bedeutung haben, Spinnengewebe zum Beispiel standen früher für einen Gefängnisaufenthalt. Auch kahlgeschorene, tätowierte Köpfe wirken schnell beängstigend, weil sie meistens Rockern oder Rechtsradikalen zugeschrieben werden.

Der nette Nachbar von nebenan lässt sich eher ein schönes Kunstwerk auf den Arm stechen als ein Knastsymbol. Die mutigeren Tattoo-Träger sind übrigens Frauen: Ein mit Ornamenten verziertes Dekolleté ist längst nicht mehr so exotisch wie vor wenigen Jahren noch.

Totenkopf mit Blumenornamenten auf dem Dekolleté einer Frau

Hier wird's schwierig, die passende Halskette zu finden

So hat Hofmeister, der das Phänomen Tätowierung seit mehr als vier Jahren erforscht, auch festgestellt, dass Tattoos immer seltener mit Stigmatisierung in Verbindung gebracht werden. "Früher warf man Tätowierten weniger angepasstes Verhalten vor, eine größere Neigung zu Alkohol, größere Promiskuität, und generell risikoreicheres Verhalten."

Hofmeister hat auch beobachtet, dass mittlerweile kein Unterschied mehr zwischen Tätowierten und nicht Tätowierten gemacht wird. "Es wäre auch absurd, das zu behaupten, denn wir wissen, dass etwa ein Viertel der Erwachsenen unter 25 Jahren tätowiert ist. Fast in jeder Familie gibt es jemanden, der Tattoos trägt. Das kann man kaum als stark abweichendes Verhalten bezeichnen", meint der Psychologe.

Die litauische Journalistin Vytenė Stašaitytė ist derzeit zu Gast in der Redaktion der Deutschen Welle. Das litauische Nachrichtenportal delfi.lt nimmt am journalistischen Austauschprogramm "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts teil. Während dieses Projektes tauschen Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für einige Wochen ihre Arbeitsplätze. Im März 2013 wird DELFI die DW-Reporterin Monika Griebeler zu Besuch haben.

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