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Kultur

Tattoos bleiben hip

Es hat längst seinen Ruf als Zeichen für Outlaws, Knackis, Punks und böse Rockmusiker verloren: Das Tattoo ist salonfähig geworden. Immer wieder gibt es neue Trends. Ein Besuch bei einem der besten "Stecher" Deutschlands

Wenn Jango seine Nadel anwirft, ist höchste Konzentration angesagt. Denn was er in die Haut anderer Menschen ritzt, muss hundertprozentig gelingen. Jede seiner Tätowierungen ist sein Werk, das andere als lebende Werbeträger mit sich herumtragen. Durch gute Arbeit wird ein Tätowierer bekannt. "Jango ist einer der Besten", hat eine Freundin empfohlen, als ich den Plan hatte mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Tattoo stechen zu lassen. Bei Jango waren vor mir auch schon viele Musiker aus der Rock- und Metal-Szene. Bei Rockfestivals wird er gerne mal von den Künstlern gebucht. Dann reist er mit seinem Equipment zum Festivalort und tätowiert die Bandmitglieder in ihren Garderoben.

James Hetfield von der U.S. Heavy-Metal-Band Metallica (Foto: ap)

Trägt James Hetfield (Metallica) auch ein Werk von Jango?

Dabei bekommt er sicher so einiges mit: Voller Ehrfurcht bin ich versucht, mir vorzustellen, wie er vielleicht Jeff Rouse von "Duff McKagan's Loaded" einen Jesus in den Unterarm sticht oder Keith Caputo von "Life of Agony" einen Schmetterling verpasst. Doch was wirklich in den Garderoben passiert, da hält Jango sich eher bedeckt, auch mit großen Namen wirft er nicht so um sich, und Klatsch und Tratsch sind nicht sein Ding.

Der Selbstversuch

Ich habe beschlossen, mir einen Gecko über dem Fußknöchel stechen zu lassen. "Ausgerechnet dort, wo die Haut so dünn ist, das tut doch weh", hieß es aus dem Freundeskreis. Aber wer schon einmal seine Beine mit einem Epilierer enthaart hat, weiß, was wahre Schmerzen sind. Und so begebe ich mich vertrauensvoll in die Hände von Jango, der sein Studio in Köln neben einem Rockschuppen mit Biergarten und Hinterhofwerkstatt hat. Es ist ganz in schwarz gehalten, an den Wänden hängen Bilder seiner Werke und jede Menge Auszeichnungen. Es riecht leicht nach Desinfektionsmittel, aus den Lautsprechern tönt knackiger, schwerer Metal. Jango selbst ist auch tätowiert und gepierct, selbst am Kopf.

Mir fallen sofort die Tätowierungen an seinem rechten Unterarm auf: ein filigranes Frauenporträt, zart wie eine Bleistiftzeichnung. Seine Mutter, sagt er. Ebenso fein ist das Augenpaar auf der anderen Seite. Jetzt aber ist mein Gecko an der Reihe. Jango bringt die Umrisse und wichtigsten Linien auf Blaupapier, das später auf die Haut gedrückt wird wie eine Schablone. Das macht er bei allen Tattoos, damit am Ende keine Linie falsch verläuft oder die Perspektive verrutscht. Bis er endlich zur Nadel greift, kann es unter Umständen noch ziemlich lange dauern. "An den Outlines sitze ich schon mal vier bis fünf Stunden. Wenn es so ein ganzer Rücken ist mit vielen kleinen Details."

der Kölner Tätowierer Jango in seinem Studio (Foto: Silke Wünsch/DW)

Jango in seinem Studio

An der Wand hängt ein Regal voller Farbfläschchen mit der speziellen Tätowier-Farbe, die mit der Nadel in die Haut gestochen wird. Die Nadel schwingt an einer Spule hin und her mit extrem hoher Geschwindigkeit. Heute ist das Tattoo-Stechen eine weitaus weniger schmerzhafte Angelegenheit als früher, als man noch mit einzelnen Nadeln arbeitete.

Jango arbeitet ruhig und sehr konzentriert. Ich als Neuling bin erstaunt, wie wenig es weh tut, nur an manchen Stellen muss ich doch die Zähne zusammen beißen. Ob ihm denn schon mal jemand vom Stuhl gesprungen sei, möchte ich wissen. Nein, das sei bei ihm noch nicht vorgekommen. "Aber es gibt gute Tage und schlechte. Manchmal hält man einfach nicht so viel Schmerz aus, dann sagt man schon mal: Gut, das reicht jetzt, ich komm noch mal wieder."

Ein Trend, der nicht abbricht

Tätowierte Kapa Haka Maori-Krieger (Foto: dpa)

Jeder Strich ein Symbol: Tätowierte Maori-Krieger

Tätowierungen haben in vielen Gegenden der Welt eine Jahrtausende alte Geschichte. Noch heute werden traditionelle Stammeszeichen mit ebenso traditionellen Werkzeugen tätowiert. Im westlichen Kulturkreis ist es noch nicht lange her, dass Tätowierungen vor allem Symbole der Halbwelt waren. Zwielichtige Typen trugen sie, Ex-Knackis, Matrosen. Herz und Anker waren typische Zeichen. Auch heute noch gibt es in dieser Szene Motive, die eine ganz klare Aussage haben: Das Spinnennetz am Ellenbogen ist ein Zeichen für den Knast. Tränen im Gesicht stehen für Jahre hinter Gittern. Jango reagiert skeptisch, wenn jemand in sein Studio kommt und diese Motive wünscht. Und ganz kategorisch lehnt er radikale politische Aussagen ab, egal aus welcher Richtung sie kommen. Und dann grinst er: "Ein Tattoo mit Motiven des 1. FC Köln mache ich, aber nicht den FC Bayern."

In den 1990er Jahren öffneten in Deutschland zahlreiche Tattoo- und Piercing-Studios, fast schon explosionsartig waren sie überall auf einmal da. Die Mode aus der extremen Musikwelt hatte die breite Masse erreicht, egal aus welcher Ecke die Strömung kam: Punk, HipHop, Metal, Dark Wave. Es gibt keine Motive die es nicht gibt und es gibt kaum ein Körperteil das sich nicht tätowieren lässt. Wenn jemand einen ganz speziellen Wunsch hat, dann guckt Jango sich die Leute ganz genau an und entscheidet dann.

Eine tätowierte Schlange windet sich um den Rumpf einer Frau. Foto: Jango's Coeln Tattoo

Die Schlange gehört zu Jangos Lieblingskreationen

Wenn er die Leute sehr gut kennt, ritzt er auch schonmal den Namen einer Frau in die Haut eines verliebten Mannes. Sonst nicht. "Einmal hat eine Frau sich im Schritt den Namen ihres Kerls tätowieren lassen. Die kam schon wieder zurück und wollte das weg haben, als es noch gar nicht verheilt war!"

Schönste Stelle des Körpers

Tattoo-Trends gibt es immer wieder, gerade bei Frauen. Sie machen zwei Drittel seiner Kundschaft aus, sagt Jango, und Frauen wollen zur Zeit "Blumen und Ornamente. Vorher waren es Schmetterlinge, Vögelchen und jede Menge Sterne. Und immer mehr wollen jetzt einzelne Wörter, Sprüche oder ganze Gedichte." Auch asiatische Motive sind gefragt, bei Männern wie bei Frauen: Schriftzeichen, Gottheiten oder Drachen. Immer wieder werden die wüstesten Gestalten gewünscht, glutäugige Totenköpfe oder andere Unholde aus der Fantasiewelt, garniert mit martialischen Schwertern und Flammen.

Tätowierung über dem Steißbein (Arschgeweih genannt) - Foto: Jango's Coeln Tattoo

Leider ist dieses Tatoo "out"

Die ganz großen Trends gibt es aber nicht mehr. Die Indianerfrau auf dem Schulterblatt ist ebenso ausgestorben wie das Tribal über dem Steißbein, besser bekannt als "Arschgeweih". Keine faire Bezeichnung sei das, meint Jango. "Als dieses Wort aufkam, wollte keine mehr dieses Tattoo haben. Und das ist schade. Denn das ist eine der schönsten Stellen, an der man einen Frauenkörper tätowieren kann, weil man so schön mit den Körperformen arbeiten kann."

Jango ist 45 Jahre alt und hat eher zufällig mit dem Tätowieren angefangen. Eigentlich war er Requisiteur beim Musik-Kanal VIVA. Auf die Bitte eines Freundes hin hat er dann einmal mit geliehener Ausrüstung versucht, ihm ein Tattoo zu stechen. Es bleib bei dem Versuch. Er hat sich dann eine ganze Weile darauf beschränkt, für Freunde und Bekannte Tattoovorlagen zu zeichnen. Irgendwann packte es ihn dann doch, er lernte das Handwerk und machte sich schließlich als "Dermatograph" selbständig. Sein Studio läuft gut und sein Terminkalender ist voll. Manchmal muss man wochenlang auf einen Termin warten.

Ein frisches Gecko-Tattoo, entstanden im Studio Jango's Coeln Tattoo. Foto: Silke Wünsch/DW

Das erste von vielen?

Nach zwei Stunden ist mein Gecko fertig. Er ist dann doch etwas größer geworden als geplant, und beim Blick in den Spiegel muss ich mich erst mal an meinen eigenen Anblick gewöhnen. Aber schön ist das Tier auf jeden Fall geworden. Die Farbverläufe gefallen mir gut, und nur kurz will sich mir die Befürchtung aufdrängen, dass ich für den Rest meines Lebens vorsichtig mit der Farbe meiner Schuhe sein muss. Jetzt bin ich also tätowiert. "Willkommen im Club", sagt Jango. Und fügt grinsend hinzu: "Was ich noch nicht gesagt habe: Das macht süchtig!"

Autorin: Silke Wünsch

Redaktion: Marlis Schaum

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