Tatreez: gestickte Botschaften aus Palästina | Kultur | DW | 12.03.2018
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Kultur

Tatreez: gestickte Botschaften aus Palästina

Die traditionelle Stickerei "Tatreez" ist ein Symbol für die kulturelle Identität palästinensischer Frauen. Warum die alte Tradition inzwischen gefährdet ist, erklärt die Fotografin Fatima Abbadi im DW-Gespräch.

"Ich fing mit der Stickerei an, als ich als kleines Mädchen in Jordanien lebte. Schließlich ist das ein beliebtes Hobby von palästinensischen Frauen. Obwohl es mittlerweile nicht mehr so weit verbreitet ist wie früher, besitzt jede Familie mindestens ein handbesticktes Kleid oder ein Accessoire", sagt die Fotografin und Tatreez-Expertin Fatima Abbadi, die jordanisch-palästinensische und italienische Wurzeln hat.

In ihrem Buch "Parallel Orientalism" stellt Abbadi, die in zwei verschiedenen Kulturkreisen großgeworden ist, Stereotypen und tief verankerte Klischees von Frauen im Osten und Westen einander gegenüber. Während ihrer Arbeit an diesem Buch entdeckte sie auch die reiche Tradition der farbenprächtigen Tatreez-Stickerei wieder: "Sie ist eng verbunden mit nationaler Kultur und Identität. Die Muster sind Erinnerungen an Geschichten von Frauen und ihrer Umgebung", führt Abbadi weiter aus.

Das traditionelle Kunsthandwerk ist inzwischen zu einem Symbol politischen Widerstandes geworden und stellt gleichzeitig eine der wenigen Einkommensquellen für Frauen dar, die geschieden, getrennt lebend oder verwitwet sind oder in Flüchtlingslagern leben. Im DW-Interview erklärt Abbadi, warum die weitere Existenz der alten Tradition gefährdet ist.

DW: Tatreez ist immer Frauen vorbehalten gewesen. Wie kann dieses Handwerk zum Prozess der Befreiung von palästinensischen Frauen beitragen?

Fatima Abbadi: Es ist ein sehr mächtiges Instrument. Vor dem Exodus der Palästinenser nach der Gründung des Staates Israel 1948 spielten Frauen in der palästinensischen Gesellschaft eine starke und unabhängige Rolle. Frauen wurden respektiert. Und die Art und Weise, wie ihre Kleider bestickt waren, spiegelte ihre Position wider. Oft wurden luxuriöse Materialien benutzt, wie Seide, Leinen oder Brokat aus Syrien, die mit Fäden aus Gold oder anderen wertvollen Metallen bestickt wurden. Damals besuchten Mädchen und Frauen Schulen und Universitäten, sie reisten viel und gingen in die Oper oder ins Kino. Sie sammelten sogar Gelder und verteilten Lebensmittel während der arabischen Revolte in den 1930er Jahren.

Nachdem die Palästinenser in Flüchtlingslager vertrieben worden waren, fanden sich die Frauen - in den meisten Fällen zum ersten Mal - plötzlich in der Position wieder, dass sie eine Anstellung brauchten, um ihre Familien finanziell unterstützen zu können. Da Tatreez ja ein angesehenes Handwerk von Frauen war, gründeten viele von ihnen Tatreez-Werkstätten, um damit Geld zu verdienen. Es ging also nicht nur darum, Tatreez an die jüngere Generation weiterzugeben, sondern auch darum, Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu erlangen.

Traditionell gekleidete palästinensische Frauen gehen an einem Geschäft vorbei, vor dem Schaufensterpuppen mit westlicher Kleidung zu sehen sind (Foto: Fatima Abbadi )

Westliche Mode verdrängt traditionelle Kleidung

DW: Wie hat dieser historische Wandel Tatreez verändert?

Die Entwurzelung war für palästinensische Frauen sehr schwierig und dadurch ist die Entwicklung der Stickerei quasi stehengeblieben. Da die Frauen nun eine aktivere Rolle in der Gesellschaft einnehmen mussten, hatten sie weder die Zeit noch die Geldmittel, um Luxuskleider für sich selbst zu besticken. Erst in den 1960er Jahren kam Tatreez wieder auf. Aber in einer völlig anderen Form: Baumwollfäden und billige Materialien hatten Luxusmaterialien ersetzt, was die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lebensrealität der Palästinenser widerspiegelte. Die Frauen konnten sich auch nicht mehr so viel Zeit für die Stickereien nehmen - so erschienen nun auch simple geometrische westliche Muster.

DW: Im Gegensatz zu westlicher Mode hat jedes Tatreez-Muster eine bestimmte Bedeutung für die Trägerin und diejenigen, die diese Bedeutung erkennen können. Was für Geschichten erzählen uns denn diese Muster?

Sie symbolisieren den Gesundheitszustand, Reichtum, Schutz und den Familienstatus. Die Muster variieren natürlich auch stark von Region zu Region. In Ramallah zum Beispiel sieht man Motive von Zypressen, Palmen und Federn auf hellem oder schwarzem Leinen. Ein großes hängendes Muster auf der Brust ist typisch für den Gazastreifen. Paschazelte und Monde auf einem dunkelblauen Kleid sind typisch für die Region um Hebron. 

Bethlehem war mal als palästinensisches Modezentrum bekannt, wo sich verschiedene Techniken aus der Türkei, Griechenland und Iran mit den lokalen Symbolen von Rosen und Apfelbaumästen vermischten. In Galiläa, also einem Landstreifen unter syrischem und libanesischem Einfluss, wurden Kleider weniger bestickt, weil die Frauen dort zusammen mit Männern auf den Feldern arbeiteten. 

DW: In Ihrem Buch betonen Sie die Rolle von Tatreez als ein "soziales Netzwerk". Wie ist diese Eigenschaft zustande gekommen? 

Diese Art von Kommunikation hat ihre Wurzeln in den späten 1980er Jahren. Während der Ersten Intifada, also dem Palästinenseraufstand gegen die israelische Besetzung der West Bank und des Gazastreifens, war das Zeigen der palästinensischen Flagge verboten, da dies als Gefährdung der öffentlichen Ordnung angesehen wurde. Nun kam Frauen eine wichtige Rolle im politischen Widerstand zu, indem sie eine neue Form von visueller Kommunikation schufen. Sie kombinierten traditionelle Tatreez-Motive mit Emblemen wie Flaggen, Landkarten oder politischen Slogans. Es war ein Zeichen von Protest und Solidarität, das Symbol einer politischen Einstellung, so ähnlich wie das, was heutzutage #MeToo und #TimesUp repräsentieren.

Aber selbst heutzutage verbindet Tatreez Menschen miteinander. Man findet es quasi überall, auf Schuhen und Taschen, Kissen, Tischdecken, Lampen, Spiegelrahmen und Bechern. Bestickte Kleider hängen in Museen, und viele arabische Popstars, wie zum Beispiel Rim Banna, tragen Tatreez-Kleidung bei ihren Konzerten.

DW: Eins der immer wieder aufkommenden Themen in Ihrem Buch ist die "Verwestlichung" des Nahen Ostens. Wie hat die Globalisierung Tatreez beeinflusst?

Verwestlichung und Modernisierung sind wichtige Prozesse, und beide haben einen wichtigen Teil zum jetzigen Zustand von Tatreez beigetragen. Die junge Generation palästinensischer Modeschöpfer führt nun neue Formen ein und kombiniert traditionelle Muster mit europäischen Stilrichtungen. Und aufgrund von technologischem und sozialem Fortschritt können palästinensische Frauen nun ihre Stickarbeiten in großem Rahmen exportieren.

Aber die Globalisierung hat auch eine Kehrseite. Die meisten Menschen haben es verlernt, Tatreez-Muster zu lesen, also die Bedeutung der Farben, Muster und Symbole zu erkennen. Heutzutage konsumieren die jungen Leute die bildliche Darstellung nur noch oberflächlich, und das Ergebnis davon ist, dass sie nicht in der Lage sind, die Komplexität der Stickerei zu erkennen. Gleichzeitig haben viele berühmte westliche Modemarken Tatreez-Muster benutzt, ohne die ursprüngliche Quelle zu benennen. All dies bedroht jetzt diese traditionelle Kultur.

Die Fotografien von Fatima Abbadi zum Thema Tatreez werden zur Zeit in der Vrije Universiteit Amsterdam ausgestellt.

Das Interview führte Jan Tomes.

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