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Deutschlandtour

Tatort Eifel

Nirgendwo in Deutschland geschehen so viele literarische Morde wie in der Region zwischen Aachen, Trier und Koblenz. Es ist die Idylle der Eifel, die die Krimiautoren zu ihren Werken über fiktive Verbrechen inspiriert.

Cafe Sherlock Holmes und das Deutsche Krimiarchiv in Hillesheim/ Eifel. Aufgenommen am 15.06.2011 von Karin Jäger/ DW. Rechte trete ich an die DW ab.

Cafe Sherlock Holmes und das Deutsche Krimiarchiv in Hillesheim

"Uaaaaah. Hiiiilfe". Der Schrei dringt bis ins Mark. Er kommt eindeutig aus dem Kühlhaus. Carsten Sebastian Henn hat sich in dem Kältelager zwischen Käselaibern einsperren lassen. Probeweise, um zu testen, ob das potentielle Opfer, das dort bei 18 Grad minus dem Kältetod entgegen bibbern soll, von draußen gehört werden könnte. Carsten Sebastian Henn notiert wichtige Details in seinem kleinen Notizbuch und verewigt einige Schauplätze auf seiner Kamera, um sie anschließend im Buch authentisch darstellen zu können.

Krimiautor Carsten Sebastian Henn (links), Besucherin des Vulkanhofes, Schwiegersohn Michael und Landwirtin Inge Thommes-Burbach (re, in blauer Bluse) mit Diego, dem Parade-Ziegenbock auf dem Ziegenhof in Gillenfeld/ Eifel (Foto: DW)

Mord vor Ort recherchiert - Diego und Statisten

Der Krimiautor recherchiert auf dem Vulkanhof in Gillenfeld, denn hier, zwischen mehr als 200 Ziegen, soll Henns neuer Eifel-Krimi spielen. "Im Ziegenstall, in der Salzlake, dem Käsekessel - es gibt hier so viele Orte, um jemanden umzubringen".

Der Autor ist ganz euphorisch, nachdem Inge Thommes-Burbach, Landwirtin auf dem Vulkanhof, ihn noch auf das ultrascharfe Käsemesser, die sogenannte Käseharfe, als mögliches Mordinstrument aufmerksam gemacht hat.

"Als Täter könnte der kapitale Ziegenbock Diego in Frage kommen, der, einmal voll in Fahrt, sein Opfer umnieten könnte. Aber wahrscheinlich steckt die französische Käsemafia hinter dem Verbrechen", versucht Henn eine Vorauswahl potentieller Täter zu treffen.

Premium-Produkte und ausgezeichnete Krimi-Produzenten

Das Motiv: Deutschlands Spitzengastronomie nimmt plötzlich all den französischen Käse aus dem Sortiment und verwendet stattdessen ausschließlich Vulkaneifel-Ziegenkäse. Dass ein solches Szenario der Wirklichkeit sehr nahe kommen könnte, bestätigt Inge Thommes-Burbach mit einem Augenzwinkern. Denn viele ihrer Kunden wollen inzwischen überwiegend regionale Produkte beziehen, freut sich die Landwirtin und Mutter von vier Kindern. Aus Verzweiflung hatte sie ihren Hof 1995 komplett auf Ziegenhaltung umgestellt. Bis dahin hielt sie Kühe, doch das war wegen der Milchberge und der EU-Agrar-Subventionspolitik unrentabel geworden.

Inzwischen wurde der Vulkanhof als eine der besten Käsereien Deutschlands ausgezeichnet. Das Futter bekommen die Tiere aus dem hofeigenen Anbau. Die hochwertigen Produkte reichen von Ziegencamembert bis zu Eis und Pralinen aus Ziegenmilch - und werden sogar im berühmten Berliner Kaufhaus KaDeWe angeboten.

Monika und Ralf Kramp, Betreiber des Eifelkrimihauses mit Buchhandlung, Verlag, Krimiarchiv und Cafe Sherlock Holmes in Hillesheim/ Eifel (Foto: DW)

Eifel-"Kriminalisten" Monika und Ralf Kramp

Zu den Premium-Produzenten der Krimi-Marke "Eifel" gehören auch Jacques Berndorf und Ralf Kramp. Kramp stammt aus dem Eifelstädtchen Bad Münstereifel und betreibt heute das Kriminalhaus in Hillesheim, der Bundeshauptstadt des fiktiven Verbrechens.

"Es gibt ...zig Orte, wo man die Eifel auf ganz unterschiedliche Art und Weise erleben kann. Es gibt wohl kein Mittelgebirge in Deutschland, das so vielgestaltig ist wie die Eifel", sagt Kramp. Er ist eben Eifler aus Überzeugung.

Die Stille hilft, sich selbst zu finden und beflügelt die Fantasie

Jacques Berndorf trieben die Verzweiflung und der Zufall nach Berndorf. Das war 1984. Damals schrieb der unter dem Namen Michael Preute geborene Enthüllungsjournalist über Kriege in Vietnam und dem Libanon und über Korruption in Deutschland. Die traumatischen Erfahrungen hatten ihn zerstört. Nur wollte sich der hochsensible Mensch Preute das nicht eingestehen. Indizien waren sein Alkoholkonsum und der Zustand seiner Familie: "Die war in München kaputt detoniert. Ich musste mir also ein neues Lebensfeld suchen".

Jacques Berndorf, Krimiautor, der deutsche Mankell aufgenommen am 15.06.2011 in Hillesheim/Eifel (Foto: DW)

Deutschlands Mankell: Der Krimiautor Jacques Berndorf lebt und schreibt in der Eifel

So messerscharf, wie seine Worte klingen, so brutal geht es in seinen Werken zu. Sein Pseudonym Berndorf sei eine Hommage an die Eifler, sagt der Autor, der sich zunächst fürchterlich erschrocken habe: über die Stille und die Depression, die über der Landschaft und ihren Bewohnern lag, weil die sich damals in einer ausweglosen Situation befanden. "Als ich hier ankam, waren alle Bauern dabei, ihre Höfe zu schließen. Das Furchtbare war: die saßen da, lösten Kreuzworträtsel, starrten aus dem Fenster, redeten nicht, weil sie es nicht gelernt hatten. Ihr Haus war leer. Es gab keine Kühe, keine Pferde, nichts mehr". Er beobachtete die Menschen in ihrer Lethargie.

Es waren Leute wie Inge Thommes–Burbach, die Landwirtin vom Ziegenhof, die Berndorf so sah. Er beobachtete, fragte, brachte sie zum reden, hörte ihnen zu. Und irgendwann fing er an zu schreiben. Er gab den Leuten Rollen, schuf Charaktere und maß ihnen und den erfundenen Menschen und der Landschaft Bedeutung bei. Mit Dankbarkeit habe er beobachtet, wie sich die jungen Leute neu orientierten, sei es, dass sie neue Strukturen schufen oder zur Arbeit fuhren, wo es welche gab.

Und Berndorf reflektierte sein eigenes Leben. Er begann zu reden über sein Kriegstrauma, schwor dem Alkohol ab und fing an zu schreiben als eine Art Eigentherapie."Ich morde in meinen Büchern für die Menschen, so dass sie das nicht tun müssen", erklärt er sein Tun und die Leidenschaft seiner Leser für Eifel-Krimis.

Authentischer Kriminal-Tourismus hinter sanften Hügeln

Das Derrick-Zimmer im Krimihotel in Hillesheim/Eifel (Foto: DW)

Und wo ist Harry, Herr Derrick?

Auch Ralf Kramp macht sich in seinen Werken zum Anwalt des kleinen Mannes, was die Popularität der Eifel mächtig gesteigert hat. Jedenfalls floriert das Geschäft mit dem fiktiven Verbrechen. Kramp betreibt mit seiner Frau Monika einen eigenen Verlag, eine Buchhandlung, das deutsche Krimiarchiv und das Cafe´ "Sherlock Holmes" in Hillesheim. In dem benachbarten ersten Krimihotels Deutschlands verbirgt sich Grauen pur hinter altem Gemäuer.

Christoph Böhnke aus Hillesheim/ Eifel, (Bildmitte) Direktor des ersten Krimihotels in Deutschland, wird verhaftet von den fiktiven Toto und Harry, den bekanntesten Polizisten Deutschlands (Foto: Krimihotel Hillesheim)

Verhaftet in der Eifel - Christoph Böhnke, der Direktor des Krimi-Hotels

Direktor Christoph Böhnke ist während der Einrichtung der individuell gestalteten Zimmer mit Motiven bekannter Krimiautoren oder Filmtitel zum wahren Experten in Sachen Mord und Totschlag geworden. Da findet der Gast Einschusslöcher in Zimmertüren - und reichlich Krimis. Es gibt Autorenlesungen und Krimidinner.

Zunächst befremdlich kann einem die eine oder andere Gruppe von "Sträflingen" vorkommen, die in grau-weiß-gestreifter Häftlingsmontur am helllichten Tag über die Hauptstraße flaniert. "Das gehört zum Programm", entschuldigt sich mitunter einer der Gäste, die im Hotel "Zum Amtsrichter" übernachten - stilecht in Zellen. Freiwillig natürlich.

Auf Krimiwegen rund um Hillesheim müssen sich Wanderer auf Hinterlist und Heimtücke einstellen. "Das Gute am Krimi ist, dass immer die Wahrheit gefunden wird und dem Guten zu seinem Recht verholfen wird", entgegnet Ralf Kramp dem Eifel-Interessenten, der sich aber nicht recht traut, den Weg dorthin anzutreten. Und so sieht sich Kramp gezwungen, ein Geständnis abzulegen: Die Eifel, seine Heimat, sei alles andere als eine Region, in der Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind.

Wie die Eifel wirklich ist

Ripsdorf, ein Ortsteil der Gemeinde Blankenheim/ Eifel (Foto: DW)

Die Stille spüren bei Ripsdorf

Die Eifel sei eigentlich sanft und liebenswürdig. Vor dem Hintergrund dieser Idylle und der tollen Typen lasse es sich trefflich fantasieren. Wer sich nun gleich auf den Weg machen will Richtung Monschau, Daun oder Nürburgring, braucht weder Schreckschusspistole noch Pfefferspray zur Selbstverteidigung. Wenn man seiner Fantasie freien Lauf lasse, dann könne es vielleicht gefährlich werden, warnt Ralf Kramp. Hinter jeder Straßenecke oder Eiche könne man Gefahr wittern. Das liege ganz im Auge des Betrachters, denn die Eifler selbst seien sehr friedfertig.

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